Link zur Startseite

Christoph Szalay ist super (*)

Warum Dichtung und Schifliegen nichts miteinander zu tun hat.

Christoph Szalay © Clara Wildberger
Christoph Szalay
© Clara Wildberger

Christoph Szalay ist ausgesprochen jung und ausgesprochen super. Dass bereits hier ersichtlich geworden sein dürfte, wie wenig dieser Artikel um Objektivität sich bemüht, verbuche ich durchaus als Vorzug: Das fruchtbringende und notwendige "Einerseits-andererseits", das nun nämlich anheben müsste, wäre dies z. B. eine Besprechung seines ersten Gedichtbandes "stadt land fluß" (leykam 2010), entfällt hier ganz absichtlich. Und es entfällt nicht etwa, weil jeder seiner Verse das reine Manna vom Dichtungshimmel wäre, und die kleinteilige "Besprechung" einzelner Gedichte oder Zeilen sich also erübrigen würde - denn sie erübrigt sich nicht: "stadt land fluß" ist ein außergewöhnlicher Erstling mit allem, was einen außergewöhnlichen Erstling ausmacht, also neben der deutlich hervorstechenden Qualität und dem neuen, unverwechselbaren Zungenschlag auch mit mancher vorsichtigen Tastbewegung, wo kraftvoller Zugriff durchaus statthaft und dem Autor sichtlich möglich gewesen wäre.

Allein: Das hier ist eben keine Besprechung von "stadt land fluß". Es ist ein Artikel, der bloß den Umstand zum Thema hat, dass es Christoph Szalay nun also gibt. Als Autor. In Graz. Und dass er, s. o., super ist - wie jeder bestätigen wird, der das Vergnügen hatte, ihn aus "stadt land fluß" oder einem seiner unveröffentlichten Manuskripte lesen zu hören.

Was Szalay super macht, ist nämlich erstens dieses: Dass er im besten Sinne "mit dem Ohr schreibt", und dass man das hört, wenn er öffentlich liest. Sehr genau trifft er den "Groove" auch der kürzeren seiner Gedichte, in einer Weise, die dran erinnert, wie nah sich "Song" und Gedicht sein können. Und wie schnell ein Song auf den Punkt kommen kann. Doch er hat auch die wesentlich längeren, komplexeren Gebilde im Angebot, in denen wesentlich mehr Einzelelemente zum Schwingen gebracht werden müssen - und gebracht werden.

Damit ist schon der zweite Umstand angedeutet, weswegen ich Szalay "super" nenne: Sein außergewöhnlich langer Atem. Die Balance der verwendeten Motive, Tonfälle und Rhythmen eines Texts über eine Normseite hin zu halten, ohne dass das Ganze aufhört, stringent zu sein, und ohne in sowas wie leere Artistik abzugleiten - das darf von einem Lyriker mit einigem Talent ohne weiteres erwartet werden. Aber über zehn Normseiten oder so, also zehn-zwölf Vorleseminuten hin, immer noch einen und noch ein neues Element einzuführen, ohne dass sich der Text in Chaos auflöst, ohne dass ich das Interesse am Hören oder Lesen verliere - diese Begabung hat Seltenheitswert.

So sehr nun der vorliegende Text parteiisch ist - was in jedem journalistischen Text über den superen Christoph Szalay auf absehbare Zeit unvermeidbar sein wird, ist es auch hier. Erstens: Die Erwähnung seiner an den Nagel gehängten Skispringer-Laufbahn. Noch immer finden sich unter den Google-Bildersuche-Ergebnissen zu seinem Namen mehr Bilder von ihm mit Skibrille in irgendwelchen Zielräumen als Bilder von ihm in "literarischem" Kontext oder "Literaten-"Pose (was ja auch überhaupt kein Schaden ist). Zweitens: Die Angabe seines Alters: *Räusper* Christoph Szalay wurde 1986 geboren. Womit der Pflicht zur Vollständigkeit Genüge getan wäre, und die Gelegenheit vorliegt, künftigen Szalay-Rezensenten, -Interviewern, -Einmoderationszuständigen einen Rat in diesem Zusammenhang zu geben:

