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Die Aneignung der Welt (*)

Stefan Glettlers Kunstwerke bringen den Betrachter zum Sprechen

Bei einem Besuch im Wiener Atelier von Fritz Panzer begrüßte er mich mit einem Besen in der Hand. Im Atelier in Prenning bin ich dann beeindruckt vor seinen frischen Gemälden gestanden. Stefan Glettler verbindet mit Fritz Panzer zuerst einmal die gemeinsame Heimat Übelbach/Prenning, wo Glettler aufgewachsen ist und Panzer Wohnraum und Atelier in einer stillgelegten Kartonfabrik hatte. Stefan Gletter assistierte Fritz Panzer und fand so den Weg zur Kunst. 2005 hat er sein Studium an der Akademie der bildenden Künste in Wien bei Walter Obholzer abgeschlossen. Zwischen Sozialarbeit und künstlerischer Auseinandersetzung pendelnd hat er gerade die Ausstellung „Jail Art - Das kriminelle Talent" mit Arbeiten der Häftlinge der Justizstrafanstalt Hirtenberg organisiert, die aus den Ergebnissen seiner Kunstworkshops im Gefängnis hervor gegangen sind. Glettlers nächstes Projekt ist eine Ausstellungsbeteiligung an „KUNSTSTOFFKUNST. Neue Materialien, neue Objekte, neue Plastiken" im Rahmen von NÖArt, die ab Juni an zehn Stationen in Niederösterreich gezeigt werden wird.

Auf dem Kunstmarkt erlebt das traditionelle Medium der Malerei, als mehrfach totgesagtes, derzeit eine Renaissance. Der Kunsthistoriker Toni Stooss, der Direktor des Museums der Moderne in Salzburg, bezeichnete die Malerei als „notorischen Lazarus der Kunstgeschichte", die nach ihrem „Ende" wieder zu einem höchst spannenden Medium kritischer Reflexionen geworden sei. Figurative wie abstrakte Tendenzen werden gerade vor dem Hintergrund der überbordenden Kultur des Visuellen und der neuen Bildmedien auf ihre spezifische Kompetenz, Authentizität und Tradition befragt, meint Peter Weibel, der das Spannende in den vielfältigen Strategien der Kontextualisierung und dem Aufbau vielschichtiger Referenzsysteme sieht (1). Die Situation zur aktuellen Jahrhundertwende scheint ähnlich beflügelnd zu sein wie zu Beginn der Moderne, als mit der Erfindung der Fotografie die bildende Kunst sich neu definierte und den Status der Autonomie für sich beanspruchte. Gerade in einer Zeit der Perfektionierung der ästhetischen Simulation wie heute - alles ist über digitale Techniken visualisierbar - gewinnt die Erkundung von Form und Linie, von Fläche und Raum in ihren Beziehungen und Wirkmechanismen neue Bedeutung als grundlegende Kompetenz bildtheoretischer und künstlerischer Analysen.

