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Gezügelte Geheimnisse

„Die größte Herausforderung beim Zeichnen“ ist Josef Niederls zentrales Thema: der Mensch.

„Wir sind immer von Menschen umgeben, und ich bin gerne unterwegs, um Menschen zu beobachten", erzählt der gebürtige Oststeirer Josef Niederl, dessen künstlerisches Interesse von Lore und Luis Sammer in der Mittelschulzeit geweckt und gefördert wurde. Waren seine grafischen und malerischen Anfänge noch „in einem abstrakten Liniengefüge aufgelöst" und die Betrachter gefordert, es einem verwirrenden Puzzlespiel ähnlich im Kopf wieder zusammenzufügen, so entwickelte sich Niederl zu einem Künstler, der Farbe, Struktur und grafisches Element zu einem harmonischen Ganzen fügt, das genug Geheimnisvolles in sich birgt, um der Fantasie Freiräume für Fragen, Interpretationen und vor allem Neugier zu schaffen.

Unzählige Aktstudien in seinen Skizzenbüchern sind die Basis der künstlerischen Arbeit, die für Niederl immer ein faszinierendes „Wechselspiel zwischen Figuren und Farben" darstellt. Auf diese Art werden Gestalten ineinander gesetzt und durch das Umwandern des Modells während des Zeichnens ergeben sich in einem Werk mitunter unterschiedliche Positionen und Ansichten der menschlichen Figur. Ein spontaner Gedanke, eine Szene oder Situation steht am Anfang eines Werks, das zuerst durch Farbflächen oder grundsätzlich sogar durch farbige Blätter geprägt ist. Erst später binden dann die grafischen Formen, meist menschliche Gestalten, das Bild farblich und geben ihm eine inhaltliche und formale „Fassung".

In der gleichen Reihenfolge wie bei der Entstehung erschließen sich Josef Niederls Aquarelle und Acrylmalereien den Betrachtern - ein unbestimmter Farbenrausch nimmt den ersten Blick gefangen, auf den zweiten Blick werden die geheimnisvollen Farbflächen von der Linie eingesammelt und erscheinen gebündelt und manchmal ordnend und zügelnd. Manchmal finden sich auch Schriftzüge auf seinen Bildern, die als kurze Textskizzen den geheimnisvollen und rätselhaften Charakter in seinen Werken noch verstärken. Die Fantasie der Betrachter darf abheben, sich ausdehnen.

Seit 1997 präsentiert der in Graz wohnhafte Künstler seine Werke der Öffentlichkeit, und durch seine Teilnahme an der 6. KünstlerInnen-Klausur 2010 der styrianARTfoundation in Stift Rein begann Niederls Auseinandersetzung mit dem Thema „Lebens-Raum", das er als bereichernde thematische Erweiterung erfahren sollte. Die Frage „Was ist es Wert zu erhalten" veränderte seinen Blick auf die Stadt, auf Gebäude, auf unsere Umwelt. Ausstellungen bedeuten für den 39-jährigen Josef Niederl, der im „bürgerlichen Beruf" als Bauingenieur tätig ist, immer „eine Zäsur" - eine Ausstellung bildet meist den Abschluss eines künstlerischen Arbeitszyklus‘. Und nicht nur deshalb hält er seine Ausstellungs- und Verkaufstätigkeiten überschaubar und damit eher in Grenzen: „Es ist zeitlich sehr aufwendig", neben dem Beruf und seiner Familie sich hier diesen organisatorischen Dingen zu widmen. „Nach außen zu gehen ist eine andere Fähigkeit, die aber vom Malen ablenkt", räumt der Künstler mit Bestimmtheit ein.

Die Malerei begleitete ihn durch seine Schul- und Studienzeit (Letztere verbrachte er in Wien) - die Entscheidung für ein technisches Studium war eine pragmatische, doch scheint Niederl eine gute Balance mit all seinen Lebensbereichen gefunden zu haben. Prägend für seine frühe künstlerische Entwicklung waren auf jeden Fall die eingangs erwähnten Grazer Künstler Lore und Luis Sammer. Auch die Arbeit des von ihm verehrten südsteirischen Malers Gerald Brettschuh - und hier vor allem dessen Aquarelle - beeinflusst(e) sichtlich Josef Niederls Kunstwerke, die jedoch trotzdem eigenständig und selbstbewusst ihren Platz im steirischen Kunstschaffen einnehmen.

„In Ruhe und Unruhe" kann sich Josef Niederl nach einer künstlerischen Zäsur wieder einem neuen Themenzyklus widmen. Menschen in der Stadt und die dortigen Schaufenster sind neue Themen, die ihn in seiner Kunst beschäftigen. 2012 wird er im Sensenwerk Deutschfeistritz neue Werke präsentieren.


Externe Verknüpfung www.josef-niederl.at

Claudia Rief-Taucher, Jänner 2012

 

 

Die Malerin, Mischtechnik, Papier, 50x65 cm, 2008 © DI Josef Niederl
Die Malerin, Mischtechnik, Papier, 50x65 cm, 2008
© DI Josef Niederl
Freizeit, Mischtechnik Papier, 65x102 cm, 2010 © DI Josef Niederl
Freizeit, Mischtechnik Papier, 65x102 cm, 2010
© DI Josef Niederl
Vorm Spiegel, Mischtechnik Papier, 57x77 cm, 2010 © DI Josef Niederl
Vorm Spiegel, Mischtechnik Papier, 57x77 cm, 2010
© DI Josef Niederl
Josef Niederl  © privat
Josef Niederl
© privat