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Wiedererweckte, Herrscher und Starlets

Die jüngsten Subjekte von Arnold Reinisch

Ein Rückblick soll der Darstellung aktueller Arbeiten des 1962 in Graz geborenen und hier lebenden Arnold Reinisch vorangehen. Bis vor wenigen Jahren noch war Reinisch mit Malerei, Plastiken und Installationen befasst, deren Oberflächengestaltung oft wie kristallines oder biologisches Naturmaterial wirkt. Erst die Berührung lässt die wahre Materialität dieser Objekte erfahren, nämlich als keineswegs hart, schwer und widerstandsfähig, sondern als leicht und verletzlich. Mit Akribie entwickelte Reinisch verschiedene Mischungen von Papiermaché, die viele dieser schon älteren Arbeiten mit Scheinoberflächen bedecken. Kurios mutet in einer dieser Werkgruppen etwa ein vermeintlicher Granitquader mit Reißverschluss an, der konditionierter Wahrnehmung zu widerstreben scheint. Inzwischen sind zahlreiche Arbeiten wie die Energiewürfel (1994) in Privatsammlungen bewahrt, ebenso Teile aus der Bondage-Reihe, beispielsweise ein Objekt, das auf den ersten Blick einen tonnenschweren Granitfindling vermuten lässt, der durch Seilschnürungen in seine Form gezwungen zu sein scheint. In den Tafelbildern bis etwa 2006 wurden jeweils in mehreren Arbeitsgängen polychrome Lasurschichten in Acryl aufgebracht, die schließlich räumliche Tiefe suggerieren. Der Vergleich mit mikroskopischen Ansichten von Blutbildern oder Mineralienschnitten ist dabei gewollt. Variationen durch Auswahl der Grundfarben führen in diesen Bildserien aber auch in ein Umfeld von Camouflage, dem gezielten Einsatz von Farbe und Struktur zur Tarnung vor einem Hintergrund.

Das Abbild des menschlichen Körpers in toto führte nach frühen Aktstudien bald zur Auseinandersetzung mit physiologischen Details und in der Folge zu Ideen um die Hybridisierung organischer und anorganischer Strukturen. So affichierte Reinisch Makroaufnahmen von Hautstrukturen auf fotografierte Architektur oder er stellte in zum Teil ironisch verkürzter Weise Prothesen und Austauschorgane zur Verfügung, die er in der Serie do it yourself (1996) auch gleich um praktische Heimwerkeranleitungen ergänzte.

Bedingt durch die technik-, material- und themenübergreifende Arbeitsweise entstanden seit 2007 Plastiken, mit denen Arnold Reinisch an ein Themenfeld rührt, das kultur- und kunsthistorisch bis in die antike Mythologie reicht und das aller Voraussicht nach auch in Zukunft ein Motiv wissenschaftlicher und künstlerischer Auseinandersetzung sein wird. Sofern man den Menschen respektive den menschlichen Körper seit den uns bekannten Anfängen der „Kunst" als primäres Motiv betrachten kann, soll gegenüber der Herangehensweise von Arnold Reinisch angemerkt werden, dass er sich im Wissen um gegenwärtige und historische Vergleichsbeispiele mit diesen Arbeiten bewusst in einen Bereich des Banalen, Absurden und makaber Komischen begibt.

Der Arbeitstitel einer dieser Werkserien, Resurr€©tion, meint somit weniger die Auferstehung im religiösen Kontext, vielmehr erinnert er an eine Form illegaler Erwerbstätigkeit, wie sie im England des 18. und 19. Jahrhunderts betrieben wurde. Die so genannten Wiedererwecker, resurrectionists, waren Grabräuber, die Leichen an anatomische Institute verkauften. Einerseits sind Reinischs Objekte im Umfeld der gegenwärtigen Diskussion um Genmanipulation und den menschlichen Körper als Ersatzteillager etc. anzusiedeln. Andererseits bestehen auch Bezüge zur spätestens im 18. Jahrhundert kulminierten Frage, ob der Mensch durch Maschinen ersetzt werden könnte, der eine im anderen damit auch abgebildet sei. Ein Entwurf für einen mechanischen Sklaven stammt schon aus einer Schrift des Al-Jazari, die auf das Jahr 1206 datiert wird. Im 20. Jahrhundert beispielsweise nannte Alan Turing sein Konzept, ein funktionales Abbild des menschlichen Gehirns zu entwickeln, Kindmaschine.

