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Vom Holzfäller zum Dramatiker

Über das literarische Grundlinienspiel des Alexander Micheuz

Viele einmalige Jobs hat Alexander Micheuz schon gehabt: Holzfällergehilfe in Slowenien, Müllentsorger beim GTI-Treffen am Wörthersee, Tennisplatzwart in den Sommermonaten und Höhlenführer in Bad Eisenkappel. Da passt ein Job doch ganz gut dazu: Dichter und Dramatiker. Da passiert auch viel. Viel Unerwartetes.

So kommt es beispielsweise in seinem kurzen Prosatext „DER MOND" zu einem Suizid. Nach einer geglückten Mondlandung nimmt der Astronaut seinen Helm ab. „Dann fiel er unendlich unglücklich um. Bumm. so wie immer." Das erwartet der Leser nicht, der noch die rauschende Aufnahme und Neil Armstrongs berühmte Worte bei der Mondlandung im Ohr hat. Der Kärntner Autor, der im zweisprachigen Grenzgebiet zu Slowenien, in Eisenkappel, groß wurde, fabriziert seit seiner Schulzeit Texte. „Seit dem Gymnasium schleppe ich diese innere Schreibmaschine mit mir herum", meint er und schon kehren seine Gedanken zum Mond zurück, aber ohne die gewohnte Mond-Sehnsucht oder das kitschigen Wolfsgeheul in der Vollmondnacht. Nein, nichts von dem. Der Autor überlegt kurz und antwortet überlegt, mit ruhiger Stimme: „Atmosphärisch ist der Mond für mich ein Ort der Einsamkeit, eher neutral, etwas Kühles."

In Micheuz‘ Sätzen steckt viel Überlegung. Nach einer kurzen Nachdenkpause kommt eine gescheite Antwort. Vielleicht hat er das unbewusst von den Tennisplätzen mitgenommen, die er betreut hat: schwedisches Grundlinienspiel. Kurz nachdenken, aufschlagen, und von der Grundlinie aus den Gegner aus der Fassung bringen. Und wie ein Überraschungsangriff am Court blitzt in Micheuz Texten dann die Brutalität auf, beispielsweise in seinen Prosatexten, „Hermine", „die Fliege" und „die Schaufel". Der Leser hat Angst vor dem, was hinter den Wörtern steckt. Hinter den Micheuz-Texten lauert eine unangenehme Wahrheit: Eine Schaufel fliegt vom Himmel und reißt ein Loch in den Boden, das geht einfach nicht gut aus, das weiß man, das spürt man mit großer Gewissheit. „Symbolisch hat die Schaufel etwas Bedrohliches, sie kann einen erschlagen", sagt der Autor. Die Schaufel wird also zweckentfremdet und so wird alles zum Spiel um Leben und Tod.

Das Spiel ist wichtig. So ist sein Theaterstück „MACHT" ein Sprachspiel, wo Prosafetzen von großer Künstlichkeit auf das Publikum hereinbrechen. Die Figuren konfrontieren den Zuschauer also mit Prosadialogen. „Ich rede nicht mit mir selbst. Ich lasse alles auf mich wirken. Der Wald ist feucht. Es hat geregnet. Die Tiere sind aufmerksam, die Rehe scheu. Das Leben schön. Ich werde mich noch umbringen, so herrlich und aufregend ist diese Welt", spricht der Jäger in seinem Eröffnungsstatement. Und dann wird tatsächlich ein gefährliches Spiel getrieben und um Macht verhandelt: Der Schwammerldieb und der Jäger einigen sich auf eine gespielte Verfolgung, ein Spiel im Spiel also, wo wir dann wieder beim absurden Theater sind. Das Absurde rettet Micheuz ja vor der Wirklichkeit. „Danach will ich mich erschießen vor lauter Freude." Das Absurde erlaubt ihm in seiner Künstlichkeit, in seinem Wald zu bleiben, den er als Kind und später als Holzfäller besucht hat. Der Wald hat eben für den Autor bis heute keine Abnützung erfahren, er ist ein mythischer Ort geblieben. „Warum geht man in den Wald? Der Wald hat etwas Unentwirrbares, ist undurchsichtig. Man kann sich verstecken. Ungeheuerliche Dinge können passieren. Aber natürlich ist das auch ein Ort der Klischees, mit denen man spielen kann", so der Autor.

Das Leben ist eben kein Witz und ist nicht verhandelbar wie auf einem Bazar. Das Leben ist wie das Schreiben. „Nimmt man sich eines großen Themas an, kann man groß scheitern. Scheitern ist immer inkludiert." Der Müll ist entsorgt, die Bäume sind gefällt, das Tennisspiel ist fertig. Spiel, Satz und Sieg für Alexander Micheuz.

Martin G. Wanko, Jänner 2011


Alexander Micheuz
geboren 1983 in Bad Eisenkappel/Železna Kapla. Diverse Veröffentlichungen, u.a. in Literaturzeitschriften und Anthologien. Derzeit Masterstudium der Germanistik an der KFU Graz, schreibt an einer Abschlussarbeit zu Werner Schwab.
Dramatikerstipendium des bm:ukk 2009. Nominiert für den Retzhofer Dramapreis 2011.
Link zu einer Text-Musik Performance: Externe Verknüpfung http://vimeo.com/groups/arselectronica/videos/14697035

Alexander Micheuz © Martin G. Wanko
Alexander Micheuz
© Martin G. Wanko