Man unterlasse es, bitte, die windschiefe "Dichten-ist-ja-irgendwie-wie-Skifliegen"-Metapher oder verwandte Konstrukte zu verwenden, um von der Biografie auf das je vorliegende Werk überzuleiten; schon gar unterlasse man aber dabei den Brustton des Vertrauens in die eigene Originalität. Dichter, Werk und Leserschaft werden es zu danken wissen. Insbesondere der Dichter selbst: Denn der ist ein ziemlich entspannter Kerl, um einige Welten reflektierter, als etwa ich es in seinem verhältnismäßig zarten Alter war, und es ist ihm daher mit einigem Grund zuzutrauen, seine Rolle in diesem Textzirkus, der gerade dabei ist, sich ihn als neue Attraktion einzuverleiben, von Anfang an bewusst zu spielen und mit ihr zu arbeiten, statt sich bewusstlos von ihr treiben zu lassen.

Fazit: Buch kaufen! Lesung anhören! Christoph Szalay ist super.

Stefan Schmitzer, März 2010

Christoph Szalay – Heute 2016

Christoph Szalay © Martin Schwarz
Christoph Szalay
© Martin Schwarz
Christoph Szalay  © Martin Schwarz
Christoph Szalay
© Martin Schwarz

Seit dem ersten ARTface-Porträt von Stefan Schmitzer, selbst Autor, über den Lyriker, Dichter und Künstler Christoph Szalay sind sechs Jahre vergangen. Zeit für einen aktuellen Blick: Heuer war Szalay im Rahmen des Atelier-Auslandsprogrammes des Landes Steiermark für zwei Monate in Triest tätig.
In einem Gespräch vor seinem Auslandsaufenthalt hat Szalay von seinen aktuellen Plänen, künstlerischen Einstellungen und partizipatorischen Ansätzen erzählt.

In Summe klingen alle neuen Vorhaben des 29-jährigen Künstlers nach einem bunten Reigen unterschiedlichster künstlerischer Ausprägung, wo Lyrik Platz finden kann. „Queer“ in seinem Sinn bedeutet ein Hinaus aus dem Normativen, ein Hinein in genreübergreifende, mitunter partizipatorische Projekte, die Szalay durch seine Lyrik mitkomponiert. Deshalb ist Lyrik selbst für Szalay „Queerness“. Hiermit meint er aber weder den Identitätsaspekt noch die Sexualität, die dieser Begriffsdefinition eingeschrieben sind. Er sieht sich als „an artist“, der sich nicht standardisieren und schubladisieren lassen will, der alles einschließt und dem das Arbeiten formal in Zwischenbereichen und inhaltlich in Zwischenräumen besonders gefällt: „Hier beginnt das Interesse.“ Ein Ergebnis sind Text-Sound-Performances.

Szalay glaubt an die Kraft der Lyrik, die sich für ihn um eine Sprache bemüht, in der jedes Wort wichtig ist – eine Gleichheit in der Gewichtung sei aber nicht zwingend. Ihm geht es auch um Genauigkeit im Ausdruck, und da sieht er mehr Möglichkeiten in der Sprache als in anderen künstlerischen Richtungen.
Sprache stand wohl auch im Mittelpunkt seines Studiums: Zuerst war es Germanistik in Graz, danach folgte ein Masterstudium an der Universität der Künste in Berlin am Institut „Kunst im Kontext“, das er 2015 mit der Arbeit „Die Anwesenheit tritt aus der Abwesenheit heraus“ abschloss.
Ein komplexer Titel mit einem noch komplexeren Untertitel: „Über den Vorhang in Robert Blanchons ,Dr. Farnworth’s Curtains‘ – eine Bildbeschreibung.“
Blanchon (1965 bis 1999) war ein amerikanischer Konzeptkünstler, der sich mit den in Amerika in den 80er- und 90er-Jahren brisanten Themen wie Homosexualität oder AIDS auseinandersetzte.
Das Werk „Dr. Farnworth’s Curtains“ zeigt durch die Darstellung des Vorhangs abwesende Körper, Körper, die sich im Verschwinden befinden. Diese Leerstelle artikuliert aber gleichzeitig ein Vorhandensein der Körper. Die Idee der Künstlergeneration, der Blanchon angehörte, war die Möglichkeit der Selbstartikulation durch Kunstproduktion, um dadurch auf die restriktive Gesellschaftspolitik Amerikas aufmerksam machen zu können.
Szalay hat dies in einem künstlerisch-wissenschaftlichen Essay niedergeschrieben, den Fokus auf das Definieren und Artikulieren der eigenen Position gerichtet. Der Grazer Kunstverein zeigte im Jahr 2015 Arbeiten des amerikanischen Künstlers und bei den Galerientagen im Frühling 2016 sprach Szalay gemeinsam mit der amerikanischen Konzeptkünstlerin Mary Ellen Carroll im Grazer Kunstverein über das Werk Blanchons.

