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Das Instrument soll singen

Der klavierspielende Komponist oder der komponierenden Klavierspieler Michael Lagger sieht seinen musikalischen Zugang als einen natürlich gewachsenen.

Gelernt und studiert hat er beides: Lagger hat an der Grazer Musikuniversität sowohl das Klavier- als auch das Kompositionslehrestudium erfolgreich abgeschlossen. Das sind nun auch seine zwei beruflichen Standbeine. Seine Kompositionen sind mit seinem Ensemble „Akrostichon & Chor" zu hören und zu erleben, für das er komponiert, das er dirigiert und mit dem er bereits zwei CDs aufgenommen hat. Geballte Klangteppiche, mit extrem feinsinnigen Nuancen, die eine Geschichte erzählen. Die chorische Unterstützung, die einen Großteil dieser tiefsinnigen und dichten musikalischen Erlebnisse ausmacht, bekommt er von Mitgliedern des steirischen Landesjugendchores „Cantanima" - klare junge Stimmen, die mit einer Leichtigkeit die komplexen Kompositionen mit schwierigen Intervallsprüngen mühelos vermitteln. Lagger komponiert mit einer strengen Struktur: „ Eine gute Zeit dafür ist der Abend, wenn ich ohne Denken am Klavier sitze und mir ein Motiv vorschwebt". Er schreibe seine Stücke auch manchmal nach abgesteckten Formeln, Taktziffern, in einer seriellen Kompositionstechnik nach unterschiedlichen Parametern.

Seine kompositorischen Anfänge lagen im Arrangieren von Stücken - durch das Kompositionsstudium bekam er nicht nur das technische und harmonische Handwerk vermittelt, sondern auch mehr Tiefe und Intensität. Seine Idealvorstellung: Das Publikum soll seinen lyrischen Zugang spüren. „Das Instrument soll singen". Um dieses Gefühl zu verdichten, sind konkrete auf das jeweilige Thema zugeschnittene Texte ein wichtiges Merkmal seiner Musik. Ein Beispiel: Das Stück 1348, ein Auftragswerk des Villacher Alpenvereins, beschäftigt sich mit dem Absturz der gesamten Südflanke des Dobratsch-Berges im Jahr 1348. „Es ist eine serielle Komposition mit Zwischenspiel. 12-Ton-Musik und atonale Klänge des Chores vermitteln Panik und die Hintergrundgeschichte." Die für den Chor vertonten Textauszügen aus der Sage „Der Absturz des Dobratsch" und aus Rainer Maria Rilkes „Der Berg" bilden verknüpft mit den dichten Klängen der Instrumente den Cluster, der das gewaltige Naturereignis vermittelt.

Laggers Musik hört man nicht im Vorbeigehen, nur durch ein bewusstes Hörerlebnis kann man die emotionalen Hintergedanken, die erzählten Geschichten, die Klangsphären, die diese Geschichten widerspiegeln, spüren. Im Herbst wird Lagger mit seinem Trio (mit Philipp Kopmajer, Schlagzeug und Lukas Raumberger, Kontrabass) eine CD mit vertonten Texten des jungen steirischen Schriftstellers Clemens J. Setz aufnehmen. Erfolgreiche Auftritte mit diesem Projekt gab es schon vor einem halben Jahr. „Das macht Spaß, sich davon inspirieren zu lassen". Seinen eigenen Musikstil will er aber nicht nur in der Komposition festigen. Für ein professionelles Klavierspielen hat er sich in der Mittelschule entschlossen - damit bekam auch das sensible Thema des Übens eine neue Dimension. „Je länger man spielt, desto feiner werden die Nuancen im eigenen Spiel, desto individueller der eigene Klang". Diesen Klang gelte es beizubehalten - sowohl im Jazz als auch in der Klassik. Für den Jazz sei es wichtig, in der Improvisation einen eigenen Phrasenstil zu entwickeln. Vorbilder sind für ihn Glenn Gould, Keith Jarrett und Brad Mehldau. Klassische Musik spielt Lagger täglich, um fit zu bleiben. Im Moment sind es Chopin Etüden: Er übe einige Stunden am Tag - als Fitnesstraining für die Finger. Sitzt er nicht täglich am Klavier, kommt ihm das selbst seltsam vor. „Es ist deckungsgleich mit dem Sport, nur durch regelmäßiges Üben kommt man weiter." Sein solopianistisches Können hat er 2008 beim „Montreux Solo Piano Competition" unter Beweis gestellt, wo er sich ins Semifinale spielte: Als „ sehr herausfordernd und sehr spannend" beschreibt er diese harte Wettbewerbssituation: Man befinde sich in einer Art „neurotischen" Zustand: „Als junger Künstler setzt man sich oftmals dem direkten Vergleich mit anderen aus und entdeckt somit natürlich auch immer wieder Besonderheiten am Spiel der Konkurrenz."

Begonnen mit dem Klavierspiel hat Lagger mit acht Jahren in der Musikschule in Villach, dann folgte das Konservatorium in Klagenfurt, dann die Musikuniversität Graz. Sein Ehrgeiz hat ihn sein Leben lang begleitet, mit der bewussten Entscheidung für die Musik als Beruf, hat er sich die Weichen für seine Entwicklung gestellt. Seit Februar unterrichtet der 26-Jährige am Musikum Salzburg Jazzklavier für Jugendliche und Erwachsene. In seiner Diskographie finden sich neben den Aufnahmen mit „Akrostichon", welche mit Playgrounds genauso wie mit der MOSAIK Sängerin Angela Tröndle, die auch bei „Akrostichon" mitwirkt. Im Moment möchte liegt sein künstlerisches Hauptaugenmerk wieder auf der Formation des Klaviertrios, das gerade aufgrund seiner reduzierten Größe eine neue, besondere Herausforderung für den Pianisten darstellt.

Petra Sieder-Grabner
Stand: August 2012

Michael Lagger © Peter Purgar
Michael Lagger
© Peter Purgar
Michael Lagger © Michele Mari
Michael Lagger
© Michele Mari
Michael Lagger © Jan Balaz
Michael Lagger
© Jan Balaz