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Wider den Substanzverlust

Kunst um der Kunst willen ist Sigi Inlejndas Sache nicht

Sigi Inlejnda © Mischa Pics
Sigi Inlejnda
© Mischa Pics

Viereinhalb Monate war er unterwegs, in Venezuela, Australien, Neuseeland, auf Tobago und Kuba. Vor allem Kuba, wo „man mit Musik aufsteht und mit Musik schlafen geht, wo es Straßenmusiker gibt, die bei uns im Konzerthaus spielen würden", lieferte viele Impulse für seine eigene Musik. Stets mit Gitarre und Aufnahmegerät unterwegs, schrieb der Musiker und Autor oft tagelang durch. Die Melodien übertrug er aus seiner Vorstellung direkt auf die Gitarre und nahm sie auf - Noten lesen kann der Steirer nicht. Nach Jahren stockender künstlerischer Betätigung löste die Reise einen unerwarteten Schreibfluss aus: „Ich bin mit 150 Texten im Gepäck wieder heimgekommen." Anlass genug für ein musikalisch-dichterisches Debüt, das Sigi Inlejnda aktuell mit gleich drei Werkstücken hinlegt: „Frische Liada zua hinnign Wöuld" (Musik-Schwerpunkt), „Ba inns dahuam" (Gedichte-Schwerpunkt) und „Da Soach Ottl" (tragisches Hörspiel) zeugen von der kritischen Auseinandersetzung mit einer globalisierten Welt, besonders aber mit der steirischen Heimat. Musikalisch weltläufig und keinem Genre zuzuordnen, fasst Sigi Inlejnda seine Unzufriedenheit in deutliche Worte.

„In Österreich gibt es schon genug Künstler, die das Land loben, diese Schiene muss man nicht mehr bedienen", sagt der 1977 geborene Weizer. Der Künstler mag seine Heimat, aber gerade deshalb müsse Kritik daran erlaubt sein. Dass „si ewig und ewig nix riart", dass mit der Vergangenheit nicht offen umgegangen werde, dass Politiker ihre Wähler mit Schlagworten abspeisen - Sigi Inlejnda kann viele Aspekte einer „hinnign Wöuld" nennen. Er verhehlt nicht, dass dabei auch seine eigene politische Weltsicht eine Rolle spielt. „Das kapitalistische System als die einzig funktionierende Form zu akzeptieren, das wäre total unkreativ", sagt er mit einem Augenzwinkern, meint es aber dennoch ernst: Man müsse offen über andere Gesellschaftsformen diskutieren können. „Revolluz`n mecht i gern", singt er und betont, dass es ihm vor allem um mehr Begeisterung und Überzeugung im Leben der Menschen gehe.

Müsste er seinem künstlerischen Werk ein Motto geben, es hieße wohl „wider den Substanzverlust", egal ob im Austropop oder in der Politik. „Dass PR an die Stelle von Inhalten tritt, ist die wirkliche Tragödie", stellt er fest und überlegt noch, ob er seine Tonträger mit einem Verlag veröffentlichen soll. Denn dann stünden nicht nur seine selbst gestalteten CD-Covers zur Diskussion, dann wären auch Lieder und Auftritte am laufenden Band gefordert - Produktivität statt Kreativität: „Ich kann nicht unter Druck schreiben. Und ich will nicht so enden, dass ich Lieder darüber mache, warum mir gerade nichts einfällt." Künstler, die ständig etwas von sich geben müssen, sind ihm suspekt. „Ich sage jetzt meine Sachen, und dann höre ich wieder den anderen zu und bin still."

Bis dahin wird es wohl noch dauern, denn die Resonanz, bislang vor allem im Internet, ist groß. Dazu trägt auch sein Künstlername „Sigi Inlejnda" (sprich: Inländer) bei, der mit Klischees spielt. „Es haben sich schon ein paar auf meine Website verirrt, die andere Inhalte erwartet haben", schmunzelt der Künstler. Dass dann gerade jene, die er kritisiert, an einem respektlosen Haider-Gedicht oder einer Neu-Interpretation der steirischen Landeshymne Anstoß nehmen, sei ein angenehmer Nebeneffekt. Bewusst provozieren wolle er nicht, aber manche Dinge müsse man klar aussprechen - auch wenn es politisch inkorrekt ist: „Ich kann fünf Mal `Schwarzer´ schreiben, auf der Straße sagen die Leute trotzdem `Neger´." Das ist auch der Grund, warum Sigi Inlejnda, trotz kritischer Distanz zur Heimat, ausschließlich im steirischen Dialekt schreibt. Nicht nur, weil er sich in seiner „ersten Muttersprache" einfach am besten ausdrücken könne, sondern vor allem weil gerade das Steirische viele rustikale, ja derbe Elemente beinhalte: „Die Zustände verlangen so eine Sprache, da gibt es nichts zu beschönigen". Und substanzloses Geschwader gibt es ja schon genug, findet er.

 

Cornelia Schuss 2010

Mehr Infos:
Externe Verknüpfung www.sigipop.com