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Paradox? – Aber ja doch!

Günter Eichberger ist keiner, der mit dicken Wälzern Furcht und Schrecken unter den Lesern verbreitet.

Wer über Günter Eichberger schreibt, verliert leicht die Übersicht. Zurzeit liegen von ihm 8 Hörspiele, geschätzte 5 Dramen und 13 Bücher vor, und ein 14., "Die Nahrung der Liebe", steckt im Geburtskanal seines Hausverlages Ritter. Zu schweigen von den Glossen in der „Kleinen Zeitung", den Beiträgen auf gat.st und verstreuten Gelegenheitstexten. Wobei Günter Eichberger, wenn er solche Gelegenheiten virtuos beim Schopf packt, auch ihnen literarischen Glanz verleiht. Es ist also zu hoffen, dass der dreiundfünfzigjährige, äußerst rüstige Autor bei normalem Krankheitsverlauf sein Oeuvre noch auf das Doppelte hochschreibt.

Das ist auch schon das erste Paradoxon: Günter Eichberger ist keiner der Vielschreiber, die mit dicken Wälzern Furcht und Schrecken unter den Lesern verbreiten. Er setzt keineswegs darauf, dass Fehler und Unpräzises in einem episch wuchernden Dschungel gern übersehen werden. Lieber schreibt er gleich perfekt und schnell. Sein umfangreiches Werk setzt sich demnach aus vergleichsweise schmalen Büchern zusammen. Der „G-Punkt des Universums" als umfangreichstes hat 228 Seiten, „Ich Fabelwesen" und „Der Doppelgänger des Verwandlungskünstlers" jeweils 152, „Leere Abwesenheitsmitteilung" 144 und „Vom Heimweh der Seßhaften" 132 Seiten. Da Layout und Schriftgröße der Verlage differieren, kann man davon ausgehen, dass sein genuines Format ungefähr bei 135 Seiten liegt. Wichtige Bücher heißen auch "Nein" und "Alias". Wer will, kann übrigens auch an den Buchtiteln den fruchtbaren Hang des Autors zum Paradox ablesen.

Verleger und Lektoren genießen es, dass Günter Eichberger wie kaum sonst ein Autor druckreife Manuskripte abliefert. Wo andere die Leiden der Legasthenie ausstellen, ist er ein Genauigkeitsfanatiker. Die Fehlergefahr für seine Texte liegt eher, wie der Name schon sagt, im Druck. Paradox ist auch, dass dieser extreme Gegenwartskünstler für sein Metier, das er als Germanist bzw. Anglist auch studiert hat, die Sorgfalt eines mittelalterlichen Handwerksmeisters aufwendet. Das Zweitfach versetzt ihn nebenbei in die Lage, englische Songs, unter denen er jene von Bob Dylan und Elvis Costello am meisten schätzt, mit Geläufigkeit in sein literarisches Universum zu integrieren.

Er ist ein ziemlich großer Kerl, der einen mühelos aus großer Höhe umarmen kann. Früher war er schlank und lockenhaarig, sein leichter Schritt und die trotzige Verletzlichkeit erinnern immer noch an ein ungeheuer intensives Kind. Essen und Trinken nimmt er sehr ernst; bei Ersterem schweigt er zumeist, was das Letzere anbelangt, kann es zu unbehaglichen Minuten kommen, wenn der servierte Wein nicht entspricht.

