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Im Reich der göttlichen Wächter

Über die Verdinglichungen des Existenziellen in den Skulpturen Johnny Fortmüllers

Johnny Fortmüller © Werner Schandor
Johnny Fortmüller
© Werner Schandor

Man ist versucht, die figuralen Gebilde Johnny Fortmüllers vorab aufgrund ihrer handwerklichen Perfektion zu bewundern. Fortmüller, der gelernte Möbeltischler, ist Spezialist für ausgefallene Konstruktionen, ein beharrlicher Tüftler und Virtuose im Umgang mit den Materialqualitäten. Einige seiner Skulpturen, wie der „Atmosphären-Schutzanzug" oder der „Bau-Löwe", wurden aus dünnen, ausgewalzten Tonplatten gefertigt, die er zu keramischen Ganzkörperpanzern mit beweglichen Teilen formte. Der martialisch anmutende „Torwächter" wurde vom Künstler mit einem „Schutzanzug gegen Vogelgrippe" ausgestattet, den er aus Maschendraht für Hühnergehege und anderen Metallteilen fertigte.

Die bislang aufwendigste Figur Fortmüllers, der mehr als lebensgroße „Blechmann" respektive „Dosierer" entstand in geduldiger Montage von unzähligen blank polierten und säuberlich aneinandergenieteten Aluminiumdosen. Die auf diese Weise gefertigte Blechhaut, die von einem hölzernen Innengerüst getragen wird, wäre nach den Worten ihres Erfinders tragbar wie eine Rüstung, und so wie fast alle anderen der monumentalen Skulpturen ist sie in ihre Einzelteile zerlegbar und an ihren neuralgischen Punkten mit allerlei bizarren Apparaturen, Schrauben, Scharnieren und Gelenken ausgestattet. Manchmal arbeitet Fortmüller sogar mit kleinen Überraschungseffekten wie etwa den verborgenen Glücksbringer-Figürchen in den Hüft- und Kniegelenken des „Glück-auf"-Mannes. Doch es wäre ein großer Irrtum, diese akribische Präzisionsarbeiten in Keramik, Metall und Recyclingmaterialien oder die filigranen Schnitzereien an Holzfindligen als Manifestationen einer verspielten Bastelleidenschaft fehlzudeuten. Vielmehr sind sowohl die Auswahl der Materialien als auch die technischen und mechanischen Finessen der Figuren ihren spezifischen Aufgabenbereichen untergeordnet, die ihnen ihr Schöpfer zugewiesen hat. Sie dienen unter anderem dem Zweck, den statischen Skulpturbegriff durch eingebaute Elemente der Dynamik zu unterwandern und die Gestalten in Akteure eines unsichtbaren Welttheaters zu verwandeln: mit subversivem Witz und Ironie, und mit dem Wissen, dass das Tragische oft am besten im Komischen aufgehoben ist.

