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Farbenfroher Komponist im grauen Arbeitsmantel

Der Komponist, Arrangeur und Posaunist Daniel Riegler ist im weiten Feld zwischen Zappa, Neuer Musik und Jazz erfolgreich

Gesagt ist gesagt. „Graz habe ich nie besonders gut leiden können." Also sprach der gebürtige Grazer Daniel Riegler, wissend, dass wir das nicht verstehen. Freilich war das nicht der eigentliche Grund, warum es ihn in jungen Jahren schon nach Wien zog. Das wäre ja noch schöner. Nein, um beim legendären Rudi Josel Posaune zu studieren, war der eigentliche Grund, sagt er, ein wahrlich der Ausbildung dienender, sagt er.

Damals war Frank Zappa, der schon immer „eine Riesenrolle" im musikalischen Weltbild des Jungkomponisten spielte, leider schon einige Jahre tot. Aber die Platten des US-Bürgerschrecks kann man ja schließlich auch in Wien kaufen. „Studio Tan" zum Beispiel, eine bahnbrechende Aufnahme aus dem Jahr 1978, nach der Riegler später schließlich sein 17-köpfiges Ensemble benennen sollte. Als „Studio Dan" sorgt diese Band im diffusen Bereich zwischen kontemporärem Jazz und Neuer Musik nun seit fünf Jahren für einiges Aufsehen in der österreichischen Szene, zumal sie sich schon 2008 als so genannte Stage Band des Wiener Jazz-Etablissements „Porgy & Bess" ein halbes Jahr lang erfolgreich durch Zappas mittleres Oeuvre gerackert hatte und sich so in die jüngste Jazzgeschichte des Landes eingetragen hat. Riegler, der die Zappa-Stücke eigens für seine Band arrangiert und dabei auch als Komponist stets den kaleidophonischen Kosmos von Frankie Boy vor Ohren hat, wollte damit - seinem künstlerischen Ethos folgend - freilich alles andere denn als Cover-Band auftreten. Vielmehr will der 33-jährige Dirigent mit den so unterschiedlichen Musikerpersönlichkeiten dieses illustren Kammerorchesters ganz seiner Vision von „einer großen orchestralen Ebene mit einem ganz speziellen Klang" folgen.

Obwohl Riegler Gründungsmitglied und einer der Chef-Ideologen der Jazzwerkstatt Wien ist, ist der aufgeweckte Musiker gewiss kein Jazzer im klassischen Sinn. Allerdings ist der Posaunist, der sich just auch als Interpret von „klassischer" Musik des 20. und 21. Jahrhunderts einen Namen gemacht hat, nicht zwingend der strengeren Neuen Musik zugeneigt. „Ich bin einfach irgendwo dazwischen", so der immer mehr als Komponist und Arrangeur in Erscheinung tretende Universalmusiker. Er habe aber dennoch mehr persönliche Affinität zur Neuen Musik „als zu amerikanisch gerootetem Jazz".

Diese Affinität zur Neuen Musik, die nicht zuletzt auch in seinen Auftragskompositionen für so renommierte Adressen wie das Klangforum Wien oder das Janus Ensemble zum Ausdruck kommt, diese Affinität also hat er auch mit Frank Zappa gemein, dessen Musik, wenngleich sie aus dem Rock-Bereich kam, nicht unbeleckt war von den Ideen eines Edgar Varese, der Ikone musikalischer Visionäre und Klangforscher.

Längst weiß die Szene und die immer schneller wachsende Fan-Gemeinde des klangbewussten Bandleaders mit der demokratischen Ensemble-Politik, was Studio Dan mit Studio Tan und Daniel Riegler mit Frank Zappa zu tun hat. Viel und wenig zugleich. Viel vom Geist der Innovation, wenig in der Stilfrage. Schließlich wird die vielfältige und offene Musik Rieglers wohl irgendwo im weiten Spannungsfeld kollektiv improvisierter Crossover-Gedanken einzuordnen sein, allerdings mit jenem seltenen Anspruch, bei dem sich Eklektizismus und Eigenwilligkeit nicht ausschließen und der Bierernst nicht an der Tagesordnung steht. Das ist schon was. „Unsere Intention ist es", so der Spiritus rector, der gern im grauen Arbeitsmantel den Stab führt, „wirkliche Originalität zu schaffen, die sich nicht von Stilistiken und Strömungen beeinflussen lässt". Ein großes Wort gelassen ausgesprochen, ein Wort, das als ewiges Thema gerade im Jazz auch sehr verfänglich sein kann. Doch wenn es einen roten Faden in den ganzbögigen Kompositionen Daniel Rieglers gibt, dann will er diese in der Improvisation wissen, und „oft ist schon der kompositorische Ansatz improvisatorisch". Wirklich zappaesk.

Spätestens seit der Auszeichnung mit dem angesehenen Preis der Deutschen Schallplattenkritik für die erste CD „Creatures & Other Stuff" in diesem Frühjahr ist Studio Dan auch außerhalb Österreichs ein Begriff. Und für Daniel Riegler und die Seinen war diese überraschende Ehrung vor allem ein Motivationsschub, das Werk der Mission als work in progress voranzutreiben. Die nächste Produktion ließ daher nicht lange auf sich warten. Neueste Errungenschaft des 17-köpfigen Orchesters ist die CD „Thing", die diesmal ganz im Zeichen der phantasievoll skurrilen Songs der Vokalistin Nika Zach steht. Womit man sich auch schon wieder neu erfunden hat.

Daniel Riegler im Internet: Externe Verknüpfung http://riegler.mur.at/

 

Otmar Klammer, Dezember 2010

Daniel Riegler © Claudio Casanova
Daniel Riegler
© Claudio Casanova