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Mit Woodstock hat alles begonnen

Hinter dem Ein-Mann-Electro-Pop-Unternehmen Favela Gold steckt der Grazer Musiker Gregor Schenker. Seine erste 7-Inch-Single „Language of Love“ ist ihm gelungen.

Favela Gold © Jasmin Schuller
Favela Gold
© Jasmin Schuller

Woodstock hat ja den Grundstein für so einige Karrieren gelegt. Man denke etwa an Joe Cocker oder Carlos Santana. Aber auch Einzelkämpfer an der akustischen Gitarre, wie der Afroamerikaner Richie Havens - als Schwarzer in der Folk-Szene war er damals eine Ausnahme - kamen durch ihren Auftritt beim legendären Rockfestival 1969 zu Berühmtheit. Havens übrigens deshalb, weil er das Festival eröffnete, ihm die Songs ausgingen und er anhand des immer wieder gesungenen „Freedom" zu improvisieren begann. Auch Gregor Schenker ist ein Einzelkämpfer, auch seine Karriere nahm in Woodstock ihren Lauf. Nein, so alt ist er nicht, bei Schenker handelt es sich um ein kleineres Woodstock, eines, das erst zwei Jahre zurückliegt. Als Favela Gold trat er nämlich erstmals bei „absolutely free" auf, bei jenem Festival, das 2009 im Geiste von Woodstock einige Monate lang in Graz unterschiedlichstes Programm bot.

„Ich habe damals drei Songs gespielt, die auch bei Woodstock gespielt wurden", erzählt er. „Danach habe ich angefangen zu experimentieren, auch wenn ich das Projekt noch nicht klar im Kopf hatte". Ja, das Experiment. Es ist nicht nur für Schenkers künstlerischem Dasein von Bedeutung, sondern auch für seinen Lebensentwurf. Er ist nicht nur als Musiker ein Autodidakt, sondern er war es etwa auch als Journalist oder Schauspieler. Sagt Ihnen der Begriff Lofi Bohème etwas? Geprägt hat ihn die Berliner Musikerin und Autorin Christiane Rösinger. Er beschreibt jene Gattung Mensch, die ihr Leben mit teils schlecht und teils gar nicht bezahlter künstlerischer Arbeit und einem faden Brotjob gestalten. Guten Gewissens darf man Schenker als einen Lofi Bohèmian bezeichnen, wählte er doch selbst den Begriff als Namen für jenes Bandprojekt, in dem er vor Favela Gold aktiv war.

Die Lofi Bohème als Band ist mittlerweile ad acta gelegt. Während das Quintett vor einigen Jahren deutschsprachigen Folk-Pop mit Chansoneinschlag spielte, ist Schenker nun auf einem ganz anderen Planeten gelandet. Jetzt produziert er als Favela Gold Electro-Pop im Alleingang, hauptsächlich mit analogen Synthesizergerätschaften, Gitarre, Bass und Samples. Dafür hat er sich nicht nur beim britischen New Wave der späten Siebziger und frühen Achtziger inspirieren lassen, wie er erzählt, sondern auch beim legendären amerikanischen R&B- und Soul-Label Motown. Tatsächlich ist der eben erschienenen ersten Single „Language of Love" ein gewisser Soul-Appeal nicht abzusprechen. Auch wenn die Maschinen das Sagen haben, im Vordergrund steht der Song, der aber auch auf dem Dancefloor eine gute Figur abgeben würde. Alternative Radiosender könnten ihn wegen seines Retro-Charmes schätzen, aber selbst ins Formatradio könnte er sich einschleichen. Auf der zweiten Seite der 7-Inch bekommt man „Łódź" zu hören. Ein melancholischer, beatfreier und beinahe hymnisches Song, das nicht gerade unschmalzige Synthesizerstück adelt Schenker mit seinem Gesang zur Ballade.

Schon voriges Jahr hat Schenker einen Videoclip zu „Language of Love" in Eigenregie produziert. Die Mühe lohnte sich, beim Kurzfilmwettbewerb „YouTube Play", der in Kooperation mit dem New Yorker Guggenheim Museum ins Leben gerufen wurde, hat er es auf die Shortlist der besten 125 Arbeiten geschafft. Bei 23.000 Einreichungen mehr als ein Achtungserfolg. Bevor im Juni schließlich das Debütalbum erscheinen wird, stehen im April und Mai noch zwei weitere 7-Inch-Veröffentlichungen an. Was darf man erwarten? „Es wird in diesem Stil weitergehen, vor allem klanglich, aber es werden sich auch Sachen darauf finden, die noch stärker am Kitsch sind", erzählt er. Wird er Favela Gold weiterhin strikt als Ein-Mann-Unternehmen betreiben? „Das soll kein Dogma sein. Aber im Moment sehe ich gerade das als Herausforderung, alles alleine zu machen".


Externe Verknüpfung www.favelagold.com


Tiz Schaffer, März 2011