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Von Angesicht zu Angesicht

Oskar Stocker meidet den Kunstmarkt. Und gilt als einer der glaubwürdigsten zeitgenössischen Porträtmaler Österreichs.

Selbstporträt © Oskar Stocker
Selbstporträt
© Oskar Stocker
Marlene Streeruwitz © Oskar Stocker
Marlene Streeruwitz
© Oskar Stocker
Gerold Pankl © Oskar Stocker
Gerold Pankl
© Oskar Stocker
Sr. Brigitta Raith © Oskar Stocker
Sr. Brigitta Raith
© Oskar Stocker
Oskar Stocker © Werner Schandor
Oskar Stocker
© Werner Schandor
Facing Nations im UN-Headquarter NY © Oskar Stocker
Facing Nations im UN-Headquarter NY
© Oskar Stocker

Wer zu Oskar Stocker ins Atelier möchte, muss seine Handynummer haben, denn weder Klingel- noch Türschild verraten, dass der Maler in einem Innenhofgebäude des Grazer Bezirkes Gries seine Werkstatt betreibt: Ein Loft von etwa 300 Quadratmeter, vollgestellt mit Bildern, die an den Wänden lehnen, aber zu geschäftigen Zeiten auch große Flächen des Bodens bedecken, sodass dann nur noch Korridore aus blauem Filzteppich in die Tiefen des Raumes führen. Dutzende Gesichter blicken einen aus meist großen Formaten an - Oskar Stocker malt fast ausschließlich Porträts. Der 1956 in Osttirol geborene und seit etlichen Jahren in Graz lebende Maler, der den Kunstbetrieb konsequent meidet, wurde einem breiteren Publikum mit seiner Porträtreihe „Facing Nations" bekannt: einer Serie von großformatigen Porträts von 124 Menschen verschiedener Nationen, die in Graz ihren Wohnsitz haben. Die Ausstellung wurde als künstlerischer Beitrag der „Stadt der Menschenrechte" Graz im Herbst 2010 als bisher einzige Ausstellung eines Österreichers am Hauptsitz der Vereinten Nationen in New York gezeigt. Eröffnet wurde sie von UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon.

Wen Stocker zum Porträt in sein Atelier bittet, mit dem tritt er in einen intensiven Dialog. Während der Porträtsitzung, die als Gespräch verläuft und auch mehrere Stunden dauern kann, fertigt der Maler, beginnend bei den Augen, Skizzen von Details und Bewegungsmomenten an; Stocker nennt sie „meine Partitur". Aus ihr heraus bringt er Stunden oder Tage nach der Sitzung das Porträt auf die Leinwand. Auch hier bildet die Augenpartie - der Spiegel der Seele - den Ausgangspunkt. „In einem Gesicht steht alles zu lesen: die gesamte Vergangenheit, die Gegenwart und auch ein Stück der Zukunft", sagt Stocker. Zum Malen zieht er sich in den hinteren Bereich des Ateliers zurück; dorthin, wo kaum Tageslicht dringt. Stattdessen erhellt ein Bauscheinwerfer die Leinwand und sorgt Tag und Nacht für konstante Lichtverhältnisse.

„Painting is keeping me alive" steht auf als Motto auf Oskar Stockers Homepage. Dies und das Geburtsjahr 1956 sind die einzigen Hinweise auf Leben, Werk und Wirken, die der Maler von sich aus an die Öffentlichkeit trägt. Studium, berufliche Umwege, künstlerische Ausbildung, Ausstellungen, Werkliste - all das bleibt im Dunkeln, denn es würde vielleicht vom Wesentlichen ablenken: der vitalen Freude am Malen und der unvoreingenommenen Begegnung mit dem Individuum, die im Zentrum von Stockers umfassendem Oeuvre stehen. Damit ist zum einen natürlich die Begegnung von Maler und Porträtierten bei den Porträtsitzungen gemeint; zum anderen aber auch die Begegnung von Porträt und Betrachter, die jenen Moment des Gegenwärtigen und Einzigartigen wiedergibt, den Stocker in seinen Porträts und Porträtserien einfängt.

Eine Schlüsselrolle in Stockers künstlerischem Werdegang nimmt der italienischer Meister Antonello da Messina aus dem 15. Jahrhundert ein. „Kein anderer kommt an Messina heran. Seine Porträts sind grenzgenial," sagt Stocker. „Messina ist immer an die äußerste Grenze der Analyse gegangen - bis hin zur Provokation, wenn er seine Fürsten oder adeligen Kaufleute abgebildet. Wenn er beispielsweise einen Kaufmann malte, dann leuchtet diesem die Gier bei den Augen raus. - Bei seinen Bildern ist mir klar geworden, dass es kein Genre gibt, das mehr über die Gesellschaft aussagt als das Porträt", erzählt Oskar Stocker. Und weiter: „Auch wenn das in meinen Bildern nicht direkt abgebildet ist, sondern ich mich total auf das Gesicht konzentriere, nehme ich schon Bezug auf das emotionale und soziale Lebensumfeld der Menschen, die ich porträtiere. Die Leben der Leute, die ich porträtiere, sind oft sehr komplex. In der Reduktion des Porträts kann man viel davon aufladen."

Stockers großformatige Arbeiten - die Bilder sind oft bis zu 1,60 m hoch - stellen im Vergleich zu Messinas fein ziselierten, akribisch ausgearbeiteten Tafelbildern eher fast großflächige Grafiken dar, die meist auf ein oder zwei Farben reduziert sind und mit breitem, vitalem Strich auf die Leinwand übertragen werden. Im Ausdruck aber hallt die Meisterschaft von Messina auch in Stockers Bildern wieder, wenn es darum geht, das Individuum in seiner Einmaligkeit künstlerisch einzufangen. Dieser humanistische Aspekt scheint ein weiteres Zentralmotiv in Oskar Stockers Arbeiten zu sein: den Menschen in seiner unantastbaren Würde und Einmaligkeit zu zeigen - ob das nun Obachlose aus Moskau sind, deren Konterfei der Maler passenderweise auf weggeworfenem Pappkarton wiedergibt; Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die Stocker regelmäßig für die ORF-Literatursendung „erLesen" porträtiert; Steirerinnen und Steirer im Ausland, die er für die Ausstellung „Yearning : Sehnsucht" begleitend zum Auslandsösterreichertreffens im September 2012 in Graz gemalt hat; oder Menschen verschiedener Konfessionen, die in einer interreligiösen Kunstausstellung im Herbst 2012 in Köln zu sehen sein werden: „Kunst ist sozusagen meine Methode zu zeigen, wie das Zusammenleben der Menschen in der Begegnung auf Augenhöhe auch möglich wäre", sagte Stocker anlässlich von „Facing Nations" anno 2010. Dieser Satz hat nach wie vor seine Gültigkeit.

„Ein Jahrhundert nach der Krise des Porträts als akademischer Pflicht wird es wieder frei als mögliches Sujet", schreibt der Kölner Kunsthistoriker und Kurator Guido Schlimbach in einem Aufsatz über Stockers Bilder. Schlimbach resümiert: „Die Porträtmalerei ist inzwischen eine freie Kunstform ohne Gebrauchszwänge und Darstellungssucht geworden und gibt somit beredt Auskunft über die Identität und die Befindlichkeit unserer Tage. Oskar Stocker ist einer ihrer glaubwürdigsten Vertreter."

Werner Schandor
August 2012