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Große Gefühle in Lo-Fi

Über die Sehnsuchtsmusik des Jürgen Plank

Jürgen Plank © B. Funder
Jürgen Plank
© B. Funder

"Sometimes I feel like I can't even sing" - keine Textzeile von Michael Stipe (R.E.M.) trifft auf Jürgen Plank weniger zu als diese. Und doch passt der Bezug: Früh schon hat sich der gebürtige Leobner (Jahrgang 1971) der alternativen Pop/Rockmusik verschrieben. Begonnen hat alles in den späten 1980ern mit Bands wie den zitierten R.E.M., den Blue Aeroplanes oder The Smiths, mit Songwritern wie Billy Bragg, Johnny Cash und Natalie Merchant. Die Liebe zum klassisch instrumentierten, am American Songbook orientierten Liedgut hat den studierten Medienwissenschaftler und Ethnologen nie mehr losgelassen. Nach Versuchen als Hörspielautor und Herausgeber der auf Kleinstauflagen beschränkten, handgefertigten und im Freundeskreis vertriebenen Literaturzeitschrift „Tanja" hat sich Plank vornehmlich der Musik zugewandt. Bezeichnend für das Schaffen des Musikers, der mit dem Label Lindo Records auch Geistesverwandten wie Clint oder der phantastischen Laura Rafetseder (Laura & The Comrats: „Creating Memories") eine Plattform zur Veröffentlichung bietet, ist es über den Tellerrand der eigenen Kultur zu schauen. Seien es die Veröffentlichungen als Lassos Mariachis, einem Duo, mit dem sich Plank alias Jorge Blanco gemeinsam mit Roland Cresnar alias Raoul Corona auf den Weg macht, Mariachi-Musik mit eindeutig mit Ironie aufgeladenen deutschen Texten zu verweben, oder sei es als Soloprojekt The Wichita, mit dem er sich an der Oberfläche dem klassischen Singer-/Songwritertum verpflichtet. Eine andere, eine konzeptuelle Zugangsweise zu Musik pflegt Plank mit der laut Radiomoderator Fritz Ostermayer „besten Band der Welt", dem Ersten Wiener Heimorgelorchester. Das EWHO, seit 1994 aktiv, hat sich ganz dem Musikmachen mit billigen Heimorgeln verschrieben. Zusätzliche Instrumente sind verpönt, genutzt wird, was die Heimorgel hergibt. Durch den Einsatz diverser, zum Teil selbst gebastelter Effektgeräte hat sich das Orchester zunehmend in eine Richtung entwickelt, der man eine Nähe zu Kraftwerk konstatieren kann. Textlich hält man sich im weiten Feld der tendenziell absurden Lyrik auf, etwa im pointierten Vierzeiler „die tür zu immer / die ruhe im zimmer // im zimmer die ruhe / die tür die zue" („Ruhe im Zimmer" vom Album „Es wird schön gewesen sein"), obschon in letzter Zeit öfter auch kritische Töne in die Texte gewoben werden oder sich ganze Songs mit etablierten Sinnlosigkeiten wie der zeitgenössischen volkstümlichen Musik auseinandersetzen. Dass das Erste Wiener Heimorgelorchester auf seiner aktuellen Veröffentlichung Ronnie Urini reaktiviert hat, um gemeinsam dessen legendäre Vertonung des Konrad-Bayer-Gedichts „Niemand hilft mir" neu einzuspielen, zeugt zudem von Geschichtsbewusstsein.

Überhaupt Kooperationen mit anderen Künstlern. Solche gibt es im Schaffen von Jürgen Plank einige, etwa mit Klaus Tschabitzer, besser bekannt als Der Schwimmer, oder dem Autor Günter Freitag, dessen Gedicht „Faro triste" die Lassos Mariachis gemeinsam mit der Gastsängerin Birgit Paul für den Sampler „kve:r" (pumpkin records 2003) vertont haben. Sie sind Zeugnis für die Umtriebigkeit von Jürgen Plank, der zuletzt auch als Produzent für einige der Lindo-Label-Artists in Erscheinung getreten ist.

Dass das Dasein immer dann am schlimmsten ist, wenn es während des Lebens zum Stillstand kommt, ist eines der zentralen Themen der Plank'schen Texte. Daher arbeiten sich seine Songs vielfach am Topos Sehnsucht ab. Knietief im Schlamassel zwischen Haben, Sein und Werden watend, zelebriert das lyrische Ich Fernweh und die Suche nach Beständigkeit, der gleichzeitig die Getriebenheit in die Quere kommt. Glück ist, wonach wir alle suchen, aber nichts ist so eigenartig wie ungebrochene Fröhlichkeit. So, mindestens aber so ähnlich lässt sich das Gefühl beschrieben, das die Songs von Jürgen Plank evozieren. Bei den Lassos sind es die mexikanisch tönenden Mariachi-Klänge, die Weite und Ferne suggerieren. Im balladesken Fach angesiedelt, stimmen Blanco und Corona Songs voller Wehmut an. Selbst die fröhlicheren Songs tanzen verdächtig nahe am Trauerrand der unerfüllten Lebensfreude. In der Selbstdefinition klingt das so: „Mit ihren grenzgängerischen Balladen - abseits von Gut und Böse - erweitern die Lassos Mariachis das Schlagergenre um tausend Dimensionen." Wer das Duo schon einmal live erlebt hat, weiß aber auch um das Komödianten-, ja fast schon Gauklerhafte, das den Lassos anhängt, denn Ernsthaftigkeit ist eine der letzten Kategorien, welche die Mariachis kategorisch pflegen. Der Hang zum Kalauer liegt den beiden im Bedarfsfall näher als die Bedachtnahme auf die Regeln der „hohen" Kunst.

Mit dem Soloprojekt The Wichita beschreitet Plank textlich ähnliche, musikalisch aber andere Wege. The Wichita macht Musik im Sinne des klassischen Singer-/Songwritertums der amerikanischen Schule, die oberflächlich betrachtet nicht versucht, krampfhaft komplex zu werden, und dennoch im Gesamten genug Raffinesse hat, mehrschichtig zu wirken. Was als Liebeslied anhebt, wird schnell einmal zum Abschiedslied ganz nach dem Funktionsprinzip des Plank'schen Kippmechanismus: Was eben noch zusammengehört hat, wird umgehend getrennt: „She called me husband, I said wife, I prefer a Hobo-life, I had to say goodbye" („Lourelei" vom Album „Songlines"). Der vielfach eher durch Understatement gekennzeichnete und weniger pathetische Vortragsstil des Sängers Plank unterstützt die Mehrdeutigkeit der Songs zusätzlich, Plank gibt so gerne auch den sympathischen Underdog, wenn nicht gar Verlierer von eigenen Gnaden. In diesem Sinne wollen wir noch einmal Michael Stipe zitieren: „Singer sing me a given, singer sing me a song."

Weitere Infos unter:
Externe Verknüpfung www.lindo.at
Externe Verknüpfung www.lassos.at
Externe Verknüpfung www.ewho.at


Hannes Luxbacher, März 2010