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Der Schrumpfkopf im Reisegepäck

Vorläufiges zu Wilhelm Hengstler

„Alle Geschichten begännen mit Vater und Mutter, und die Zukunft dieser Geschichten liege in den Kindern und den Kindern dieser Kinder. Der Tag, an dem die Menschen unfähig würden Väter und Mütter zu sein, bedeute das Ende jeder Humanität. Dann würde der Affe zurückkommen, das Ruder übernehmen und Tiere würden den Planeten regieren, sagen jedenfalls die Dardenne", schreibt Wilhelm Hengstler in einem Essay über die Filme der Dardenne-Brüder.

Die Söhne leiden unter ihren Vätern, an ihrer Anwesenheit, aber besonders unter ihrer Abwesenheit. Das Drama des empfindsamen Mannes muss erst geschrieben werden. Was bleibt ihm als Rollenmodell? Der Westernheld. Er ist gehärtet durch und durch. Er hat nicht einmal eine Kindheit gehabt, wird einfach auf die Leinwand geschleudert, fix und fertig. Der ganze Körper eine Kanone. In die Filme gehen wir wie in Träume. In den Träumen wird dann endlich alles klar, darum verstehen wir sie nicht.

Das falsche Leben geschieht uns recht. Das wahre - das es im falschen bekanntlich nicht geben kann - täte uns nicht gut. Im falschen Leben können wir dichten oder musizieren oder malen oder Filme machen - falls man uns lässt -, im wahren müssten wir nur leben. Und wie sollte das denn gehen?

Unter den gegebenen Umständen macht Hengstler vermutlich das Beste. Er folgt Schopenhauers Rat, sich aus der Misere des Lebens in die Kunst zu begeben, und zwar macht er das in vielen Rollen: als Autor, Regisseur, Kritiker, aber auch als passionierter Leser, Musikhörer und Ausstellungsbesucher. Wobei er die Widersprüche eines zunehmend oberflächlichen Kulturbetriebs, in dem das Sekundäre der Vermittlung unverhohlen über das Primäre des Vermittelten triumphiert, in seinem Film „Hanns durch die Zeit" (2007) anspricht, ohne sich aus diesen Widersprüchen lösen zu können. Die Hauptfigur kritisiert eine Kultur des Spektakels und bleibt ihr wie ein Gefängniswärter verhaftet.

Die Titelgeschichte seines Prosabands „Die letzte Premiere" (Suhrkamp, 1987) bezieht sich auf das Ende einer alternativen Kultur, das in Graz für ihn durch den Umbau und die festliche Eröffnung des Opernhauses gekennzeichnet wurde. „Ich selbst", sagte Hengstler damals in einem Interview, „habe mich von der Literatur deshalb ein wenig zurückgezogen, weil ich mich fürs Filmemachen zu interessieren begann. Filmemachen ist viel anstrengender als Schreiben, und solange ich genug Kraft habe für Filme, möchte ich gern Filme machen, und wenn ich etwas kraftloser werde, wieder verstärkt schreiben." So gesehen kann man ihm in bester Absicht nur Kraftlosigkeit wünschen.

Was gibt es noch zu erzählen, da doch das Erzählen sich seit der Moderne überlebt hat und dennoch nicht umzubringen ist? Ein fataler Mechanismus, der die Literatur an die Unterhaltungsindustrie angeschlossen hat, versucht diesen Endpunkt unendlich auszudehnen. Hengstler hat dieser Prämoderne einen Text entgegengestellt, der sich den Anschein einer Erzählung gibt, aber indirekt den Vorgang des Erzählens kritisiert, indem er die Geschichte in einem ungelösten Rätsel enden lässt. Dieser Text heißt „fare" (Droschl, 2003). John Fare gilt manchen als radikalster Vertreter der Performance, da er sich in einer Reihe von Kunstaktionen nach und nach mit Hilfe eines Operationsautomaten von seinen Gliedmaßen und zuletzt von seinem Kopf getrennt haben soll. Nach meinen Recherchen hat es diesen Fare allerdings aller Wahrscheinlichkeit nach nie gegeben. Es spiele keine Rolle, ob dieser Künstler fiktiv sei oder nicht, hat Hengstler mir dazu gesagt. Das Buch zeigt den Künstler - und damit den Menschen - in seiner allseitigen Beschnittenheit.

Wer nicht die im Übermaß vorhandenen Kalendergeschichten um weitere Kalenderblätter ergänzen möchte, muss andere Wege gehen. Und sich dabei „entschlossen verirren", wie das Peter Handke einmal ausgedrückt hat, der in jungen Jahren zusammen mit Willi einen Text verfasst hat, der in den Wirren von Aufräumungsarbeiten für alle Zeit verloren gegangen ist. In einem Brief hat Handke 1967 Alfred Kolleritsch dringlich gebeten, den „schwierigen" Willi, der sich „wie eine Jungfrau" gebärde, zu intensiver literarischer Produktion anzustacheln. Aber Hengstler geht es nicht um Produktivität, sondern um die Entfaltung einer Möglichkeit bis in ihre Unmöglichkeit hinein. So hat er in den siebziger Jahren einen Roman „Slow Motion" geschrieben, der eine abenteuerliche Reise durch Südamerika beschreibt. „Der Reisende sucht seinen Bruder und kommt erst ganz zum Schluss drauf, dass er den Schrumpfkopf dessen, den er sucht und für falsch hält, weil es kaum mehr echte Schrumpfköpfe gibt, die längste Zeit im Reisegepäck hat." Dieser Roman, der so perfekt sein sollte, wie er es sich nur vorstellen konnte, blieb dann zwar nicht reine Vorstellung, erschien aber nie. Das will ich für seinen Indien-Roman „Zulm" nicht hoffen.

Wie unbekümmert Hengstler seinen offensichtlichen Erfolgen - leider nicht auch den unvermeidlichen Rückschlägen - gegenübersteht, erfuhr ich, als ich ihn für das Nachwort zu seinem Gedichtband „Pisco Sour" (Sonderzahl, 2012) um seine Rede zur Verleihung des manuskripte-Preises bat. Er hat sie bis heute nicht gefunden. Ich erinnere mich jedenfalls, dass er damals (2004) so etwas wie einen Amateurstatus für die Kunst einforderte, im Gegensatz zu glatter Professionalität. In Godards Buch „Liebe Arbeit Kino" habe ich eine Aussage gelesen, die dem im Wesentlichen entspricht. Allerdings habe ich sie passenderweise jetzt nicht auf Anhieb parat.

Der sogenannt schwierige Mensch ist vielleicht nur geradliniger als das allzu biegsame, sich allen Opportunitäten geschmeidig anpassende Modell, das mittlerweile auch in der Kunst in Serie gegangen ist. Der nennenswerte Künstler aber verfolgt seine Ziele, indem er sie aus den Augen verliert.

Günter Eichberger, April 2012

Willi Hengstler  © privat
Willi Hengstler
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