Fortmüllers Figuren sind auf eine geheimnisvolle Weise „beseelt" und verkörpern in ihrer Präsenz ein Spiegelkabinett der menschlichen Befindlichkeiten, von den tiefsten bis zu den höchsten Momenten der Existenz. Es handelt sich hierbei um „Wesen" die Substrate der menschlichen Leidenschaften persiflieren, in eine maßlose Übertreibung fortsetzen und daher auch stets in einem stark expressionistischen Duktus dargestellt werden. Zugleich jedoch gehören sie bereits einer Sphäre des Übermenschlichen an und symbolisieren Aspekte einer Götterwelt, deren Einwirkung auf das irdische Menschen-Dasein als ein perfides System an Geben und Nehmen gedacht werden muss. Das „Streben nach Befriedigung von Sehnsüchten und Wünschen", das „Unvermögen und Dilemma, diese Werte beständig zu halten" - sowie, daraus resultierend, eine permanente „Jagd, neue aufkommende Wünsche zu befriedigen": so umschreibt Fortmüller die Komponenten, aus denen sich seine persönliche - äußerst komplexe und vielschichtige - Ikonographie konstituiert. Seine Geschöpfe sind nicht nur hybride Konstruktionen aus klassischer Skulptur und verblüffender Mechanik, sondern auch auf der psychologischen Ebene als Doppelnaturen angesiedelt: als Vermittler zwischen der menschlichen Existenz und dem Willen der „Götter" tragen sie ihre Innenwelt in drastischen Attributen nach außen gestülpt. Schon sehr früh kam Fortmüller zu der Einsicht, dass die wahre Natur des Menschen - sowie auch des göttlichen Wesens - eine doppel- oder vielfachgesichtige ist; ein Thema, dass auch auf die zahlreichen Zeichnungen und Gemälde des Künstlers beherrscht. Der Januskopf stellt von Anfang an ein zentrales Element seiner Figurenwelt dar und gelangt in der Allansichtigkeit des plastischen Oeuvres auch zu seiner technischen Vollendung. Die meisten der Skulpturen sind mit drehbaren Hälsen versehen, mit Hilfe eines vom Künstler selbstentworfenen Schraubensystems lässt sich der passende Gesichtsausdruck mühelos in die erwünschte Position zu bringen. Doch der Wechsel der Gesichter steht weniger für den Wandel der Gemütsverfassungen als vielmehr „für Strategien, die sich in Mimik ausdrücken". Der Kopf ist bei Fortmüller Sitz der ratio und wird zuweilen noch durch einen mützenartigen „Denkfortsatz" erweitert oder ergänzt. Die Gefühls- und Gemütsebene hingegen entflieht dem Zentrum, sie ist weder in den fluktuierenden Antlitzen noch in den allegoriengepanzerten Körpern angesiedelt, sondern kondensiert sich sinnfällig in den Extremitäten. Fortmüllers Geschöpfe „erleben" die Welt buchstäblich unter ihren Füßen. Die - vom durchschnittlichen Ausstellungsbesucher zumeist wenig beachteten - Sockelzonen verwandeln sich zum Schauplatz geheimnisvoller Mysterien, denn die Beinextremitäten repräsentieren „Weg oder Schicksal" und kulminieren sowohl formal wie auch ikonographisch in den überdimensionierten Ausstülpungen der großen Zehen, die ihrerseits als eine Art „Fühler oder Sensor" fungieren, um den „Acker des Lebens" zu erkunden. Stets werden sie dabei von sorgsam arrangierten Podesten unterfangen, die gleichfalls allegorische Aspekte der Erfahrungswelt verkörpern. Dennoch wird dem vermeintlichen Fetischismus einmal mehr durch praktisch-funktionale Handhabung entgegengesteuert, denn gelegentlich sind auch die so bedeutungsvollen Sensoren-Zehen als bewegliche Apparaturen konstruiert und lassen sich sozusagen benutzerfreundlich in die „richtige" Positionierung zueinander bringen. Die Entgrenzung der existenziellen Erfahrung findet ihr Gegengewicht in einer ironischen Banalisierung des Unfassbaren durch den Einsatz von subversiven Mechanismen auf sichtbarer und auf unsichtbarer Ebene, die handliche Lösungen zur Erfüllung irrationaler Wünsche und Sehnsüchte vorgaukeln. Letzten Endes sind die Götter zwar etwas exzentrischer, aber nicht unbedingt klüger als die Sterblichen.

                                                                                                                      Ulrike Schuster, Mai 2007

Post Scriptum, Juni 2010: Johnny Fortmüller hat seine Skulpturen in der Galerie „Lebenswelten" in einem ehemaligen Schweinestall in der Südoststeiermark ausgestellt. Ein Gang durch die weiß getünchten Gemäuer der alten Stallungen ist gleichzeitig eine Entdeckungsreise durch den beeindruckenden künstlerischen Kosmos des 1962 Geborenen. BesucherInnen sind nach telefonischer Voranmeldung willkommen. Kontakt: Galerie Lebenswelten, Radochen 11, 8484 Unterpurkla, Bezirk Radkersburg, Tel. 0664 2744071

Externe Verknüpfung www.johnny-fortmueller.at

Dosierer © Schandor
Dosierer
© Schandor
Jo-Kurt und Kollegen © Schandor
Jo-Kurt und Kollegen
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Hölzerne Wurzelwesen © Schandor
Hölzerne Wurzelwesen
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