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Das Publikum nicht unterfordern

Der Bratscher Dimitrios Polisoidis spielt Neue Musik. Weil es für ihn spannender, abenteuerlicher und wichtiger ist, als sich nur den Klassikern zu widmen.

Dimitrios Polisoidis © Miriam Raneburger
Dimitrios Polisoidis
© Miriam Raneburger

Dass es Dimitrios Polisoidis von Thessaloniki nach Graz verschlagen hat, war quasi eine Folge familiärer Vorprägung. Seine Onkel und seine Tante, Christos und Katerina Polyzoidis, unterrichteten an der damaligen Grazer Musikhochschule, heute Kunstuniversität Graz (KUG). „Sie wurden dann auch meine Lehrer", erzählt Polisoidis. Das war 1982. Die Folgen der kleinen griechischen „Kolonisation" von Graz sind bis heute spürbar. Immer wieder haben in Griechenland geborene KünstlerInnen aus dem Bereich Neue Musik die steirische Hauptstadt als Arbeits- und Lebensstadt entdeckt. Polisoidis: „Das liegt sicher an der Stadt selbst, die das richtige Umfeld für Avantgardemusik bietet. Durch das ,musikprotokoll‘, den ,steirischen herbst‘ und die Kunstuniversität, die ein hervorragend besetztes Institut für Komposition führt. Graz ist eigentlich ein Biotop!"

Ein Einstieg in den konventionellen Klassikbetrieb kam für den Bratscher und Geiger nie wirklich in Frage: „Den Schubert und den Beethoven - beide gehören zu meinen Lieblingskomponisten - überlasse ich lieber meinen Kollegen, die aus diesem Kulturkreis stammen und diese Tradition mit der Muttermilch aufgesogen haben." Vielleicht übe die Neue Musik gerade deshalb eine Faszination für Griechen aus, weil „deren kulturelle Herkunft von der europäischen Tradition abgekoppelt ist. ,Avantgarde‘ kann zur einer Art Heimat werden, wie bei Iannis Xenakis."

Die ersten künstlerischen Erfahrungen mit avantgardistischen Klängen sammelte Dimitrios Polisoidis noch in Griechenland. 1980 gründete er mit den Free-Jazz-Musikern Floros Floridis und Michalis Siganidis das Improvisationstrio KROK. Das Improvisatorische hat er nicht aufgegeben. In Graz spielte er mit Bernhard Lang, Rainer Binder-Krieglstein, Robert Lepenik und Ignatz Oreschitz in der - zumindest in der Szene - legendären Formation „Picknick mit Weisman".

Das Spannende an zeitgenössischer Musik ist für den Künstler, dass diese „ein offenes Feld bietet, in dem man die Freiheit finden kann, seine eigene Sprache zu suchen und die Sinnlichkeit von neuen Klängen mit seinem Instrumenten zu entdecken. Fern von den dogmatischen, stilistischen Korsetts." Ästhetische und gesellschaftspolitische Motive sind dabei eng verwoben. Polisoidis: „Man muss sich als Interpret für einen Bereich einsetzen, der oft von breiten Teilen der Gesellschaft reflexartig auf Ablehnung stößt. Ich glaube, eine Gesellschaft, die ihre zeitgenössische Kunst nicht verstehen und schätzen kann, leidet eigentlich an mangelnder Selbstachtung."

Nachdem Polisoidis eine Zeit lang an der Grazer Oper tätig war, kam der Ruf vom Wiener Klangforum. Die Kontakte zum Ensemble, das heute eine Art Wiener Philharmoniker der Neuen Musik darstellt, knüpfte er auch über sein eigenes Ensemble für Neue Musik, das er mit seiner Cousine Janna gegründet hatte. Die Projekte im Klangforum nehmen heute den größten Teil seiner künstlerischen Arbeit ein. Vor allem weil er für die Studienprogrammierung und Koordinierung der KUG-Professur des Klangforums zuständig ist.

Bei der Arbeit mit dem Klangforum zeigt sich auch, dass in den letzten Jahren sich mehr Akzeptanz für Neue Musik entwickelt hat. „In Wien ist unser Abo-Zyklus im Konzerthaus ausverkauft, da sitzen nicht nur die ,men in black‘ der Neuen Musik, sondern eine breitere Schicht der Wiener Gesellschaft im Saal. Deshalb empfehle ich Veranstaltern, das Publikum nicht zu unterschätzen und zu unterfordern!"

Da Polisoidis sich bis heute ein Interesse an improvisierter und elektronischer Musik bewahrt hat, weiß er, wie unmittelbar-sinnlich das Publikum auf Ungewohntes reagieren kann: „Ich habe im Forum Stadtpark vor einem Konzert einer Metal-Band Slobodan Kajkuts Stück ,Glue Sniffer‘ vor lauter 17- bis 21-Jährigen gespielt. Die waren enthusiastischer als die gutbürgerlichen Zyklusabonnenten in unserem Klangforum-Zyklus."

 

Martin Gasser
Stand: Dezember 2012