„Ausgangsmaterial" dieser Objekte, die „sich" - entlang dem künstlerischen Konzept - hin zum Subjekt entwickeln, sind Werkeugmaschinen wie Stichsägen, Bohrmaschinen und vor allem Haushaltsgeräte wie Trockenschleudern und diverse Modelle von Staubsaugern. Diese werden mit flüssigem Kunststoff überarbeitet und stellen schließlich mit Muskelstruktur und Haut ausgestattete Wesen dar, deren Körperform noch entfernt an die besagten Geräte erinnert beziehungsweise diese nun als Skelett in sich tragen. In Installationen machen sich solche Wesen dann scheinbar selbstbestimmt an die Arbeit und zersägen Kommoden und Schränke als Flesh at Work. Die Verwendung der Zeichen für Euro und Urheberrecht im Werktitel Resurr€©tion verweist dabei auf einen gegenwärtigen Konnex, in dem der mehr oder weniger deutlich ausgesprochene Einsatz von „Menschenmaterial" auf diskriminierende Weise im Jargon der Manager anklingt.

Die absurden Hybride paraphrasieren und karikieren die seriöse Diskussion auch der ethischen Aspekte, wie sie im ebenfalls historischen Vorwurf der Anmaßung bestehen, als Mensch auf „künstliche" Weise Menschliches hervorzubringen. Entsprechend Reinischs karikierender Intention ist der Vergleich dieser Körper mit einem Motiv des irischen Schriftstellers Flann O'Brien vielleicht naheliegender, nachdem Moleküle seines Benutzers - und damit Teile seiner Persönlichkeit - mit der Zeit in den Sattel eines Fahrrades übergehen, bis schließlich, nach einem Gesetzesverstoß, anstatt der ungreifbaren Person das Fahrrad zur Verantwortung gezogen wird (Flann O'Brien: Der dritte Polizist).

Die Auferstehung des Fleisches, als pataphysisches Gedankenspiel, führt bei Reinisch beispielsweise in die Überlegung, dass ein Forstarbeiter, zumindest in Teilen, als sein eigenes Werkzeug wieder auf die Welt kommen könnte. Das wird er sich so zwar nicht gewünscht haben, aber in Weiterführung des abstrusen Bildes könnte man an einen Demiurgen denken, der sich von seiner Schöpfung abgewandt haben mag, Unfälle oder Missgeschicke im Diesseits wie im Jenseits also nicht verhindert werden konnten oder wollten. Der fiktive Forstarbeiter ist immerhin als Hybrid zwischen Kettensäge und Menschenkörper auferstanden; und jetzt ist er Forstwirt und trägt den Namen Hubert von Wipfelficht.
Der künstlerischen Genese dieser Figuren haftet allerdings auch eine starke Portion Zynismus an. Abgesehen von ihrem nicht eben ansprechenden Äußeren attestiert ihnen der Künstler die verzweifelt wirkenden Versuche, sich Akzeptanz in bestimmten gesellschaftlichen Gruppen zu verschaffen respektive Trends mitzumachen, was letztlich ziemlich unglücklich wirkt. Körpertätowierungen sind sichtlich amateurhaft ausgeführt, Hautstellen an Piercings sind entzündet. Vormalige Staubsauger gerieren sich als Starlets, heißen beispielsweise Carmen Electron und treten in Anlehnung an publikumswirksame TV-Serien mit weiteren Desperate Housewifes in Installationen auf. Selbstverständlich ist man bemüht, auf Facebook Freunde zu finden und kommuniziert scheinbar selbständig, wie Hubert von Wipfelficht, nicht nur mit anderen, wirklichen Forstwirten, sondern inzwischen auch mit Galeristen, Sammlern und Kuratoren, die tatsächlich Geburtstagswünsche, Weihnachtsgrüße und dergleichen übermitteln, als handelte es sich um Personen.