Stefan Glettler spricht wenig über seine künstlerischen Intentionen und Motivationen. Aber ein Ansatzpunkt ist wohl bei Fritz Panzers großartigen Analysen der Dingwelt zu finden, ein anderer in den gesamten Bilderreservoiren der Alltagswelt. Diese erschließen sich über den Zugang des Berliner Kulturwissenschaftlers Hartmut Böhme zur Kultur der Moderne: Böhme zeigt mit dem Konzept des Fetischismus, dass Vernunft und Verzauberung zwei einander ergänzende Aspekte der Moderne sind (2). Vom Starkult bis zur Lustökonomie des Konsums, überall begegnet uns der moderne Fetischismus und entlarvt uns als praktizierende Fetischisten, denen die Dinge mehr bedeuten als ihre reine Funktion.
Über die Dinge, die man besitzt, verehrt, hütet, gebraucht oder begehrt, definiert sich in der westlichen Moderne Individualität (3). Welche Dinge wir aufheben, welche wir wegwerfen, gibt Auskunft über unser kulturelles Wertsystem - Dinge erzählen Geschichten, repräsentieren Personen. Fetischisierung ist dann das Ergebnis einer Grenzverschiebung zwischen bestimmendem Subjekt und definiertem Objekt. Ein Fetisch ist ein Ding, an das das Individuum oder das Kollektiv Bedeutungen oder Kräfte knüpfen, die dem Ding als primäre Eigenschaft nicht zukommen, sondern sie werden ihm in einem projektiven Akt beigelegt (4). Es inkorporiert bzw. strahlt diese Kräfte für den Fetischisten aus und gewinnt damit Macht über die Person. Spätestens seit Freud ist der Fetischismus ein Erklärungsmuster für die Struktur unseres „inneren Afrika", wie Jean Paul das nannte, für das Reich des Unbewussten (5). Auch die Malerei ist in dieser Hinsicht, leicht verständlich, ein Fetisch, nicht nur, wie vordergründig aus dem Warencharakter des Bildes im boomenden Kunstmarkt abzulesen ist, sondern auch als Kunstobjekt selbst: Die Kunst ist, um mit Peter Gorsen zu sprechen, eine magische Bewältigung der Umwelt (6).
Die Reflexionen Stefan Glettlers gehen von der Kunst ins Leben, in die nächste Umwelt der Menschen. Ihn interessieren Strategien, mit denen sich Menschen Welt aneignen, mit denen sie Orten ihre persönliche Geschichte anheften, ihre Individualität einschreiben, Markierungen setzen, Räume erobern. Das sind gleichsam magische Strategien, die ein Fremdes (scheinbar) in ein Eigenes zu verwandeln mögen, die Dinge in magische Objekte verwandeln oder gleichzeitig die bedrohliche Macht der Dinge bannen wollen. Solche Strategien lassen sich an einfachen Beispielen festmachen, das sind Formen des Bedeckens und Verhüllens mit Kleidung, in der Wohnung etwa mit Tapeten, mit Bildern an der Wand oder anderen Dekorelementen, Zierborten an Regalen zum Beispiel, gehäkelte Hütchen für Klopapierrollen und was es da alles gibt. Darüber hinaus können etwa auch in der Stadtplanung verwandte Bemühungen entdeckt werden. Im dekorativen Moment des Musters findet Glettler eine exemplarische Strategie der Fetischisierung im Alltag. Stoffstücke, Tapetenstücke bieten sich damit an als künstlerisches Arbeitsmaterial, v. a. in den Objekten und Installationen Glettlers, ergänzt durch Formvorlagen aus dem Fundus des Sexspielzeugs, mit denen auf die sexuelle Konnotation der Fetischisierung Bezug genommen wird. Mit solchen „Fundstücken" wiederholt Glettler die Strategien des Bändigens bzw. fetischhaften Aufladens von Objekten in seinen Installationen. In den Zeichnungen wiederum entwickelt Glettler aus „geistigen Fundstücken" (das sind Erinnerungen an Bilder des Alltagslebens, an das Bilderreservoire der Kunstgeschichte, aber auch Zitate eigener Werke) zufällige Assoziationsketten, die sich von selbst immer weiter spinnen, in additiver Form, wie Zeichnungen auf Telefonblöcken oder in Schulheften, anknüpfend also an surrealistische Techniken, um das Unbewusste als unerschöpflichen Bilderfundus anzuzapfen und auszuloten.

In den Gemälden destilliert Glettler aus den erwähnten Mustern reine Form- und Farbgewichte, die er gestaltend untersucht. Es geht ihm dabei vor allem um die unmittelbare sinnliche Präsenz von Farbe, die Materialität der Farbe in der Stärke des Auftrags und ihrer Beschaffenheit, die Materialität des Malgrundes, die optische Sensation eines Übergangs von Flächigkeit in Räumlichkeit bzw. eines Wechselspiels von Raum und Fläche. Farbe und Farbauftrag sind dabei nicht wie im abstrakten Expressionismus Manifestationen unbewusster Kräfte, weder ist die Pinselführung eine symbolische Geste der Freisetzung von Gefühlen noch sind Farbe wie Linie expressive Repräsentanten emotionaler Verfasstheit. Glettlers Zugang zur Malerei ist nicht metaphysisch, nicht symbolisch und auch nicht vordergründig expressiv. Ebenso wenig aber geht es um die pure Selbstreferentialität und Selbstreflexivität in Form von chromatischen Beziehungen und Interaktionen. Denn auch unter diesen Vorgaben einer Selbstbezüglichkeit und totalen Autonomie ist Malerei immer noch mehr als Farbe auf Leinwand, Farbe, die nur sich selber meint und nichts darüber hinaus. Gerhard Richter, einer der bedeutendsten Maler der Gegenwart meinte: „Malerei ist die Schaffung einer Analogie zum Unanschaulichen und Unverständlichen, das auf diese Weise Gestalt annehmen und verfügbar werden soll. Deshalb sind gute Bilder auch unverständlich. „Nicht-verständlich" ist „nicht-verbrauchbar", also wesentlich...".

Astrid Kury
erschienen im Juni 2008 in der ARTBox

1) Peter Weibel, Pittura / Immedia. Die Malerei in den 90er Jahren zwischen mediatisierter Visualität und Visualität im Kontext, in: Peter Weibel (Hg.), Pittura / Immedia, Ausstellungskatalog Neue Galerie, LM Joanneum, Klagenfurt 1995, S. 13 - 26.
2) Hartmut Böhme, Fetischismus und Kultur. Eine andere Theorie der Moderne, Reinbek bei Hamburg 2006.
3) Gisela Ecker, Claudia Breger, Susanne Scholz (Hg.), Dinge. Königstein/Ts. 2002. Thomas Selig und Urs Stahel (Hg.), Im Rausch der Dinge. Vom funktionalen Objekt zum Fetisch in Fotografien des 20. Jahrhunderts. Göttingen: Steidl Verlag 2004.
4) Böhme, S. 17.
5) Böhme, S. 20.
6) Externe Verknüpfung http://www.michaelvonbank.at/critique3.htm

* Update März 2012:
Stefan Glettlers Werkliste ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gewachsen. Ausstellungen, Stipendien und Aufenthalte in Reykjavik, Prag und Paris haben seine jüngeren Arbeiten - Malereien, Objekte, Zeichnungen - geprägt. 2011 gewann er den Nachwuchspreis des „Henkel Art Award".
Die Malerei Glettlers hat eine monchrome Richtung eingeschlagen, über die der Kunsthistoriker Günther Holler-Schuster schreibt: Bei Glettlers monochrom-gestische Gemälden handle es sich „[...] um eine Variante der Malerei über Malerei. Materialität und Prozesshaftigkeit werden als bewusstes Kalkül eingesetzt und verstehen sich nicht als expressive Emotionsentladung. Die Sinnlichkeit des Farbauftrages ist letztlich Teil der Präsenz dieser Gemälde, die sich dem Publikum fragend gegenüberstellen."

