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Das Geheimnis von Zitoll

Das Damen-Streichtrio Netnakisum, dem steirischen Zitoll entwachsen, zieht der Volksmusik neue Saiten auf.

Die urbane Legende, wonach sich auf gewissen Schallplatten eine geheime Botschaft versteckt, wenn das Vinyl entgegen seiner vorgesehenen Richtung abgespielt wird, dürfte bekannt sein. So standen etwa die Beatles unter Verdacht, mit einer solch diabolischen Technik Rückwärtsbotschaften unters Volk gebracht zu haben („White Album"), aber auch Led Zeppelin („Stairway to Heaven") und sogar Britney Spears. Was aber hat das nun mit Netnakisum zu tun? Mehr als man auf den ersten Blick vermuten möchte. Rückwärts gelesen wird aus „Netnakisum" schlicht „Musikanten". Weiters hat das 2004 gegründete Trio auch schon Britney Spears gecovert („Toxic"), und wenn man Linde Härtel, sie ist die Cellistin, Glauben schenken möchte, dann stand am Anfang der Karriere von Netnakisum ein ganz besonderer Wunsch: „Wir wollen so werden wie die Beatles!".

Aber genug der konspirativen Überlegungen. Eine Quentchen Magie steckt allerdings tatsächlich in der Musik der Mittdreißigerinnen Magdalena Zenz (Violine), Marie-Theres Härtel (Viola) und Linde Härtel (Cello). Wie sonst könnte es sein, dass die gebürtigen Steirerinnen nicht nur Volksmusik, Polka und Wienerlied sondern auch Klassik und Schlager unverdächtig unter einen Hut bringen? Und die Melange am Ende erstens einen auffälligen Popappeal hat und sich zweitens an gängigen Klischees sehr elegant vorbeischleicht? Das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass Netnakisum ihre Lieder - eine Allianz aus Eigenkompositionen und adaptiertem, traditionellem Liedgut - mit Humor abschmecken und vor allem ganz ungezwungen eine Lektion in Sachen Virtuosität erteilen. Alle drei haben ihre Instrumente an der Grazer Kunstuniversität studiert, gehen damit aber nicht hausieren.

Was aber beinahe noch wichtiger ist: Von Kindesbeinen an waren sie es gewohnt, zu singen, zu spielen und zu jodeln. Die beiden Härtel-Schwestern stammen aus einem hochmusikalischen Haushalt, kaum einer der Großfamilie ist nicht musikalisch tätig. Vater Hermann Härtel leitete lange Zeit das steirische Volksliedwerk. Darüber hinaus spielen Vater und Mutter bei den in einschlägigen Kreisen bekannten Citoller Tanzgeigern. So wurde also Marie-Theres und Linde ihr musikalisches Geschick in die Wiege gelegt. Und die Wiege stand in Zitoll, das ist ein Dörfchen im Norden von Graz. Das ist auch jener Ort, in den Linde Härtel, nach einigen Jahren in Wien, wieder zurückkehren wird. „Dort, des is mei Erdn", sagt sie.

Dass Linde Härtel wieder Sehnsucht nach einem verschlafenen Nest hat, muss aber nicht verwundern. Sie und ihre beiden Kolleginnen haben bislang sicher mehr erlebt, als es dem durchschnittlichen Mittzwanziger im Normalfall vergönnt ist. Ihre letzten beiden Alben „Nutville" (2009) und „Das Geheimnis der Alpenstube" (2011), ein Livemitschnitt aus dem Wiener Semperdepot, wurde von der Musikpresse anstandslos akklamiert, ihr Tour-Leben hat sie bislang durch die USA, England oder auch Algerien geführt. Voriges Jahr bespielten sie als Kulturbotschafterinnen den Österreich-Pavillon der Weltausstellung Expo in Shanghai. Momentan befinden sie sich wieder im Studio und tüfteln an einer Verfeinerung ihres Konzepts, haben etwa schon einen Schlagzeuger hinzugezogen. Ihre Second-Hand-Trachtenkleider wollen sie bei zukünftigen Auftritten nicht mehr tragen, dafür haben sie die Live-Besetzung beachtlich aufgestockt. Wenn sie Mitte August etwa beim Musikfestival „Alpentöne" in der Schweiz auftreten, dann geschieht dies nicht nur mit Unterstützung des Tuba-Spielers und des Akkordeonisten der Citoller Tanzgeiger, nein, es werden sich auch einige Familienmitglieder des Härtel-Clans dazu gesellen. Die schießen zwar nicht so scharf wie einige Mafia-Clans in der Gegend von Corleone, werden dafür aber mit Sicherheit jeden Ton treffen.

Externe Verknüpfung www.netnakisum.at

Tiz Schaffer, Juli 2011

Netnasikum © Julia Wesely
Netnasikum
© Julia Wesely