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Sonnenschein und Discoglanz

Calims Hip-Hop abseits der Klischees

Von Hip-Hop-Typen gibt es folgendes Klischee: Sie tragen dicke Ketten, haben den Hosenboden bei den Knien und eine große Klappe im Anschlag. Wer sich aber mit dem Grazer Calim alias Christoph Reicho trifft, der zuletzt mit dem Album „Discoschnupfen & Tanzfieber" von sich hören ließ, wird jedes dieser Vorurteile widerlegt finden. Calim kommt ohne Schmuck und Schminke aus, um seine Augen blitzt oft ein ironisches Lächeln auf, und er spricht sachlich über seine Musik und seine Texte. Dass Calim nicht ins Hip-Hop-Klischee passt, zeigte sich schon bei seiner ersten, 2008 erschienenen CD „Feine Gutetagmusik". Zur Aufnahme des Albums hatte sich fast ein Dutzend österreichischer Musiker für zwei Wochen in ein gemietetes, zum Studio umfunktioniertes Landhaus in der Toskana einquartiert. Herausgekommen ist eine musikalische „Reise um die Welt" - so der Titel des zentralen Tracks - in knapp 40 Minuten. Calim ist die Kunstfigur, der sich Christoph Reicho bedient, um seine Geschichten in Songs zu packen. Italienisches Lebensgefühl, lateinamerikanische Rhythmen und flockige Beats geben auf der „Feinen Gutetagmusik" die ideale Bühne ab für Calims in Reime gegossene prosodische Wortkunst. Das südliche Flair, das in seinen Nummern immer wieder zum Ausdruck kommt, hat der 1984 geborene Reicho quasi mit der Muttermilch eingezogen - verwandtschaftliche Bande seiner Familie gibt es nach Italien und Griechenland. Naheliegend, dass Calim das dolce far niente des Südens besingt („Buon divertimento") oder die Mühen des Anbandelns im Urlaub („Mit Händen und Füßen"). Damit das Szenario nicht zu rosarot wird, endet die „Feine Gutetagmusik" mit der apokalyptischen Vision des rockigen „You will know": „Ich träumte von einer Welt ohne Sonne. Das, was unterging, was wahrlich die Welt."

Auf seinem zweiten Album „Discoschnupfen und Tanzfieber" vertauscht Calim die Sonne des Südens mit den mitunter grellen Lichtern des Dancefloors. Der muntere Reigen der Worldmusic der „Gutetagmusik" verwandelt sich in eine Soundumgebung aus nicht minder raffiniert arrangierten elektronischen Beats, für die DJ Reebone verantwortlich zeichnet. In den Texten schimmern noch Reste des sonnigen Calim-Debüts durch, zum Beispiel im ironischen „Sechs meiner Mädchen" über einen Schüchti, der als Casanova scheitert, aber auch im auf FM4 gern gespielten „Was Besonderes". In anderen Tracks aber, wie „Schöne neue Welt" oder auch den Titelstück „Discoschnupfen & Tanzfieber", verdüstert sich die Stimmung, Rastlosigkeit greift um sich: „Discotanz, Schnupfen, Fieber, / Tanszdiscos schupfen Glieder. / Discoglanz und Tanzlieder, / Discoschnupfen und Tanzfieber". - Die Inspiration zu diesen Songs holte sich Calim während eines mehrwöchigen Aufenthalts im pulsierenden Berlin, wo es bekanntlich ein Leichtes ist, sich die Nächte um die Ohren zu schlagen.

Christoph Reicho versammelte für seine beiden Calim-Alben hervorragende Musikerinnen und Musiker um sich, die seine musikalische Ideen kongenial umsetzten und - im Fall der Background- und Begleitsängerinnen - stimmgewaltig bereichern. Wie das funktioniert, divergierende musikalische Einflüsse und Sounds von verschiedenen Kulturen in die eigene Arbeit einzubeziehen, konnte Calim unter anderem bei Hubert von Goisern beobachten. Dessen Linz-Europa-Tour 2007-2009 begleitete Christoph Reicho, der in Graz Journalismus und PR studiert hat, als Content Manager für die Tour-Homepage (www.hubertvongoisern.com/de/linztour/). Gleich wie Hubert von Goisern schätzt auch Calim live das Musikerkollektiv: „Es hat mir immer getaugt, mit elf Leuten auf einer Bühne zu stehen, Teil des Ganzen zu werden und darin aufzugehen."

Seine musikalische Zukunft sieht Calim abseits des Hip-Hop („aus dem man irgendwann rauswächst") im Songwriting und in Auftritten gemeinsam mit einer kleinen, aber feinen Band, deren Kern aus Sigrid Spörk und Sonia Sawoff (vocs), Andreas Troger (git), Gerhard Reicho (b) und Martin Erhart (dr) besteht. Erste Gigs hat man im Sommer 2010 bereits in Berlin absolviert, für 2011 sind Auftritte auch in Italien geplant. Weil sich Calim/Reicho aber auch als Geschichtenerzähler sieht, nimmt zurzeit ein Roman mit dem schönen Titel „Wir Glückskinder" endgültig Gestalt an. Erste Textauszüge sind im Booklet vom „Discoschnupfen" nachzulesen. Der einst so unbeschwerte Calim, der 2008 aus dem Ei der Comicfigur Calimero schlüpfte, präsentiert sich darin als sehr kritischer Beobachter seiner Generation: „Sobald wir alles durften, lähmten wir uns, denn sobald wir alles besaßen, war es nichts mehr wert. Unzufrieden sträubte sich unser Körper gegen Bewegung, gegen ein Handeln, das Entscheidungen erforderte. Unausgeglichen trieb unsere Seele auf dem versalzenen Wasser des Vielleichts, das alles offen hielt".


Werner Schandor , November 2010

Calim / Christoph Reicho  © Philipp Podesser
Calim / Christoph Reicho
© Philipp Podesser