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Die vielen Seiten einer Vielseitigen

Monica Reyes kann fast alles, was zwischen Musik und Theater so möglich ist. Und das auch noch gut.

„Bitte ein Geld für die Musik", sagt die Fotzi in Werner Schwabs zweitem Fäkaliendrama „ÜBERGEWICHT, unwichtig: UNFORM". Es langt ihr dann einer zwischen die Beine und gibt ihr ein paar Groschen, die die Fotzi gemeinnützig in der Musicbox entsorgt. Sorglos verkommen präsentierte Monica Reyes diese zynisch-komische Paraderolle des neueren österreichischen Theaters, schwerelos und vollkommen, wie wahrscheinlich nur wenige vor ihr. Im Stehen kroch sie über die Bühne, tanzte, sang und hob das Rockerl so lasziv wie naiv wie psychotisch-idiotisch. Das war bei der steirischen Regionale 2008 in der Regie von Ernst M. Binder, der sie gleich im selben Jahr auch noch in der österreichischen Erstaufführung von Peter Handkes „Warum eine Küche" zum Einsatz brachte. Zwei Jahre darauf ließ Binder die junge Ausnahmekünstlerin in seinem Stück „Was hängt das Leben tief wie Nebel überm Kukuruz" Ballett tanzen und an einem verstimmten Klavier konzertieren.

Ja, sie ist vielseitig die Reyes. Schon vor ihrer ebenfalls vielseitigen Ausbildung am Konservatorium Wien tanzte und sang sie, damals noch Schülerin, für Schauspielhaus, Oper und styriarte in Graz (u. a. in „Hair", „Black Rider" oder „L'Orfeo"), unter Hans Gratzer wirkte sie als Studentin in die „Die letzten Tage der Menschheit" mit, unter Philipp Arlaud in der „Westside Story". Obwohl das Musical an sich ja nicht so ihr Ding ist - Theater plus Tanzen plus Singen, das schon, aber die Kombination dieser Ingredienzien kann, wenn es nach Monica Reyes geht, auch etwas ganz anderes ergeben. Inzwischen war „die Reyes" u. a. bei den Wiener Festwochen („This is not a lovesong", 2007) und an der Berliner Volksbühne („Seestücke", 2009/10) zu sehen.

Die Vielfalt dieser Engagements entspricht der Vielseitigkeit, die Monica Reyes auch als Darstellerin an den Tag legt. Einmal überspannt sie den Bogen der Komik bis zur Karikatur, einmal taucht sie ins stille Wasser wortlos-verhaltener Bühnenpräsenz. Vor der Kamera kann Monica Reyes aber auch ganz reduziert und natürlich in eine Rolle wachsen - und das im Umfeld der kabarettlastigen heimischen Filmkomödie, wo das Outrieren noch vor kurzem zum guten Ton gehört hat. Ihr erster großer Kinoerfolg war der heimische Hit des Jahres 2010: „Die unabsichtliche Entführung der Frau Elfriede Ott". An der Seite von Michael Ostrowski, Andreas Kiendl und der nicht ganz unbekannten Titelheldin bescherte sie dem Austrokino über 200.000 Zuseher und der DOR Film den Österreichischen Filmpreis in gleich drei Kategorien: Bester Film, bestes Drehbuch, beste Musik. Über die letzte dieser Auszeichnungen kann sich Monica Reyes noch einmal freuen, denn der Soundtrack zum Andreas-Prochaska-Film wartet mit einem Song von Sawoff Shotgun auf. Dazu muss man wissen, dass die Tochter einer Spanierin und eines in Australien aufgewachsenen Romanisten als Monica Reyes Sawoff auf die Welt gekommen ist. „Monica Reyes wurde ich getauft, weil ich am 6 Jänner, am Tag der 3 heiligen Könige, geboren wurde - ,Reyes' heißt ,Könige' auf Spanisch und ist eigentlich mein zweiter Vorname". Swoff Shotgun vereint die drei Sawoff-Schwestern Sonia, Monica und Susanna und ist sozusagen das diskotaugliche Produkt Sawoff'scher Hausmusik. Wobei sich der Sound des anarchischen Trash-Pop-Trios schon ein wenig von daheim emanzipiert hat. Der Vater vertont Literaturklassiker auf der klassischen Gitarre. Monicas eigene Musikerkarriere geht ja auf das ziemlich ambitionierte Grazer Pop-Projekt SUPER-NOVA rund um Gregor Schenker zurück, das irgendwann Ende der 90er Promotionband für Levi Strauss & Co war. Aber das ist wirklich schon ziemlich lange her. Heute beschäftigt sie nicht zuletzt ihr Soloprojekt: „Sobald ich dann hoffentlich bald ein Monat frei habe, möchte ich endlich mein neues Album aufnehmen." - „Schmusen" wird es heißen und 2011 bei Sevenahalf/Hoanzl erscheinen. „Film und Musik lässt sich ganz gut kombinieren. Was ich in letzter Zeit leider absagen musste, waren die Theater-Engagements. Zwei Monate Probenzeit mit täglichen Proben vor Ort - das lässt sich mit den Bandaktivitäten nicht vereinbaren."

Gerade hat Monica Reyes einen „Tatort" abgedreht, in dem sie an der Seite von Harald Krassnitzer eine Hauptrolle gibt, mit dem darauf folgenden Auftritt in „Schnell ermittelt" bleibt sie einstweilen dem Krimi-Genre treu. Bei all dem ist Monica Reyes im Umgang mit ihren Mitmenschen erstaunlich unprätentiös geblieben. Fast als wäre ihr diese ganze Erfolgsgeschichte einfach passiert. „Es war auch nie eine ernsthafte Option die Schauspielerei oder die Musik zu betreiben, es ist so, dass man da irgendwie hineinrutscht. Und plötzlich stellt man fest: Das ist ja jetzt mein Beruf."

Inzwischen gibt es jedenfalls längst „ein Geld für die Musik". Aber angesichts ihres Pendlerdaseins zwischen Wien und Berlin muss man sich keine Sorgen machen, dass Monica Reyes allzu schnell allzu reich wird. Wenn der Nachtzug für die Vielbeschäftigte zu langsam ist (was immer öfter vorkommt), macht sie den Weg mit Air Berlin. „O Gott, mein CO2-Footprint ist im Moment nicht sehr lobenswert." Irgendeinen Haken muss die Sache ja haben.

Externe Verknüpfung www.monicareyes.at

Hermann Götz, März 2011