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Soziale Interventionen mit der Kamera

In ihrem „echten“ Leben ist sie ständig auf der Suche, deshalb sieht Olivia Fürnschuß in ihrem künstlerischen Leben noch einen weiten, spannenden und verschlungenen Weg vor sich.

„Mir sind die Dinge in meinem Leben oft so zugefallen", definiert die 1982 in der Südsteiermark geborene Künstlerin ihren abwechslungsreichen Lebensweg. Kreativität verknüpft mit viel historischem Wissen - danach klingen ihre Erzählungen von ihrem Elternhaus: Die Mutter ist Künstlerin und der Vater Historiker. Schon in jungen Jahren wurde sie immer wieder auf ihr kreatives Talent aufmerksam gemacht, was schlussendlich dazu führte, dass sie die HTL Ortwein für künstlerische Gestaltung in Graz besuchte. Um sich für die Aufnahme in die Bildhauerei-Klasse zu bewerben, fehlte ihr allerdings der Mut. „Ich glaubte selbst nicht daran", bekräftigt die an allem und jedem interessierte Frau. Sie absolvierte schließlich die Abteilung für audiovisuelle Medien, die sogenannte Fotografie-Klasse. „Die Lehrer wollten mich unbedingt in dieser Klasse haben". Ihr Bedürfnis, mit Materialien wie Stein und Holz zu arbeiten, blieb nach dem Abschluss der HTL im Jahr 2001 allerdings ungebrochen. Weil Olivia Fürnschuß die Fotografie aber auch nicht loslassen konnte, absolvierte sie zusätzlich am WIFI die Gesellenprüfung und ist seitdem ausgebildete Fotografin. Ihr Lebensweg zeigte nach der Matura in eine andere Richtung; es folgten Jahre des beruflichen Experimentierens. Ein Standbein, das sie sich damals geschaffen hat, ist die Behindertenassistenz, ein Beruf, in dem sie auch heute noch mit Begeisterung tätig ist. In die Welt der Kunst und Kultur ist sie erst wieder mit einer weiteren Ausbildung eingetaucht: der Besuch der Meisterklasse für Bildhauerei an der Meisterschule für Kunst und Gestaltung in Graz. „Die Bildhauerei hat mich nicht in Ruhe gelassen, sie blieb in meinem Leben immer interessant", sagt Fürnschuß.

Mit ihrer sozialkritischen Diplomarbeit (2011) hat sie erstmals ihren eigenen künstlerischen Zugang definiert: Durch eine eigenwillige und mutige künstlerische Sprache auf aktuelle brisante Sozialprobleme aufmerksam machen. Im Frühjahr 2011 war das Bettelverbot für die Steiermark vor allem in der Stadt Graz ein politisch heiß umstrittenes Thema. Fürnschuß machte sich dieses Thema künstlerisch zu eigen, indem sie BettlerInnen mit weißen Leintüchern verhüllte und diese fotografisch dokumentierte. Trotz dieser Anonymisierung blieben die Menschen an ihrem Habitus erkennbar und wirken auf den Bildern wie Reflexionen, wie weiße Flecken. In einem weiteren Schritt projizierte Fürnschuß diese Umrisse lebensgroß auf Spanplatten, die sie ausschnitt und weiß lackierte. Diese Skulpturen wurden wieder an den Originalschauplätzen in der Grazer Herrengasse positioniert und nochmals fotografiert. Ein Sichtbarmachen des Unsichtbaren? - Die Fotos wurden in der Ausstellung „Wir sind Bettler" im Grazer Stadtmuseum in Kooperation mit der Akademie Graz gezeigt. Der Kunsthistoriker Werner Fenz, langjähriger Leiter der Neuen Galerie und des Instituts für Kunst im öffentlichen Raum Steiermark, ist auf die junge Künstlerin aufmerksam geworden und hat sich dafür eingesetzt, dass Fürnschuß den Fotoförderungspreis der Stadt Graz 2011 erhielt.

Auch Olivia Fürnschuß‘ neues Fotoprojekt „Warteschleife Heimat" hat einen starken sozialkritischen Aspekt. Das Konzept hat sie gemeinsam mit ihrem Bruder entwickelt, der bei der Caritas als Flüchtlingsbetreuer arbeitet. So wurden AsylwerberInnen mit Einwegkameras ausgestattet und gebeten, ihren Blick auf Graz festzuhalten. „Diese Menschen leben zum Teil schon seit vielen Jahren in Graz aber immer mit der Angst, abgeschoben zu werden. Sie leben in einem ständigen Spannungsfeld zwischen Unsicherheit, Angst und Hoffnung." Die 130 Fotos, die entstanden, wurden ergänzt durch Bilder, die Fürnschuß von den AsylwerberInnen und ihren Familien gemacht hat. „Wir waren zu Beginn mit organisatorischen und sprachlichen Hürden konfrontiert, mit denen wir nicht gerechnet haben. Ich sehe dieses Projekt als eine Art Pilotprojekt mit viel Entwicklungspotenzial", erzählt Fürnschuß. Die meisten AsylwerberInnen hätten immense Angst, dass die Fotos gegen sie verwendet werden könnten. Es bedurfte einer sensiblen und fürsorglichen Aufklärungsarbeit, dass die Menschen doch am Projekt teilgenommen haben. „Schließlich hat es allen Beteiligten sehr gefallen, an etwas für ihren Lebensalltag Ungewöhnlichem teilzunehmen". Für Fürnschuß ist das Projekt „Warteschleife Heimat" ein Auftakt zu weiteren sozialkritisch-künstlerischen Projekten: „Ich bin immer noch auf der Suche."

Petra Sieder-Grabner, Mai 2012

 

Olivia Fürnschuß © priv.
Olivia Fürnschuß
© priv.