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Inspiration und Transformation

Der Autor Roman Marchel schreibt, was seine Figuren ihm einflüstern.

Roman Marchel entführt die Leser in seinem ersten Roman "Kickboxen mit Lu" in eine "schöne Gegenwart". Weil Marchel aber ein reflektiert arbeitender Schriftsteller ist und kein Rosamunde-Pilcher-Jünger, verbirgt sich hinter der "schönen Gegenwart" keine Kitschidylle, sondern es ist der Name einer Frühstückspension, wo sich zwei höchst unterschiedliche Figuren begegnen. Da ist zum einen die 16-jährige, quirlige Luziana, auch genannt Lu, die, wie sie sagt, "eine kleine Auszeit braucht"; und da ist zum Anderen eine abgehalfterte Schriftstellerin mit dem bemerkenswerten Namen Tulpe Valentin, die am Tropf ihrer täglichen Flasche Whisky hängt. Tulpe Valentin möchte ein letztes Buch schreiben - und hat in Lu die perfekte Inspirationsquelle dafür gefunden. Denn die junge Dame, von der man das Gefühl hat, dass sie es selten länger als drei Minuten auf einem Stuhl sitzend aushält, hat ihre Überzeugungen und ist auch bereit, diese der älteren Schriftstellerin ins Aufnahmegerät zu sprechen: Lu mag zum Beispiel keine Bücher, die einen Genetiv im Titel haben. Psychologen hält sie für die ärgsten unter den Langweilern, die auf diesem Planeten herumlaufen. Und sie weiß, wie man die weltbeste Bananenmilch kreiert. Das Rezept ist in "Kickboxen mit Lu" nachzulesen, einem vielschichtigen Prosatext, der mit Witz und einer charakteristischen Erzählstimme punktet.

Roman Marchel wurde 1974 in Graz geboren, ist in Unterpremstätten aufgewachsen und in Graz zur Schule gegangen. Seine Annäherung an die Literatur erfolgte über die Rockmusik. "Ich habe in einer Band gespielt und Songs geschrieben", erzählt er: „Den üblichen Schmarren, auf Englisch noch dazu." Bald sprengte sein literarischer Ausdruckswille die Grenzen des Rockjargons, und er begann erste Gedichte zu schreiben. Die aufgekeimte Liebe zur Literatur und das Bedürfnis, in eine größere Stadt zu übersiedeln, führten ihn nach Wien, wo er vergleichende Literaturwissenschaft studierte. Ein Studienjahr in Paris erweiterte den Horizont um noch ein gutes Stück.

Marchel ist einer jener Autoren, die sich so stark von ihrer Inspiration leiten lassen, dass der Schreibprozess in gewisser Weise von den Figuren gesteuert wird. Und so antwortet er auf die Frage, wie er darauf kam, über eine 16-Jährige zu schreiben: „Eigentlich bin ich gar nicht auf die Idee gekommen, sondern es war diese Stimme, die plötzlich da war. Nach ein paar Seiten hat sich herauskristallisiert, dass es eine junge Person sein muss. Ab diesem Zeitpunkt hat sich der Stimmfluss mit Inhalten gefüllt." - Überhaupt, so sagt Marchel, habe er bei seinen Texten immer eher das Gefühl, dass da etwas zu ihm komme und geschrieben werden wolle. Doch selbst wenn sich der Autor in seinem Schreiben weitgehend von seiner Intuition leiten lässt, steckt doch zwischen der Ausgangsidee und dem fertigen Text ein gutes Stück Arbeit. Entwürfe werden wieder und wieder umgeschrieben, bis das Wortgeflecht stabil genug ist, um die hohen literarischen Ansprüche des Autors zu erfüllen. Dieses Schreiben bringt Qualität hervor, davon zeugen die Auszeichnungen, die Roman Marchel bisher erhielt: Siemens-Literaturpreis 2004, Theodor-Körner-Förderpreis 2006.

Dass es trotz dieser Auszeichnungen relativ lange gedauert hat, bis mit "Kickboxen mit Lu" 2011 endlich Marchels Romandebüt erscheinen konnte, ist eines der Mysterien einer Verlagswelt, die nicht nur an Qualität, sondern vor allem an der Vermarktbarkeit von Literatur interessiert ist. "Die Möglichkeit, dass meine Texte auch jenseits des persönlichen Radius gelesen werden können, ist mir schon sehr wichtig", sagt Marchel, der mittlerweile in einem kleinen Dorf bei Melk lebt und dort bereits an weiteren Büchern und Texten arbeitet. Eine Sammlung mit Erzählungen ist bereits fertiggestellt, ein längerer Text und eine Sammlung von kurzen Skizzen sind parallel in Entstehung begriffen.

Werner Schandor, März 2012

Roman Marchel beim „Lesefest 2012“ im Kulturzentrum bei den Minoriten © Werner Schandor
Roman Marchel beim „Lesefest 2012“ im Kulturzentrum bei den Minoriten
© Werner Schandor