Was aus schwarzhumoriger Sicht anmuten mag, als hätte sich Viktor Frankenstein im Zeitalter der Biotechnologie eine kleine Werkstatt im Kellerabteil eines Gemeindebaus eingerichtet und sei noch mit der Perfektion seiner Ausführungen beschäftigt, wurde gegenüber vergleichbaren, menschenähnlichen Plastiken von Dinos und Jake Chapman schon an Bereiche der psychoanalytischen Interpretation des „Verworfenen" geführt. Julia Kristeva vor allen hat seit den 1980er Jahren, aus ihrem Arbeitsfeld der Genderstudies, den Begriff des „Abjekts" herausgearbeitet. Das Abjekt steht zunächst für alles, was in einem Menschen Ekel und Aversion hervorruft und das doch nicht anders als aus der Psyche des Menschen selbst entsteht, vielmehr in ihr besteht. Ebenso fand der Abjekt-Begriff Eingang in die Diskussion um die wohl jedem gegenwärtig ästhetischen Empfinden opponierenden chirurgischen Manipulationen am eigenen Körper der französischen Künstlerin Orlan.

Als „durch Personen erweiterte Skulptur" beschreibt Arnold Reinisch die im Vorjahr begonnene und sukzessiv erweiterte Fotoreihe Relationships. Im Studio errichtet er wechselnde Szenarien, die biederen Wohnzimmern gleichen oder manchmal orientalisch anmutenden Teppichlandschaften. Die fiktiven Situationen zeigen Männer mit ihren Geliebten beziehungsweise in der jüngsten Variante Herrscher mit ihren Gattinnen auf dem Teppichthron. Geplant ist, Relationships Ende 2012 als Fotoband zu publizieren.

Wenzel Mraček, November 2011

 

 

Flesh at Work, 2007-2010, Elektrowerkzeuge, Kunststoff, Acryl, Wachs, Möbel; Ausstellungsansicht Galerie Nomad, Graz © Arnold Reinisch
Flesh at Work, 2007-2010, Elektrowerkzeuge, Kunststoff, Acryl, Wachs, Möbel; Ausstellungsansicht Galerie Nomad, Graz
© Arnold Reinisch
Hubert von Wipfelficht, 2010, C-Print, 45 x 30 cm, Auflage: 3+1 © Arnold Reinisch
Hubert von Wipfelficht, 2010, C-Print, 45 x 30 cm, Auflage: 3+1
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Desperate Housewifes, 2007-2009, Staubsauger, Kunststoff, Acryl, Wachs, Teppiche, Ausstellungsansicht Galerie Marenzi, Leibnitz © Arnold Reinisch
Desperate Housewifes, 2007-2009, Staubsauger, Kunststoff, Acryl, Wachs, Teppiche, Ausstellungsansicht Galerie Marenzi, Leibnitz
© Arnold Reinisch
Arnold [Reinisch] und Norma [Bates], 2011, aus der Reihe Relationships © Arnold Reinisch
Arnold [Reinisch] und Norma [Bates], 2011, aus der Reihe Relationships
© Arnold Reinisch
King Toma, 2011, aus Relationships (Herrscher mit ihren Gattinnen auf dem Teppichthron) © Arnold Reinisch
King Toma, 2011, aus Relationships (Herrscher mit ihren Gattinnen auf dem Teppichthron)
© Arnold Reinisch
King Jani, 2011, aus Relationships (Herrscher mit ihren Gattinnen auf dem Teppichthron) © Arnold Reinisch
King Jani, 2011, aus Relationships (Herrscher mit ihren Gattinnen auf dem Teppichthron)
© Arnold Reinisch