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Dramaturgie der Herausforderung

Wirklich wachsen ist eine große Kunst. Die Schauspielerin Brigit Stöger übt sich darin.

Birgit Stöger © Lupi Spuma
Birgit Stöger
© Lupi Spuma

Es war das Jahr 2004 und steirischer herbst, da erlebte Graz das Heimspiel einer außergewöhnlichen Schauspielerin. Das Züricher Theater Neumarkt war zu Gast beim Festival, auf dem Programm stand Kathrin Rögglas „junk space", ein konzentriert, aber auch etwas angestrengt in Szene gesetzter Textfluss. Auffällig war nur, dass dieser Fluss genau dann Wellen schlug, zu sprudeln oder zu schäumen begann, wenn eine junge Darstellerin am Wort war: Birgit Stöger. Die in Graz ausgebildete und künstlerisch sozialisierte Darstellerin ließ den Zuseher den Atem anhalten. Oder auf das Atmen vergessen.

 

Birgit Stöger war damals noch nicht lange Schauspielprofi. Aber sie hatte bereits eine erste Hürde hinter sich. Eben war sie - wenn auch ziemlich erfolgreich - in eine Sackgasse spaziert. Und hat wieder herausgefunden. „Bei meinem ersten Engagement konnte ich bald ein sehr klares Bild von mir gewinnen bzw. von dem, was die Regisseure von einem erwarteten. Dieses Bild habe ich immer wieder reproduziert. Ich habe nicht mehr wirklich gespielt." Erst ein Bruch, ein kreativer Neustart, brachte die äußerst talentierte Schauspielerin weiter. Brüche sind scheinbar nötig. Um wirklich gut zu werden.

 

Heute spielt Birgit Stöger wieder in Graz. Die Stationen ihrer bisherigen Künstlerbiografie führen mit einer für die Stadt sehr glücklichen Logik hierher zurück. In Düsseldorf war die frischgebackene Absolventin der Grazer Kunstuni unter der Intendanz von Anna Badora u. a. in Inszenierungen des schwerkranken Jürgen Gosch zu sehen („Hamlet", „Sommergäste") - Arbeiten, die Theatergeschichte geschrieben haben. Oder in Uraufführungen des Autors und Regisseurs Igor Bauersima, darunter der Welterfolg „Norway Today", der Bauersima mit einem Schlag berühmt machte. Badora vergaß nicht darauf, es in Graz zu erwähnen: Stöger und der ebenfalls an der KUG ausgebildete Christoph Luser waren die überragenden Jungtalente ihrer Düsseldorfer Zeit, schon das hat die umtriebige Theaterleiterin für die Murstadt am südöstlichsten Zipfel der deutschsprachigen Theaterwelt eingenommen.

 

Birgit Stöger ging inzwischen nach Zürich, später folgte eine Zeit als freie Schauspielerin, wo sie u. a. am Schauspielhaus Zürich, dem Deutschen Schauspielhaus Hamburg und den Sophiensälen Berlin auftrat - und die Geburt ihrer Tochter. Diese doch grundlegende Veränderung in ihrem Leben ließ sie 2010 wieder nach einem festen Engagement suchen. Und Anna Badora, nun Intendantin in Graz, hatte den Weg ihres einstigen Shootingstars genau verfolgt ...

 

Doch nicht nur das Leben der Birgit Stöger hat sich verändert, auch die Künstlerin ist eine andere geworden: „Früher habe ich mich bei jeder Produktion für die Premiere aufgespart, jetzt wird jeder Probentag zu 100 % genutzt." Der jungen Künstlerin hatten sich Perspektiven aufgedrängt, die das System Theater vorgibt: Erfolg bedeutet Überleben, Überleben bedeutet Erfolg. Heute denkt die allein erziehende Mutter anders. Mehr auf den Moment bezogen: Probenzeit ist wertvoll, man (bzw. frau) muss sich dafür frei machen, die Tochter gut unterbringen, muss zahlen, organisieren, planen, pünktlich sein. Und schließlich: „Was ist eine Theaterprobe gegen den Alltag mit einem Kind?"

 

Davon erzählt auch Birgit Stögers erster Soloabend: „Eine unverheiratete Frau". Als Stöger ihr Graz-Engagement mit der neuen alten Intendantin Anna Badora verhandelte, gab es von Seiten der Darstellerin eine Bedingung: ein Solo unter der Regie von Ed Hauswirth (Theater im Bahnhof). Mit Hauswirth hatte Stöger ihre ersten Theatererlebnisse - noch vor ihrer Hochschul-Ausbildung. In ihrer Zeit als freie Schauspielerin kam das Vorhaben einer gemeinsamen Produktion nicht zur Umsetzung, nun wird es zum Beginn der Spielzeit 2012/13 verwirklicht. Ed Hauswirth hat Godards Filmklassiker „Eine verheiratete Frau" neu gedeutet und um- bzw. der Akteurin auf den Leib geschrieben. Doch es ist nicht nur ihre eigene, ganz private Lebenssituation, die Stöger hier - wenn auch in Form einer verallgemeinerbaren Erzählung - in die Wagschale wirft. In Foto-Projektionen taucht u. a. der Filmschauspieler Andreas Kindl (Stögers erster Bühnenpartner) auf, genauso wie ausgesuchte Menschen, die ihr am Schauspielhaus wichtig sind. Und das Kind der „unverheirateten Frau" wird vom besten Freund ihrer Tochter gegeben.

 

Rückblende? Nabelschau? Nostalgie? Auch. Vor allem aber ein weiterer Sprung über den eigenen Schatten. Und damit einer nach vorne: „Es geht mir darum, etwas zu machen, was mich fordert. Auf neue Weise fordert. Als Zuseherin finde ich eigentlich die Abende am spannendsten, wo Schauspieler etwas für sie selbst Interessantes machen, einen Widerstand überwinden." Brüche sind nötig. Um gut zu werden. Wirklich gut.

 

Hermann Götz
Stand: September 2012