In den plastischen Arbeiten ist Glettler nach einem Ausflug in fetischbehaftete Materialien wie Leder und Eisen mittlerweile bei „weicheren" Substanzen wie Holz, Wolle, Papier bzw. Karton und Wachs angelangt. Sie geben seinen Objekten eine organische Anmutung, beziehen aber mitunter eine Spannung aus der Differenz zwischen Form und Material - wie etwa die mit glänzenden Nagelköpfen überzogene, eiserne Holz-„Kugel" oder aber auch „Baum II", ein mit Wolle umwickelter Baumstamm, der durch die abgebrochenen Äste wie eine Nagelwalze wirkt.

„Als ich Stefan Glettlers Arbeiten zum ersten Mal gesehen habe, hatte ich sofort das Bedürfnis, mit ihnen zu sprechen", schreibt der Schriftsteller Clemes Setz in einem Text über die Arbeiten des Künstlers. „So geht es mir nicht immer. Nur in manchen, selten gewordenen Werken bildender Künstler gibt es ein Maß an absurder Zartheit und brutaler Leichtigkeit, das mehr von mir verlangt als einfach nur aufgeschlossene Betrachtung und interessiertes Herumstehen im Ausstellungsraum mit dem kunstverständigen Zeigefinger an der Oberlippe. Langweilige Kunst will uns etwas sagen, wirklich berührende und bedeutende Kunst dagegen bringt uns dazu, etwas sagen zu wollen."


Kurzbiografie
Stefan Glettler wurde 1980 in Graz geboren. 2000 - 2005 Studium an der Akademie der bildenden Künste in Wien; bei Prof. Walter Obholzer, Diplom Juni 2005; er lebt und arbeitet in Wien und Graz.
Externe Verknüpfung http://www.stefanglettler.at
2011: „... und Paris liegt manchmal an der Mur", Akademie Graz; Atelierstipendium Paris des BMUKK; „Habit au théâtre café picolo", Österreichisches Kulturforum Paris
2010: „Aquarellhappening Tux 2000-2009", Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, Innsbruck; Musa Startgalerie - Museum auf Abruf, Wien; „Lambart", Stift St. Lamprecht/Murau; Österreichisches Kulturforum Prag; „Innenansichten 07", Stadtmuseum Graz
2009: „Das Narrenschiff", „Jail Art" - Projekt mit Häftlingen der JA Hirtenberg, SHH Wien, Stadtwerkstatt Linz, Pfarre Graz St. Andrä; Aufenthalt in Island im Rahmen eines Auslandsstipendiums des Landes Steiermark;
2008: Akademie Graz / Urania; „Kunststoffkunst", Nöart, St. Pölten; „habit im jenseits", Tanzcafé jenseits, Wien; „Wettbewerbsausstellung Förderpreis Bildende Kunst 2008", Neue Galerie Graz
2007: Sechs Bildhauer Positionen, Galerie Merkle, Stuttgart
2006: „Wolf", swingr, Wien „Habit", Wien „Radikal Deko", Berlin „Frischfaser", Soho in Ottakring, Wien „ZIFFT", swingr, Wien Schweizerhaus Hadersdorf, Arbeit mit Drogenkranken
2005: „ROK REW", Wien Diplomausstellung, Akademie d. bildenden Künste, Wien „s/w", Forum Stadtpark, Graz
2004: „sherry stone", Kunstforum Ebendorf, Wien Galerie 422, Gmunden
2003: „whozzed", Stift Rein, Graz „Junge Kunst in alten Kirchen", Kunstintervention Michaelakirche, Wien Installation am Wiener Stephansdom, Südturm, Wien
2002: „täglich", Ausstellungsprojekt, Graz

 

 

 

baum II; holz mit textil umspannt; 208x45x75cm; 2010 © Stefan Glettler
baum II; holz mit textil umspannt; 208x45x75cm; 2010
© Stefan Glettler
kugel; holz genagelt; 25x35x35cm; 2010 © Stefan Glettler
kugel; holz genagelt; 25x35x35cm; 2010
© Stefan Glettler
ohne titel; graphit, tempera auf Leinwand; 145x110cm; 2010 © Stefan Glettler
ohne titel; graphit, tempera auf Leinwand; 145x110cm; 2010
© Stefan Glettler
Stefan Glettler © Claudia Nebel
Stefan Glettler
© Claudia Nebel