Link zur Startseite

Soulbruder erzählt

Der Schauspieler Matthias Ohner gibt den Geschichten eine Seele.

Autofahrten sind Zeitfenster, die sich gut mit Geschichten füllen lassen. Das ist übrigens einer der Gründe für die andauernde Beliebtheit von Hörbüchern. Und so lange PKWs mit Kassettenlaufwerk existieren, die Kinder in den Kindergarten führen, wird es auch Pumuckl-Tapes geben. Wenn Matthias Ohner mit seinem Zweiten, dem sechsjährigen Josef, morgens im Stau steht, gibt es auch Geschichten. Josef wirft seinem Vater drei oder vier Stichwörter nach vorn und der baut rundherum die Story. „Es hat mich einfach angeödet, immer die bekannten Kindermärchen nachzuerzählen", so Ohner. Inzwischen steckt ein Aufnahmegerät an der Armatur, das die Texte aufzeichnet. Und das Spiel mit den spontanen Stichwortgeschichten wurde auch schon erfolgreich mit Erwachsenenpublikum wiederholt. Ohner hat festgestellt: Die Tätigkeit als morgendlicher Erzähler macht nicht nur Spaß, sie fördert auch wirklich bemerkenswerte Ergebnisse zutage.  

Eigentlich ist Matthias Ohner ja kein Erzähler. Sondern Schauspieler. Aber das macht in seinen Augen keinen großen Unterschied: „Für mich bedeutet Theaterspielen immer, eine Geschichte zu erzählen. Das muss nicht unbedingt über den Text, über die Sprache passieren, man kann auch mit dem Körper erzählen. Je mehr ein Stück von den Worten entkoppelt ist, desto interessanter wird es für mich." Beim Darsteller Matthias Ohner äußert sich dieser Zugang nicht in gestenreichem Spiel, sondern in einer durch und durch reduzierte Direktheit, die unter Einsatz sparsamer theatralischer Mittel eine unglaubliche Präsenz entfaltet. Matthias Ohner ist einfach da. „Du bist als Schauspieler bei allem, was du tust eine Projektionsfläche für den Film, der im Kopf des Zuschauers abläuft. Das, was man spielt, ist immer mehr, als man mit Worten beschreiben kann". Zumindest bei ihm, dem Darsteller Matthias Ohner, ist das wirklich so.

Mit Ödön von Horváths „Ein Kind unserer Zeit" hat sich Ohner, der u. a. unter dem Label „Vorstadttheater Graz" auftritt, schon einmal einen ganzen Roman vorgeknöpft, den er in Gasthäusern, Klassenzimmern und Theaterräumen als große Erzählung vom Kleinen Mann auftischt. Von der Rolle des Erzählers rutscht er unvermittelt in die Rollen des Stücks, die er gemeinsam mit Regisseur Ed Hauswirth aus dem Nachkriegsroman herausgeschält hat. Zigaretten- und andere Schachteln oder eine Handymailbox treten in den Nebenrollen auf, durch die Hände des Erzählers wird aus wenigen Alltagsutensilien eine ganze Stadt - oder auch eine dramatische Szene.

„Ein Kind unserer Zeit" wurde bereits als Gastproduktion ins Grazer Schauspielhaus eingeladen, Ohner selbst hatte dort 2010 ein Engagement in Arthur Millers „Hexenjagd", einer Regiearbeit der Intendantin Anna Badora. Für einen Self-made-Actor, der sein Handwerk in der Off-Szene erlernt hat, ist das schon ein kleines Karriere-Highlight. Matthias Ohner ist ausgebildeter Sozialarbeiter (Diplomthema: „Humor in der Sozialarbeit. Von Karate und Auto fahren"), neben seinen Engagements in der freien Szene hat er jahrelang an theaterpädagogischen Projekten zur Gewaltprävention mitgearbeitet. Die dramatische Initialzündung erlebte er als Gastschauspieler in der legendären „Hamlet"-Inszenierung im Theater im Bahnhof. Inzwischen hat er mit dem „Vorstadttheater Graz" sein eigenes Ein-Mann-Theaterunternehmen, das Anfang 2011 um das vierköpfige DJ-Kollektiv „Soul-Brüder" ergänzt wurde. Vom Plattenteller aus bringt DJ Mazze dann die Körper der anderen zum Sprechen.

Hermann Götz, Februar 2011

Matthias Ohner © privat
Matthias Ohner
© privat

Kontakt

Matthias Ohner
Verein Vorstadttheater
Zeillergasse 10, 8020 Graz
Telefon: +4369910602485
E-Mail: vorstadttheater@gmail.com