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Sehnsucht nach dem Harmonieverständnis

Klemens Bittmann oder der Künstler als Unternehmen seiner selbst

So haben wir´s gern, wenn wir es mit einem Musiker zu tun bekommen, bei dem man im Gespräch bald merkt, dass er sich als Künstler als ein Unternehmen seiner selbst begreift. Klemens Bittmann glaubt an die Musik als Ganzes, aber mehr noch an sich selbst. Das macht den Musiker zum Unternehmen (nicht zum Unternehmer!), zum Unternehmen Bittmann. Ein Unternehmen freilich, das nie fertig sein kann und von dem er sich selbst immer wieder überraschen lassen darf.

Das schließt die Ensemblearbeit natürlich nicht aus, die ihm dabei hilft „das eigene künstlerische Ich zu erkennen". Individuum im Kollektiv zu bleiben, ein wacher Teil im künstlerischen Ganzen, eine Idee im musikalischen Universum, so lässt sich das Credo des gebürtigen Grazers im Dienst des Ensembles zusammenfassen. Ein Credo, in dem uns seine wörtliche „Sehnsucht nach dem Harmonieverständis" am meisten beeindruckt, umso mehr, wenn dieses Bekenntnis von einem Musiker stammt, der zuerst klassische Geige in Graz, dann Jazzgeige bei keinem Geringerem als Didier Lockwood in Paris studiert hat und heute bekannt dafür ist, dass er sich mit seiner gesamten musikalischen Arbeit in einem stilistischen Spektrum bewegt, wo es harmonisch ohnehin meist dicht und kühn hergeht. Dass ein Profi wie er von der „Magie von Akkordverbindungen" schwärmen kann, hat etwas von jener kindlichen Begeisterungsfähigkeit, die Offenheit als die beste Prognose für das Unternehmen Bittmann verspricht.
So besehen mögen Bild und Position des Musikers, die sich von Klemens Bittmann in all den Jahren im Musikleben des Landes manifestiert haben - und dessen Verdienste er auch redlich für sich verbuchen darf -, bisweilen trügerisch oder voreingenommen sein. Immerhin hat sich der 34-jährige Geiger und Mandola-Spieler vornehmlich mit zwei Gruppen einen klingenden Namen gemacht, die nur einen winzigen Teil seines weiten musikalischen Horizonts abdecken und aus deren gefeierten Auftritten ihn auch die allermeisten kennen: die von ihm gegründete Jazzrockfolkfusion-Combo „Beefolk", seine „Wohlfühl-Band", und das eher kammermusikalisch orientierte Crossover-Trio „Folksmilch" mitsamt seinem mehr oder weniger subtilen Spaßfaktor. Letzteres auch mit dem bescheidenen Wunsch, „die Leute zu unterhalten und damit Geld zu verdienen". So kennen ihn die meisten.

Eher schon ein Fall für die richtigen Bittmann-Fans ist das junge Duo „Frauendienst", das sich einen klassischen Liederzyklus erkiest hat, für den ein gewisser Ulrich von Liechtenstein Pate stand.
Die größte Herauforderung für den Geiger, Bratschisten und Mandola-Spieler ist aber wohl das Quartett des Gitarrenvirtuosen Alegre Corrêa, das ständig auf Improvisation basiert und „von dem man nur lernen kann". Sagt einer, dessen Arrangements bei Leuten wie Sarah Nardelli und Anna F. (Pop), Rita Chiarelli (Blues), Helgi Jonsson und die Ramona Gillard Band (Rock) oder das Radio String Quartet (John McLaughlin) sehr gefragt sind.

Wie das Arrangieren und Komponieren überhaupt eine immer größere Rolle im musikalischen Kosmos des vermutlich ewigen Visionärs einnehmen, der von Gruppen wie dem Mahavishnu Orchestra John McLaughlins, Christian Muthspiels Motley Mothertounge oder allem, was mit Miles Davis oder dem Alban Berg Quartett zu tun hat, beeinflusst sein will.

Zur Zeit arbeitet Bittmann an einem Streichertrio für Cello, Bratsche und Oktavgeige, also einem eigenwillig instrumentierten Trio, wo von der Tonlage „alles irgendwie in der Mitte drin" ist. Wobei es dem gelernten Geiger in letzter Zeit die Bratsche und die Oktavgeige als Instrumentalist besonders angetan haben. So wie es ihn, der seit vielen Jahren vornehmlich auf der Mandola - in fünfsaitiger elektrischer und akustischer Form - zugange war und ist, im Allgemeinen wieder sehr stark zurück zum Streichinstrument, besonders zur Bratsche zieht. Dieser gilt momentan auch seine intensive Auseinandersetzung mit Sound und Intonation.

Sein „ganzes Herzblut" floss zuletzt aber ihn ein audiovisuelles Projekt, ein Projekt, das - für den gemeinen Bittmann-Fan doch überraschend - einen bislang ungeahnten Innovationsdrang und Experimentiergeist des vielfältigen Musikers zeitigte. Für das Judenburger Festival „Liquid Music" schrieb und inszenierte Bittman im Sommer 2011 in grenzgängerischer Risikofreudigkeit eine komplexe multimediale Komposition, bei der die fünf Glocken des dortigen Stadtturms die Hauptdarsteller waren und wobei dem Publikum am Hauptplatz Hören und Sehen verging. Ein kleines Gesamtkunstwerk eines seriösen Musikers, der nur allzu oft und sträflicherweise in die - wenngleich erweiterte - Folkjazzszene gedrängt wird.

War es in früheren Jahren wohl die Vielseitigkeit, sowohl Formationen, Instrumentarium wie auch Stilistiken betreffend, sind es heute mehr und mehr das Spezialisieren auf gewisse Errungenschaften und die Entwicklung einer spezifischen künstlerischen Identität bzw. die gegenseitige Wechselwirkung derselben, die die Aufmerksamkeit auf den besonnenen Musiker lenken. Womit auch die Zeitplanung zu einem wichtigen Faktor seines künstlerischen Selbstverständnisses werden musste. Wenn Kunst Priorität hat, ist der Musiker beim Künstler angekommen.

Wobei Klemens Bittmann längst erkannt hat, „dass Üben ein Befreien von erlernten Schranken ist". Und die „Basis für Kreativität". Erst dann ist es verständlich, wenn es ein Musiker „als hohes Privileg" bezeichnet, sich in die ihm „künstlerisch wichtigen Formationen und Projekte vertiefen zu können."

Internet: Externe Verknüpfung www.klemo.at

Otmar Klammer, September 2011

Klemens Bittmann © privat
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