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Ein steirischer Dichter im Stillen

Joachim Gunter Hammer: Lyrik zwischen platonischem Fragen und dionysisch-ekstatischem Feiern.

Wenn einer sein sechstes Lebensjahrzehnt bereits hinter sich gelassen hat, sind es zwei Richtungen, die sein Schauen bestimmen: zum einen dorthin, wo das das bereits Getane, Geschaffene liegt; und zum anderen dorthin, wohin es nun weitergeht in der Fortführung und Vollendung - falls es so etwas wie Vollendung gibt - der bisherigen Entwürfe, vielleicht auch bloß in den fortgesetzten Ent- und Verknotungen des viele Jahre zuvor aufgenommenen Fadens. Im Fall des Dichters heißt das: Das Jugendwerk ist längst geschrieben, das Alterswerk noch nicht begonnen. In der flüchtigen Grauzone namens Gegenwart bleibt für Joachim Gunter Hammer das täglich neu zu schreibende Gedicht als „innerste Rechtfertigung, weiter leben zu dürfen" (J. G. Hammer brieflich, Juli 2009).

„Joachim oder Gunter oder beides" (wie Hammer selbst mitunter seine E-Mails unterschreibt) hat, neben seinem nicht immer geliebten Brotberuf als Lehrer, auf literarischem Gebiet viel getan und geschaffen, wovon eine breite Öffentlichkeit zu wenig weiß. Beachtliche 18 Bände umfasst sein bisheriges Werk, und zwar ausschließlich Gedichtbände; Prosa hat Hammer so gut wie nie geschrieben, sie würde seinem von Kopf bis Fuß aufs Poetische eingestellten Naturell auch kaum entsprechen. Wer so viel Lyrik schreibt, diese anspruchsvollste und unverkäuflichste aller Textsorten, hat sich auf eine Herbergssuche von Verlag zu Verlag einzustellen. Nach den Verlagen Leykam, Grasl, Edition Doppelpunkt und Kitab scheint Hammer nun eine Heimat beim Wiener Verlagshaus Hernals gefunden zu haben, das seine jüngsten Bände, „Der firnschwarze Mond. Ein Nachtflug in 17-Silbern" (2010) und „Wind Räder Wind" (2011) in ansprechender, der Ästhetik der Hammer'schen Gedichte Rechnung tragender Gestaltung herausgebracht hat.

Hammers Gedichte sind in ihrer fast schon unüberschaubaren Zahl Zeugnisse eines lebenslangen - seinen mitunter schwarzen Humor aufgreifend könnte man auch sagen: lebenslänglichen - platonischen Fragens und dionysisch-ekstatischen Feierns. Immer wieder durchmisst der Dichter die Dimensionen des Daseins mit den flimmernd präzisen Vivisektionen der Poesie, und immer wieder zelebriert er die Farben des Lebens in bunten, bildreichen, sprachgewaltigen und, wie könnte es anders sein, nicht selten auch abgründigen und absurden Versen. Beide Beweggründe zielen auf eine unverkennbare Mythologie des Lebens ab, an dessen Abmessungen Hammer sich nie so ganz gewöhnt hat: Ein Sonnensystem will hier nicht selten zu eng, ein Augenblick fast schon zu lang und der Nahraum eines Du schier unermesslich erscheinen. Schon vor Jahrzehnten, im Vorwort des Bändchens „WAHRnehmung" (1986), beschrieb Hammer seine Gedichte als „Brückenschläge zu vielen Zeiträumen der Conditio humana ohne vorschnelle Versöhnung oder Harmonisierung" - eine Formulierung, die auch heute noch geeignet ist, den Aspekt erkennender und bekennender Orientierungsverweigerung in der dichterischen Arbeit Hammers schonend aufzuzeigen. Immerhin ist Fremdsein, so lesen wir bei Peter Handke, die dauerhafteste Kraft des Künstlers, aus der also auch Joachim Gunter Hammer nachhaltig schöpft.

Eine zentrale Rolle in Hammers Dichtung spielt das Formprinzip des Siebzehnsilbers, also des fernöstlichen Haiku oder Senryu, das seinen Arbeiten oft einen gewissen meditativen Drall verleiht. Hier spiegelt sich auch jene nachdenklich fragende Seite seiner Arbeit besonders wirksam wider, die sich als Ergebnis des dichterischen Prozesses nicht selten zu einer ultimativen Fraglosigkeit überhöht. Als Beispiel dafür mag folgende kleine Serie von drei Siebzehnsilbern dienen, die den Band „Der firnschwarze Mond" eröffnet: „Drei in Weiß // Jenseits des Landes im Wort, / wo nichts es selbst und / alles nur deutet. // Diesseits der Wörter im Land, / wo jedes sich füllt / fraglos zur Leere. // Vielfalt der Dinge, / Krähend, Föhre und Mond, nur / Niemandes Spiegel." Dem steht wie erwähnt eine ekstatische Seite gegenüber, die sich dichtend und träumend in den Freuden und Leiden der Geschlechtlichkeit, des Weines und anderer Erscheinungsformen praller Lebendigkeit ergeht. So finden wir etwa in „Wind Räder Wind" das Gedicht „Schöne Nächte 7", das mit folgenden Versen beginnt: „Schließt du die Augen, / ist eine katzenköpfige Mondfrau deine Geliebte; / zwischen der Überlänge ihrer Beine hat sie / ein elektromagnetisches Dreieck mit dem Fell / muster einer Gepardin, da ihr Haar wild / leuchtet am dunklen Horizont und ihr Mund / eine gellende Stille ist ...". In verknappter Form finden wir derartige erotische Inhalte etwa in den Siebzehnsilbern des Bandes „Dunkelrote Mischung" (2001), wo es etwa heißt: „Mit eindeutigem Lächeln / hielt sie vor die Scham / einen Honigkrug." Auch Verse von augenzwinkender Weinseligkeit in klassischem Gestus enthält dieser Band: „Kleine Schwester, komm, / hinter uns schnarcht schon der Wirt, / füll noch das Glas voll!"

Wie so oft ist auch hier das Ganze mehr als die Summe seiner Teile. Wenn sich zwischen den beiden beschriebenen Polen Hammer'scher Dichtung Vers für Vers eine poetische Welt dreht, in deren vielgestaltigen Räumen der Mensch sein Menschsein sinnlich ausschöpft und es gleichzeitig in seiner Unbegreiflichkeit erkennt, dann ist es doch gerade das Zusammenspiel dieser Komponenten, das jene existenzielle Relevanz und Tiefe erzeugt, die Hammers Werk in der steirischen Literaturlandschaft und darüber hinaus ein besonderes Gewicht verleiht. Dass Joachim Gunter Hammer trotz der Vielzahl und der inhaltlichen Bedeutung seiner Bücher, auch trotz der konsequent entfalteten Ästhetik seiner poetischen Sprache, mehr oder minder ein Dichter im Stillen geblieben ist, ist wohl dem generell geringen Rezeptionspotenzial für Lyrik in unseren Breiten sowie den lyrikfeindlichen Mechanismen des Buchhandels und der Medienwelt zu verdanken. Ein ähnlich gewichtiges Werk auf dem Gebiet der Prosa würde zweifellos ungleich mehr öffentliche Beachtung und Anerkennung finden.

Helwig Brunner, Mai 2012