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Wider die Klischees

Wo im üblichen Nabelschaukino existentielle Situationen nur beschworen werden, da dringt Axel Wolf Bierbaum direkt ins Herz der Finsternis vor.

„Das Heroische ist tot. ... Es wird aber dennoch gelebt." Unnötig zu erwähnen, dass sich Ersteres wie Letzteres in keiner Weise auf die hierzulande aktuelle Kunst- resp. Filmbranche bezieht, und doch findet man in den verschwiegenen Nischen des Halbdunkels, dieser noch immer streng pädagogischen Versuchsanordnung genannt „Austrian Film", erwähnte Heroik, erwähnten Geist des Einzelkämpfers, der, obwohl gruppenaktiv im Team - denn Film ist nun mal ein Teamsport -, spielend sein Dasein fristet ... ja, bisweilen selbst dabei so etwas wie ein Auskommen findet. Allerdings eher in mentaler als in wirtschaftlicher Hinsicht.

Einer dieser erfrischend aktiven Solisten ist der steirische Filmemacher, Kameramann und - jetzt Obacht angesichts der Besonderheit dieser Kombination! - „Bergführer" Axel Wolf Bierbaum. Und falls Sie jetzt gleich einen Klischeecocktail aus süßlichem Heimatgefühl, bizarrer Vaterlandstreue, Luis Trenker und irgendwelchen braunen Versatzstücken offerieren wollen, muss ich massivst und dankend ablehnen. Sie stattdessen lediglich auf ein persönliches Du-und-Du mit Herrn Bierbaum verweisen, um diese Voreingenommenheiten sich auflösen zu lassen, oder zumindest auf einen Kurzbesuch ohne Längen in dessen filmisches Oeuvre einladen. Ein Oeuvre, das sich erstreckt vom klammen Kammerspiel in eisiger Bergwelt („Grenzwerte") zum avantgardistischen Künstlerporträt („KRI - Rohschnitt eines Künstlers"), von der depressiven Fallstudie des Verlierens („Tat-Waffe") zur perfide gefaketen TV-Doku á la „Report" oder „Konkret" („Vitabox").

Unterschiedlicher könnte es kaum über die Leinwand flimmern, denkt man auf den ersten Blick. Und schon wieder das Klischee: Da will sich einer noch nicht auf Stil oder Inhalt festlegen. Will sich vielleicht noch finden - sich finden lassen. Alles Humbug! Schubladenorientierter Quatsch! Denn auch wenn sein Generalthema - Grenzsituationen und der Versuch ihrer Bewältigung - allzu passend scheint, so weiß er es doch als Tema con Variazioni in all seinem Facettenreichtum zu verarbeiten. Gesucht hat er sich dieses Generalthema ohnehin nicht, vielmehr hat es ihn gefunden. Überspitzt natürlich! Aber es ist schon irgendwie symptomatisch, dass einer, der jedwede Grenzen zu überschreiten bereit ist, im Jahr des wohl größten border crossings, 1969 - dem der Mondlandung, das Licht der Welt erblickt hat. So schlussendlich erdig abenteuerlich, wie man diese extraterrestrische „Weltgeschichte" einer Expedition in kaum erforschtes Territorium auch sehen kann, so erdig abenteuerlich war auch Bierbaums Weg ins Kino bzw. zum Film.

Ganz normal die Ausbildung, ganz unakademisch der Zugang zur Kunst: Sportschüler. Abenteurer. Bergsteiger. Bergführer. Fotograf. Kameramann. Regisseur. Ein linearer Werdegang, möchte man meinen. Dennoch immer wieder unterbrochen durch die üblichen Widrigkeiten des Normalen ... Banalen. Immer wieder durchbrochen durch die Notwendigkeit, seine Existenz finanziell zu sichern. Was auch hieß, oftmals Aufträge anzunehmen, die man sich so nicht ausgesucht hätte. Kismet! Es blieb und bleibt immer genug an Ressource und Kreativität, um die Kamera zur Hand zu nehmen und gezielt drauflos zu filmen. So ist seine nächste Expedition, pardon, sein nächstes Projekt ein Langfilm über Angst am und vor allem vorm Berg, no na, und deren Überwindung. Ein Movie, das noch immer der Finanzierung harrt; das aber unbedingt gedreht werden muss. Allein schon deswegen, um sich in die Publikumsseilschaft dieses heimischen Ausnahmekünstlers einzureihen.

