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Zigeunerin des Tanzes

In der Volksschule, als Christina Lederhaas bei einer Aufführung ein paar Worte zu sprechen hatte, attestierte ihr die Lehrerin zwar Talent, aber das war auch schon alles, was ihr die Schule an Theater-Prägung mitgab. Ein Schlüsselerlebnis erfolgte mit 18, als sie auf eine Annonce in der Zeitung reagierte: Das Schauspielhaus suchte Laiendarsteller; sie machte mit und war vor allem davon fasziniert, dass ein inhomogener Haufen von streitenden, eifersüchtigen und unterschiedlich talentierten Menschen bei der Vorstellung an einem Strang zog. Diese Gruppenerfahrung sollte nachhaltig sein (das kollektive Arbeiten gilt ihr auch heute noch als überaus wertvoll), bei allen unterschiedlichen Zukunftsvorstellungen, die sie hatte, bei aller Vielfalt, die sie nach wie vor hochhält.

Dass sie bei der Bewerbung an der hiesigen Kunstuniversität sofort genommen wurde, erstaunte sie; doch schon 2001 hatte die 1978 in Graz Geborene auch den Master of Arts/Acting in der Tasche. Selbst wenn nicht immer alles nach ihren Vorstellungen gegangen war: So wollte sie sich etwa beim Vorsprechen gemäß ihrem Interesse vor allem mit dem anderen, dem Fremden auseinandersetzen; sie wollte einen Mann oder eine alte Frau darstellen - aber das wurde nicht akzeptiert: Sie sollte sich selbst spielen. (Die Fokussierung dessen, was bei ihr ist, ist ihr heute allerdings wichtig.) Und etwas fehlte ihr unbewusst bei der Grazer Ausbildung , bei der der Text allein der Ausgangspunkt war und als Interpretationsmittelpunkt auch entscheidend blieb; erst nach Erfahrungen im Wiener Volkstheater konnte sie es benennen: Es war das Körperliche, ein für sie bis heute mehrfach zentraler Faktor in ihrer künstlerischen Tätigkeit.

So begab sie sich im Internet unter „movement" auf Suche nach Institutionen, die in diesem Umfeld Angebote hatten und wurde vor allem in Großbritannien fündig. Ihre Ausbildungen in London führte sie zwar nie zu Ende, aber wesentlich war ihr ohnehin die Zusammenarbeit mit TänzerInnen: Sie erfuhr was es heißt, mit dem Körper zu spielen, derart Strukturen und damit einen Zugang zu Inhalten zu bekommen. Sie lernte einen Text mit dem Körper, durch diesen und als Körper kennen; ihn mit dem und durch den Körper zu interpretieren, ihn so auszudrücken, wenn er sie beispielsweise schreit.

Diese Erfahrungen führten bei ihr aber nicht zu Text-Ausschluss: Vielmehr arbeitet Lederhaas etwa bei der „Zweiten Liga für Kunst& Kultur" wieder sehr genau damit, mit jedem einzelnen Wort: Sie müsse sich zurzeit in beiden ausdrücken, damit nicht etwas fehle. Am Beginn eines Projektes steht für sie aber jedenfalls immer das Phänomen einer Bewegung, einer Geste, eines Habitus; die Form des wortlosen Dialoges in der Improvisation sei ihr ein wesentlicher Teil bei der Annäherung; dann folge die Textanalyse. Aber nichts ist immer und/oder absolut gültig bei ihr: Es sei sehr wohl das Reden, dieser grundlegende Erfahrungsschatz, der sensibilisiere und toleranter mache, die Basis für die körperliche Improvisation.

Lederhaas bezeichnet sich als Zigeunerin des Tanzes, die sich an keinen Stil hält, vielmehr viel geübt und erfunden hat. Seit einem Jahr sind es etwa Alltagsbewegungen, die kleinen, die die Kommunikation im öffentlichen Raum ausmachen, die sie besonders interessieren. Inhaltlich ist es das Fremde, das sich bis heute als roter Faden in ihren Arbeiten erkennen lässt; erweitert durch Auseinandersetzungen mit Unbequemem und dem Bewusstsein, dass nur durch lückenlose Hinterfragung von allem und jedem Bequemlichkeit und Automatismen vermeidbar sind.
Auch wenn Lederhaas keine großen Vorbilder oder entscheidende Lehrer nennt, gibt es auf der Ebene von Research, Handwerk und Workshop einen Namen, der seit ihrer Ausbildung in Großbritannien für gemeinsames Erarbeiten im Bereich Bewegung, Stimme, Atmen, Text steht: jener der Brasilianerin Fernanda Branco, mit der sie immer noch ein- bis zweimal im Jahr Workshops und gemeinsame performative Aktionen durchführt. Darüber hinaus ist für den Winter 2011/12 ein diskursives Projekt um das Konstrukt Familie geplant, Bewegung freilich inbegriffen. Es soll darin um die Reibung an der Realität und um die grundsätzlichen, tiefgreifenden Unterschiede in der Wahrnehmung gehen. Weiters steht ein Residence-Projekt mit Johannes Schrettle am Plan, das modernes Arbeitsleben verhandelt: Lederhaas performt und Schrettle spricht. Und schließlich sind für Consequence of Simplicity , Thema und Titel zugleich, mit Sax & Dance sind 5-10-minütige Videoclips im Entstehen.


Eveline Koberg, November 2011

Christina Lederhaas © Tim Breyvogel
Christina Lederhaas
© Tim Breyvogel