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Der Ikonenmacher

In den Performances und Aktionen von Viktor Thomas Kröll werden Aspekte des Ländlichen und Urbanen, Individuellen und Sozialen verhandelt und remixed.

Viktor Thomas Kröll © privat
Viktor Thomas Kröll
© privat

„Ich bin Konzeptionist. In erster Linie geht es mir darum Ideen zu entwickeln - in welcher Form ich diese Konzepte umsetze und ob ich sie alleine bzw. überhaupt umsetzen kann, hängt von den jeweiligen Rahmenbedingungen ab." Dass Viktor Thomas Kröll lange Jahre erfolgreich als Entwickler und Texter in der Werbung tätig war, ist nicht zu übersehen. Der ursprünglich aus dem kleinen Ort Wies in der Südsteiermark stammende und heute in Wien lebende Künstler lässt seine in der Branche gesammelten Erfahrungen und Strategien natur-gemäß auch in seine künstlerische Arbeit einfließen. Gleichzeitig setzt er sich aber in seinen Arbeiten gerne mit seinem ländlichen Familienbackground auseinander, nicht so sehr zur Aufarbeitung seiner Herkunft, sondern vielmehr als Blaupause, auf der er seine künstleri-schen Konzepte und Interventionen entwickelt. Krölls persönliches Coming of Age, seine Kindheit und Jugend in einer streng katholischen Landfamilie, die Vermittlung konservativer Werte dort, die daraus folgende Selbstreflexion und die Konfrontation mit den Umständen seiner beruflichen Karriere sind treibende Faktoren bei seiner künstlerischen Arbeit. Die Verbindung von Neuem und Altem, Ländlichem und Urbanem, Individuellem und Sozialem zu hinterfragen und zu remixen, all das steht im Mittelpunkt der Auseinandersetzung.

Eine zentrale Stellung in Krölls bisherigem Œuvre nimmt seine bekannteste Arbeit „SelfmadeSaints. Die Demokratisierung des Göttlichen" ein. Als Ausgangspunkt der Überle-gungen dazu gibt der Künstler die Beschäftigung mit den sozialen Netzwerken des Web 2.0 an, Plattformen wie Facebook oder myspace, auf denen jedem Menschen die Möglichkeit zur Stilisierung und zur Überhöhung des eigenen Egos möglich ist, was einerseits zu einer Demokratisierung führt, andererseits jedoch auch dazu herausfordert , innerhalb der Masse nach diversen Möglichkeiten zum Distinktionsgewinn und zum Abheben von eben dieser Masse zu suchen. Das Projekt habe aber, so der Künstler, im Laufe seiner Entwicklung immer mehr auch einen spirituellen Hintergrund bekommen und ihn zu der Erkenntnis geführt, dass „unabhängig von konfessioneller Zugehörigkeit und persönlichem Glauben jeder Mann und jede Frau Teil der Schöpfung und somit Gott selbst ist." Visuell wird dies durch eine von den Porträtierten selbst gehaltene Taschenlampe umgesetzt, die diese mit einem Heiligenschein umgibt, das Bild wird zur Ikone, die Menschen machen sich selbst zu vermeintlichen Heiligen. Das augenzwinkernde Spiel mit Überhöhung und Profanem ist ein wesentlicher Bestandteil dieser Arbeit. Parallel dazu hat Kröll mit Ed. Hauswirth vom Grazer „Theater im Bahnhof" eine Performance zu den SelfmadeSaints entwickelt, Theaterbesucher oder Besucher der Performances können sich so selbst zu Heiligen machen, es werden persönliche Fragen gestellt, um die Porträtierten in jenen puren Moment zu bringen, in dem ein Heiligenporträt, eine Ikone entstehen kann.

Neben dieser zentralen Arbeit, die bereits in mehreren Ausstellungen gezeigt wurde, hat Kröll auch noch weitere Performances und Interventionen entwickelt, unter anderem das Projekt „Performance Spalteholz", in dem er gemeinsam mit der deutschen Künstlerin Ma-reike Spalteholz Brennholz gespaltet und dieses zum Kunstwerk erklärt hat, eine Aktion, die von der Finanzkrise und von der Hinterfragung der Definition von realem und substantiellem Wert inspiriert war. Dass Kröll, der u. a. sehr früh Regieerfahrung im Wieser Theater im Kürbis gesammelt, an der FH Joanneum Graz bei Jörg Schlick, Martin Osterider und Orhan Kipcak Informationsdesign studiert und später in namhaften Werbeagenturen gearbeitet hat, sich auch mit aktuellen Geschehnissen beschäftigt, zeigt seine jüngste Arbeit, bei der er als Reaktion auf die Reaktorkatastrophe in Fukushima einen Geiger-Müller-Zähler gebaut hat, der beim Grazer Lendwirbel 2011 in einer Performance zum Testen von Sushi eingesetzt wurde.

Weitere Infos:
Externe Verknüpfung http://spalteholz2009.blogspot.com/
Externe Verknüpfung http://www.selfmadesaints.com/
Externe Verknüpfung www.geigersushi.blogspot.com

Wolfgang Pollanz, Mai 2011