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Literatur ist nicht nett!

Die Autorin Evelyn Schalk ist stets nah am Wort

Evelyn Schalk © Garfield Trummer
Evelyn Schalk
© Garfield Trummer
Um jedes Wort muss gestritten werden. Schreiben alleine ist kein Widerstand. „Die Haltung ‚Ich schreibe, also bin ich schon deshalb kritisch‘, gilt nicht!", meint Evelyn Schalk, die als Autorin und Literaturwissenschaftlerin Wert auf Sprachbewusstsein legt: Von wo kommt ein Wort, wie wird es im Leben gebraucht, stimmt das noch? Wurde ein Wort vielleicht einmal missbraucht? Die Sprache muss also durch einen Filter, meint Evelyn Schalk, kein Wort darf bedenkenlos verwendet werden.

Dazu braucht jeder Text seine Struktur, ohne die geht's nicht. Und wenn man schon bei Strukturen ist, muss man auch das persönliche Umfeld in die Texte einfließen lassen. Ich sehe, also erkenne ich - ich höre, also weiß ich - ich fühle, also bin ich. Und doch werden da jetzt bei Schalk nicht über den „Umweg Poesie" Schmeicheleinheiten oder persönliche Be- und Empfindlichkeiten in die Welt geschrieben, nein, kluge Satzkonstruktionen schmettern auf den Leser nieder. „augen wieder schwer, mono schon wieder, gitarren hängen verkehrt rum", heißt es etwa im Text „remember the flight", und gleich darauf kommt der Autorin die G8 in den Sinn, Beirut, ein Kreditinstitut, das Sparpaket und überhaupt. Die Nachrichtenwelt, die man so gerne bei der Literatur draußen hätte, die pfeffert einem Schalk hinein. Peng! Schalks Literatur kann weh tun, muss nicht weh tun, Schalks Literatur ist aber eines immer: Gescheit. „kein strache blocken also aus dieser richtung, auf uni-gelände polizei mit schilderwall, drängt, distanz, stundenlang dauert der einsatz, das knochenflicken länger, viel länger..."
Dabei hat alles brav und (fast) vernünftig angefangen. Im Text „Kursentwicklung" aus dem Jahr 2004 fragt die 1981 geborene noch sehr tapfer, was denn mit unserer Zeit so passiert, wer sie uns stiehlt. Der Arbeitgeber als Dieb - eh klar. 2007 werden aber die Weichen neu gestellt. Schalk erzählt die Geschichte „Storytelling - Macht und Geschichte", die für ihr weiteres literarisches Leben richtungsweisend ist. Es ist nämlich Schalks letzte Geschichte im herkömmlichen Sinne. Dieser Text handelt von der Macht der Geschichten, den Missbrauch der Geschichten und die Menschen, die die Macht der Geschichten missbrauchen, und solche Geschichten fabrizieren. Von denen hat sie die Schnauze voll. „Egal ob Politik oder Wirtschaft, Militär oder Literatur, wer ,Erfolg‘ haben will, bedient sich der Macht der Story. Wahlergebnisse sind die Resultate gut oder schlecht erzählter Geschichten - gerade die letzte Nationalratswahl in Österreich hat es einmal mehr bewiesen." Also aus, Ende, keine Geschichten mehr. Das ist jetzt der Punkt, wo bei anderen Autoren wohl das „literarische Licht" ausgegangen wäre, aber nicht bei Schalk.
Zum einen gelangen wir wieder zum Eingangstext „remember the flight", der im Textprojekt „comecon", einer jahrelangen Zusammenarbeit mit ihrem Kollegen Ralf B. Korte, entstand. Dazu kommen ihre Kolumnen, zu denen man vielleicht auch sprachliche Interventionen sagen könnte, die regelmäßig in der experimentierfreudigen Literaturzeitschrift „perspektive" abgedruckt sind, und natürlich der „ausreißer", bei dem Schalk Chefredakteurin ist. Der „ausreißer", die wunderbar kritische Wandzeitung, die an vielen, sehr vielen Grazer Häuserfronten aufgeklebt werden darf. Eine Zeitung ohne Werbung, dafür mit viel Text und Illustrationen, plakatiert auf Häusern wie dem forum stadtpark oder dem Kunsthaus, für Menschen, die stehenbleiben wollen und lesen. Dann weitergehen und nachdenken. Sehen, lesen, fühlen, andere Gedanken mit den Gedanken der Wandzeitung vermischen, kritischer werden und so ein Stück näher zu Evelyn Schalks Literatur kommen.
Beruflich ist die Autorin, die 1981 geboren wurde, an der Uni Graz Romanistik, Germanistik und Medienfächer studierte und zwischendurch als freie Journalistin arbeitete, ebenfalls stets nah am Wort. Seit 2008 ist sie wissenschaftlicher Mitarbeiterin am Germanistik-Institut, wo sie derzeit an ihrer Dissertation mit dem Arbeitstitel „Satire und Skandal in der österreichischen Nachkriegsliteratur" schreibt.

                                                                                                                                            

 

Martin G. Wanko, August 2010