„So klein und so konkret wie möglich zu starten“, sagt Szalay über seine Arbeitsweise.
Für sein Atelier-Auslandsstipendium in Triest war der Diskurs „Stadt als Text“ sein Ausgangspunkt – dafür hat Szalay in Johann Joachim Winckelmann, Begründer der modernen Kunstgeschichte und Archäologie, der zudem 1768 in Triest ermordet wurde, einen Anfang gefunden. Bis heute ist nicht klar, warum Winckelmann, der in seinen zahlreichen Schriften und Briefen eine homoerotische Neigung erkennen lassen will, von einem mittellosen Mann namens Arcangeli umgebracht worden ist. Wieder „Queerness“, die Szalay als einen Parameter einfließen lässt.
Der Rechtsanwalt, Politiker und Mäzen Domenico Rossetti hat sich 40 Jahre später mithilfe der Prozessakten um eine möglichst genaue Darstellung des Tathergangs bemüht. Triest befand sich, seit Karl VI. 1719 die Stadt zum Freihafen ernannte, in einer Umbruchphase städtischer Identität, die der alten Patrizierschicht, der auch Rossetti angehörte, nicht besonders gefiel. Szalay: „Um das alte Triest zu bewahren, verwendete Rossetti Winckelmanns Diskurs der Antike als Maßstab für Ästhetik und Kunst und hat für den Kunsthistoriker ein Monument auf dem Friedhof der Kathedrale San Giusto errichten lassen und ihm wieder einen Platz in der Stadt gegeben.“

Szalay geht es nun um die Narration der Stadt, um verschiedene Erzählweisen und unterschiedliche Blickwinkel: „Die Idee meines Projektes ist es, diesen Diskurs, der mit Winckelmann, Rossetti und der Verwandlung Triests zum Freihafen, Mittelpunkt der k.& k. Monarchie , beginnt und sich bis in die Gegenwart zieht, in der Triest die eigene Identität aufs Neue verhandeln muss, aufzunehmen, zu behandeln und zu erzählen.“ In Triest gibt es ein einziges öffentliches Kunstmuseum, das „Museo Revoltella“, in dem man den urbanen  und inhaltlichen Diskurs der Stadt des 18. und 19. Jahrhunderts wiederfindet. Szalay wagt sich daher mit seiner Fragestellung noch weiter: „Die Stadt als Museum“ oder „Die Stadt = ein Museum“?
Für die Darstellung seines Projektes schweben dem 29-Jährigen eine Rauminstallation mit Fotografien und Textelementen vor. Wieder ein konzeptueller Ansatz, der sich zwischen künstlerischen Ausdrucksweisen bewegt.
Ganz nebenbei erzählt Szalay noch von seiner Teilnahme an diversen Veranstaltungen, Ausstellungen und Diskussionen und weiteren Aufenthalten als Artist in Residence.
Und deshalb darf man weiterhin gespannt sein, wo und wie der ehemalige nordische Kombinierer mit weiteren neuen Arbeiten und Projekten landen wird.

Petra Sieder-Grabner
Juli 2016