A. Heimo Sver
Stand: Sept. 2012

 

Biographische Daten

Regisseur, Kameramann, Bergführer - 1969 in Graz geboren

1993-96 studiert in Wien Philosophie, Publizistik u. Theaterwissenschaften
1984 Sporthauptschulabschluss
1985-98 Ausbildung als Allgemein- u. Feinmechaniker
1989-91 Ausbildung zum staatlich geprüften Berg- u. Schiführer
2001-02 Ausbildung Electronic Publishing/Multimedia
2003-04 Ausbildung zum Filmschaffenden a. d. Filmschule Wien
2006-10 Studium Filmcollege Wien, Schwerpunkte Kamera & Regie


Filmographie (Auswahl)

2004 Imagevideo WMF [Kamera/2. Unit]
Reportage/Interview [Kamera], Lauren Bacall, Galaabend im Rahmen Viennale
2005 Reportage im Rahmen Diagonale und Viennale [Kamera]
Experimentalfilm „Überlegungen zur Rhetorik von Raum und Zeit" [Kamera]
2006 Dokumentarfilm „Challenge 325" [Regie/Kamera/Schnitt/Drehbuch]
Kurzspielfilm „Läksvik" [Kamera]
2007 Imagevideo „Technikus 07" [Regie/Kamera]
Kurzspielfilm „Grenzwerte" [Regie/Drehbuch/Produktion/Schnitt]
Musikvideo „Hybrid Fear" [Kamera]
2008 Dokumentarfilm „KRI - Rohschnitt eines Künstlers" [Regie/Kamera]
Reportage/Interview „Immobilienball 2008-2010" [Kamera]
2009 Dokumentarfilm „... in die Berge gehen" [Regie/Kamera]
2010 Spielfilm „Kottan ermittelt" [Licht-Volontaire]
Kurzspielfilm „Tat-Waffe" [Regie]
Werbeclip „s-real" [Kamera/Konzept]
Kurzspielfilm „Vitabox" [Kamera]
2011 Dokumentarfilm „Shackleton 2.0" [Kamera] in Produktion
Werbeclips „Subrosa" [Kamera]
Kurzspielfilm „Without Words" [Kamera]
2012 Dokumentarfilm „Meister der kleinen Schuhe" [Kamera] in Produktion
Experimentalfilm/Installation „Past Present Times" [Kamera]

 

Axel Wolf Bierbaum © Axel Wolf Bierbaum
Axel Wolf Bierbaum
© Axel Wolf Bierbaum
Still aus dem Kurzspielfilm "Grenzwerte" (2007) © Axel Wolf Bierbaum
Still aus dem Kurzspielfilm "Grenzwerte" (2007)
© Axel Wolf Bierbaum
Still aus dem Dokumentarfilm "KRI-Rohschnitt eines Künstlers" (2008) © Axel Wolf Bierbaum
Still aus dem Dokumentarfilm "KRI-Rohschnitt eines Künstlers" (2008)
© Axel Wolf Bierbaum
Still aus dem Kurtspielfilm "Tat-Waffe" (2010) © Axel Wolf Bierbaum
Still aus dem Kurtspielfilm "Tat-Waffe" (2010)
© Axel Wolf Bierbaum
Still aus dem Kurzspielfilm "Vitabox" (2010) © Axel Wolf Bierbaum
Still aus dem Kurzspielfilm "Vitabox" (2010)
© Axel Wolf Bierbaum