1959 in Oberzeiring geboren, stellt Günter Eichberger eine Art literaturhistorischen Stützpfeiler in Graz dar. Eines der engagiertesten unter den Grazer Mitgliedern der in Wien angesiedelten Grazer Autorenversammlung (schon wieder ein Paradox), ist Günter Eichberger ein literarischer Go-Between zwischen diesen „Jungen" und der historischen Grazer Avantgarde. Als junger Autor hat er - noch lockenköpfig - seine literarische Sozialisation absolviert, indem er sich mit Wolfgang Bauer, Gunter Falk und Konsorten die Nächte um die Ohren gedichtet hat. Als eine der späteren Folgen dieser gelegentlich durchaus alkoholischer Curricula hat Günter Eichberger im Ritter Verlag auch das literarische Gesamtwerk Gunter Falks unter dem Titel "Lauf wenn du kannst" herausgegeben, immer wieder über Wolfgang Bauer geschrieben und große Teile seines Essaybandes „Leere Abwesenheitsmitteilung" diesen und anderen Protagonisten der Grazer Gruppe gewidmet.

Für einen Autor bedeutet das Lesen immer auch den Vergleich mit eigenen Texten. Im Gegensatz zu anderen, die sich lieber mit verstorbenen, überlebensgroßen oder sonst unerreichbaren Kollegen messen, ist Günter Eichberger ein kenntnisreicher Liebhaber der österreichischen Gegenwartsliteratur. Dabei kommt ihm nicht nur ein beängstigendes Gedächtnis zugute, er hat sein Studium auch mit einer Arbeit über „Das poetologische Selbstverständnis österreichischer Gegenwartsautoren" abgeschlossen.

Günter Eichberger ist zu modern, um ein Avantgardist, und zu originell, um ein Postmoderner zu sein. Mit der Avantgarde verbindet ihn sein intensives Selbstbild als originäre Künstlerpersönlichkeit, eine tollkühne Karriere als Schriftsteller mit den damit verbundenen, durchaus existentiellen Gefährdungen. Und mit der Postmoderne verbindet ihn seine Illusionslosigkeit, die der Avantgarde noch fremd ist.

Paradox ist seine leidenschaftliche Überzeugung, dass sein Geschriebenes bei aller Subjektivität, bei allem Misstrauen gegenüber der Abbildungsfunktion der Sprache genau so sein muss, wie es ihm aus der Hand kommt. Zwar behauptet er gern, dass jedes seiner Bücher ein bestimmtes, übergeordnetes Thema hätte, aber er dürfte zu den Wenigen gehören, die sie wirklich "lesen" können. Das macht weiter nichts, das Vergnügen des Lesers an den funkelnden Volten und erhellenden Einfällen Günter Eichbergers wird dadurch nicht beeinträchtigt. Man könnte seine vielen Bücher auch als einzelne Abschnitte eines großen Schreibflusses sehen, den der Autor, gereizt durch die Widersinnigkeiten der Sprache, unaufhörlich generiert.

Obwohl Eichbergers Stücke über eine radikale, ästhetische Haltung verfügen, sind sie verblüffend bühnenwirksam und publikumsfreundlich.
("Ausgeliefert", Ensemble Theater, Wien 1992; „Der König, sein Narr, seine Königin und ihre Geliebte", Theatro Graz, und kabelwerk, Wien 2001; "Der Ferienmörder" TiK, Graz 2007; "Brennend heißer Wüstensand", Theater Oberzeiring 2011.) Meist von einem banalen Ort oder Standardthema ausgehend, improvisiert er ähnlich einem Jazzmusiker Szenen, die von ironischen Sprachspielen stärker als von großen Figuren, einem konventionellen Plot oder einer "gekonnten" Dramaturgie geprägt sind. Das Publikum, gewitzter als die Theaterprofis, weiß mit der radikalen Eichberger´schen Dekonstruktion verblüffend gut umzugehen.

Man wünscht Günter Eichberger ein anderes Schicksal als seinem großen Vorgänger Wolfgang Bauer, der für die Vermittlung seiner späten, wichtigen Stücke auf eine Bühne und einen kongenialen Regisseur verzichten musste. Da besteht noch Handlungsbedarf von
Kulturpolitik und Theaterszene

Wilhelm Hengstler, April 2012

Günter Eichberger © Oswald Schechtner
Günter Eichberger
© Oswald Schechtner