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Im leeren Hut des Zauberers

Cordula Simons Vorstellungskunst

Cordula Simon © Wolfgang Schnuderl
Cordula Simon
© Wolfgang Schnuderl

In Cordula Simons Text „Die Unvergänglichkeit des Lichts" geht jedes Mal, wenn die Ich-Erzählerin Sex hat, irgendwo in der Stadt das Licht aus. Und gegen alle Wahrscheinlichkeit besteht da ein direkter Zusammenhang. Nachdem sie von ihrem Liebhaber im Stich gelassen wurde, entdeckt die Erzählerin, dass sie mit ihren sexuellen Geheimkräften sogar Gebäude zum Einsturz bringen kann: „Die Wut ist einfach in die Hüften zu lenken." In einem furiosen Finale legt sie mit einem ausufernden Geschlechtsakt, der ihren Partner - wie das Männchen der Gottesanbeterin - das Leben kostet, die ganze Stadt in Schutt und Asche. „Ich war nicht sicher, ob es nur diese Stadt getroffen hatte oder vielleicht das ganze Land, den Kontinent. Als ich über mir Vögel vorbeifliegen sah, war ich sicher, dass sie nach Norden zogen. Vielleicht hatten die Pole getauscht."

Mit welcher Wucht hier Fleischeslust in Zerstörungslust mündet, hat etwas Schwindelerregendes. In Buñuels Film „Das goldene Zeitalter" gibt es eine ähnliche Verschränkung von Triebstärke und Naturgewalten. Der Regisseur dazu: „In einer hierarchisch geordneten Gesellschaft kann der Sex, der keine Grenzen und kein Gesetz respektiert, jederzeit ein Faktor der Unordnung und eine wirkliche Gefahr werden."

Cordula Simon hat in den „manuskripten" und anderen Literaturzeitschriften einige Proben ihrer Vorstellungskunst gegeben. In ihrer Erzählung „Fritz Schlier" plagt die Hauptfigur die Sehnsucht, ohne einen Platz in der Welt auszukommen. „Ein Kaninchen müsste man sein, in dem Moment, in dem der Zauberer den leeren Hut zeigt." Fritz Schlier führt eine Potemkinsche Existenz, er ist gleichsam reine Fassade - mit nichts dahinter als dem Wunsch zu verschwinden, der ihm zuletzt durch einen Stellvertreter erfüllt wird.

Simon hat für diese erstaunlichen Prosatexte in absurd-phantastischer Tradition unter anderem 2009 den Campus-Preis der „Zeit" und 2010 den „manuskripte"-Förderpreis erhalten. Nun ist ihr Debütroman erschienen: „Der Potemkinsche Hund". Darin steigt ein junger Mann, der einmal Anatol hieß, aus seinem Grab. Die unglückliche Liebe seiner Nachbarin Irina und deren wissenschaftliche Forschungen haben ihn zum Leben erweckt. Aber zueinander können sie trotzdem nicht finden, Frau Dr. Frankenstein und ihr untotes Geschöpf. Wie hier Elemente des Schauerromans mit düsteren Schilderungen des postsowjetischen Alltagselends in der Ukraine verknüpft werden, hat Zug und beweist Mut zum Schrillen, auch im Ausdruck.
Cordula Simon, 1986 in Graz geboren, in der Oststeiermark aufgewachsen, hat im Vorjahr ihr Slawistik- und Germanistikstudium abgeschlossen und lebt zur Zeit in Odessa. Sie sprüht auch im Gespräch vor Einfällen, sie sprudelt über, als hätte sie eine eingebaute Sprechmaschine.

Ihr Humor ist von entwaffnender Direktheit: „Dein Hosentürl steht offen. Hoffentlich wegen mir." (Als Gesprächseröffnung dürfte das ziemlich einmalig sein.) Im Gegensatz zu jungen Schreibenden, die sich betont nüchtern als tadellos (aber nicht „geölt") funktionierende Dichtungsmaschinen präsentieren - vielleicht auch aus Angst, ja nicht einem überkommenen Bohemeklischee zu entsprechen - , stilisiert sie sich als trinkfest: „Ich habe das Komasaufen praktisch erfunden." In ihren Texten gehe immer alles schlimm aus, wie im Leben. Zumindest in ihrem Autorinnenleben wird sie hoffentlich Glück haben. Denn, wie schon Billy Wilder sagte: „Ist es nicht seltsam, dass immer die Begabten das Glück haben?"

 

Günter Eichberger
Stand: Juli 2012