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Auf leisen Sohlen

Elisabeth Cartellieri und Christine Scherzer entdecken die Unbeschwertheit im Tanztheater.

„Am Anfang war sie mir total unsympathisch," sagt Elisabeth Cartellieri über Christine Scherzer. „Wir haben uns nur vom Sehen gekannt und sie fragt mich einfach, ob ich ihr 10 Euro borgen kann. Ich hab das total daneben gefunden." Das war irgendwann rund um die Jahrtausendwende bei einer Performance im Grazer Kulturzentrum bei den Minoriten, die Christine Scherzer trotz finanzieller Schwierigkeiten nicht versäumen wollte. Inzwischen haben die beiden im Rahmen von „tanzschrittweise" dort selbst eine erste Arbeit präsentiert: „left behind" ist ein Abend über zwei, die sich durchs Leben und einen Haufen Schuhe wühlen, probeweise über die Bühne schreiten, behindert, verwandelt, bedrückt oder angeregt durch das, was sie an den Füßen tragen. Eine Versuchsanordnung sozusagen, die sich selbstverständlich ergebnislos in skurrilen Szenen auflöst. Wie das Leben eben.

Davor war „tom waits until it's over". Das erste eigenständige Stück des Duos hat beim „Sprungbrett Tanz" im TTZ für Begeisterung gesorgt. Es wurde im Anschluss für bestOFFstyria nominiert, wo es den 2009 erstmals vergebenen Publikumspreis erhielt. Und wirklich: Die ästhetische Leichtfüßigkeit, die die beiden bisherigen Tanztheaterabende von Cartellieri und Scherzer auszeichnet - nicht nur hinsichtlich des tänzerischen Vokabulars, sondern auch in ihrer dramatischen Annäherung an den Alltag - ist eine Entdeckung. Da machen sich zwei mit traumwandlerischer Präsenz auf der Bühne breit und schmal und spielen miteinander. Sie machen das einfach. Aber sie machen dabei niemandem etwas vor.

Es war die umtriebige Tanzkünstlerin Mona May, die Elisabeth Cartellieri und Christine Scherzer zusammengeführt hat. Auch wenn es ihnen heute wichtig ist, dass sie sich in ihrer künstlerischen Arbeit sehr deutlich von May unterscheiden: Weniger düster, weniger schwer sehen sie ihre Produktionen. „Wir wollen nicht provozieren, nichts dekonstruieren, sondern unterhalten und die Leute zum Lachen bringen. Zum Schmunzeln zumindest." Wobei das nicht Vorsatz, sondern Ergebnis der gemeinsamen Arbeit war. Der Witz kommt bei Cartellieri/Scherzer auf leisen Solen und gleichsam aus dem Zentrum der künstlerischen Arbeit. Dahinter steckt kein Kalkül, sondern ein ganz persönlicher, geradezu intimer Zugang zum Tanz und zum Theater. „Das Stück ist wirklich aus uns entstanden. Es hat vielleicht auch deshalb so viel Erfolg, weil das, was wir machen, sich aus dem ergibt, wer wir sind," sagt Christine Scherzer, und Elisabeth Cartellieri ergänzt: „Wir haben künstlerisch die gleiche Wellenlänge, ... und wir sind auch beide leicht zu erheitern."

Dabei sind die zwei auf den ersten Blick denkbar verschieden. Cartellieri dunkel, Scherzer blond, Cartellieri ist Tänzerin, kommt ursprünglich vom Ballett her („Hab als Kind auch beim ‚Schwanensee‘ mitgetanzt), Scherzer ausgebildete Jazzsängerin („Meine tänzerischen Anfänge beschränken sich auf einen Kurs im Jazztanz, den ich mit 14 mal gemacht habe, aber den total leidenschaftlich"). Bislang konnten sich die Künstlerinnen auch nicht für einen gemeinsamen Namen entscheiden. „Wir haben Listen geschrieben, wir haben meditiert über den Namen, wir hatten die wirrsten und irrsten Konstruktionen ... wir finden nichts." Aber sie vertragen sich. Sie wollen zusammen bleiben. Sie machen ein Tanzstück für Kinder ab 3 mit dem Mezzanintheater. Und Elisabeth Cartellieri hat inzwischen auch ihre 10 Euro zurückbekommen.

Cartellieri/Scherzer im Internet: Externe Verknüpfung www.myspace.com/cartellierischerzer

Hermann Götz , November 2009

 

Elisabeth Cartellieri und Christine Scherzer  © Kornelia Spari
Elisabeth Cartellieri und Christine Scherzer
© Kornelia Spari