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Der Umbruch ist immer auch ein Aufbruch

James Joyce lieferte den Funken, die Squadra Azzurra bringt Farbe ins literarische Spiel des Grazer Autors Florian Labitsch

Florian Labitsch © Labitsch
Florian Labitsch
© Labitsch
Literarisch gefunden hat sich der Grazer Autor Florian Labitsch als Student, als er neben dem journalistischen Schreiben für ein Grazer Medium am Dichten Spaß fand. Das Schlüsselerlebnis war James Joyce‘ Roman „Ulysses", den er 2001 las. „Joyce hat den Blick auf das Schreiben verändert, ich durfte erfahren, wie großartig, aber auch witzig Literatur sein kann", sagt Labitsch, der seither viel geschrieben und viel veröffentlicht hat, unter anderem in Literatur- und Feuilletonmagazinen wie den „Lichtungen", der „schreibkraft" und „Bella Triste". Auch die Graz-Anthologien „Ich. Stadtschreiberin" (Leykam 2007) und „Glänzendes Graz" (edition kürbis 2008) bereichert der 1980 geborene Autor, der Mitglied der Literaturgruppe „Plattform", mit seinen Beiträgen.

Als sich Florian Labitsch eine Zeit lang stark mit dem Thema Schmerz auseinandersetzte, war auch Thomas Bernhard eine Orientierungshilfe. „Geht's dir gut, und du greifst auf eine Herdplatte, ist es mit dem guten Gefühl vorbei." Klingt vielleicht auf den ersten Blick banal, ist es aber nicht, denn Labitsch geht es um die unmittelbare Empfindung. Schmerz räumt alles andere aus dem Weg. So ist es nur logisch, dass einer seiner ersten Texte sich diesem Thema widmete. „Der ideale Schmerz", in Dialogform aufgebaut, geht tatsächlich unter die Haut. Hier schreibt er über einen Zementsack, der dem Ich-Erzähler beim Erwachen bereits auf den Kopf drückt, und anstatt nach einer Schmerzlinderung fragt er nach einer Steigerung, um ihn auszulöschen. Inhaltlich sehr dicht, eine enge Ausrichtung, ein Kampf mit sich selbst oder gegen sich selbst? Das lässt der Text offen.
Aber mittlerweile scheint das Leben diese Thematik in den Hintergrund gerückt zu haben. Natürlich schmilzt man bei den neuen Texten auch nicht dahin, keinesfalls, aber es scheint, der Autor hat den Weg aus seinem inneren Tunnel gefunden, obwohl es nicht leicht war. „Die Gefahr, wenn man über schöne Dinge schreibt, ist, dass die Texte kitschig wirken. Es soll ja keine Hollywood-Love-Story rauskommen."
Liest man seinen aktuellen Text „Der Mondmann", dann erkennt man, dass der Autor sich nun eher dem Leben an sich zuwendet und keine Angst hat, den Leser zum Lachen zu bringen. „Nächsten Monat werde ich 30 Jahre alt. Eigentlich gibt es nichts zum Feiern, dennoch wird es zwei Partys geben. Eine für die Familie, die andere für Freunde." Das sind Sätze, die hört man gerne, und spürt, dass sie mit dem Autor unmittelbar zu tun haben.
Neu ist auch die Form, in die Labitsch seine Gedanken einfließen lässt. Hat er sich früher eine Geschichte ausgedacht, bedient er sich heute des Bewusstseinsstroms. Kommt ihm ein interessanter Satz oder ein Gedanke in den Sinn, notiert er ihn auf einem kleinen Block. Zu Hause schreibt er seine Sätze in den Computer und geht danach zur eigentlichen Arbeit über. „Bis ich die Ideen vernetzen und verdichten kann, gehe ich die Texte sehr oft durch. Da arbeite ich immer alles um, bis ich glaube, die Gedanken haben genug Fleisch angesetzt."

Diesen neuen Zugang zur Literatur machen seine Texte vital, vielleicht ein bisschen so wie der italienische Fußball. Labitsch hat nämlich ein Faible für die Squadra Azzurra, das italienische Nationalteam. Und man kann viel gegen den italienischen Fußball sagen, aber dass er voller inspirierender Energie ist, das wissen sogar die Nicht-Kicker. Dem Fußball widmete sich der Germanist und Historiker Labitsch auch in seiner kulturwissenschaftlichen Arbeit „Die Narrischen. Sportereignisse in Österreich als Kristallisationspunkte kollektiver Identitäten", die 2009 in Buchform erschien.
Trotz allem, gut Ding braucht Weile. Mögen andere sich jeden Tag zum Schreibtisch setzen, Labitsch ist von seinen Empfindungen abhängig. „Wenn man nichts zum Nachdenken hat, braucht man ja auch nicht schreiben." Also schreibt der Autor schubweise, dann dafür fieberartig, und was ihm dabei zur Hilfe kommt, ist Musik. Bands wie Pink Floyd, The Smiths und Radiohead haben ihn zu seinem „Mondmann" inspiriert. Von „Dark Side of the Moon" zum „Man in the Moon" sozusagen. Stundenlang Musik zu hören ist dementsprechend ein wichtiges Lebenselixier für den Autor. 

                                                                                                                  Martin G. Wanko, Juni 2010