Link zur Startseite

4 ½ Dogmen

Johannes Schrettle und die „zweite liga für kunst und kultur“ proben den postdramatischen Kreativzustand.

„zweite liga für kunst und kultur“  © 2 Liga
„zweite liga für kunst und kultur“
© 2 Liga
„Letztlich ist es meine eigene Entscheidung, ob ich dem Bild des jungen Erfolgsautoren entsprechen will. Aber natürlich ist der Theaterbetrieb auf diese Rolle fixiert." Johannes Schrettle sagte das vor fünf Jahren, als er in einem ersten Falter-Interview auf den Zusammenhang angesprochen wurde, der zwischen Autorenwerkstätten, wie sie in Graz etwa UniT aufgebaut hat, und dem Hype um junge vielversprechende Literaten besteht.

Schrettle war ein UniT-Schützling der ersten Stunde. „Für mich bietet UniT einfach die Möglichkeit Dinge auszuprobieren, die Zusammenarbeit und den Austausch mit Leuten, die mich interessieren, deren Meinung mich interessiert - zur Zeit vor allem mein ,Mentor' René Polesch", sagte er damals. Interessanter ist die andere Geschichte. Jene des jungen Erfolgsautoren Johannes Schrettle, der zum Zeitpunkt des Falter-Gesprächs bereits den Retzhofer Literaturpreis in der Tasche hatte, zu den Werkstadttagen am Burgtheater geladen war und an den Städtischen Bühnen Osnabruck wie am Grazer Schauspielhaus ein Stück unterbrachte. Schrettle fiel 2007 auch bei den Wiener Festwochen auf, noch einmal in Osnabruck und 2008 beim steirischen herbst. Sein kreativer Fokus aber scheint inzwischen auf ganz anderen Arbeiten zu liegen. Neben seinem Wirken als Schreibtischtäter hatte er stets ein zweites dramatisches Standbein. Dort arbeitete und arbeitet er an einer offenen Form, die dem Konzept eines fertigen dramatischen Ausgangstext (und damit der Rolle des Dramatikers) fundamental widerspricht. Und er tut dies gemeinsam mit Künstlern und Künstlerinnen, die ihm durchaus auf Augenhöhe begegnen. Damals, 2005, waren das die „little drama boyz", denen u. a. der Impro-Freak Wolfgang Lampl alias Jimi Lend seinen Stempel aufdrückte, heute ist es die „zweite liga für kunst und kultur". „Da denke ich zum Beispiel an Damen, die sich Ende des 18. Jahrhunderts zum Kampf gegen Alkoholmissbrauch zusammentun", kommentiert Schrettle in einem weiteren Falter-Interview diese Namenskreation - was insofern treffend erscheint, als die „Liga" neben Schrettle vor allem Frauen beheimatet. Zuletzt Vera Hagemann, Barbara Kramer, Christina Lederhaas und Neuzugang Klaus Meßner. Als erstes von 4 1/2 Dogmen, die die Liga auf ihrer Website veröffentlicht, heißt es: „wer ein werk für fertig erklärt, ist ein faschist." Johannes Schrettle hat das auch schon mal netter ausgedrückt: „Ich bin mir sicher, dass interessanteres Theater dort entsteht, wo kollektiv gearbeitet wird. Der Normalfall sieht so aus, dass ein Schauspieler Text und Regisseur zugeteilt bekommt. In fünf Wochen müssen die das dann hinstellen. Das ist unkünstlerisch. Daher versuche ich eher frei zu arbeiten." Und: „... ich glaube daran, dass die Menschen, die auf der Bühne stehen, selbst so etwas wie Autoren sind." Man kann das, was die „zweite liga für kunst und kultur" auf die Bühne bringt, auch postdramatisches Theater nennen. Manchmal im wahrsten Sinne des Wortes: So spielte die „Liga" im Rahmen von „M - Eine Stadt sucht ihre Mitte" (2008) das vorbereitete Stück unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Als dann das Publikum eintraf, wurde die theatralische Arbeit im Rahmen einer locker inszenierten Premierenfeier nur mehr reflektiert: Wie ist es mir in meiner Rolle gegangen, warum hat das alles nicht so geklappt, was ist eigentlich passiert ...? Das Konzept der „Liga" hinterfragt die Funktionalität von Theater ähnlich, wie es die Bildende Kunst seit Duchamp mit dem Museumsraum tut (und mit anderen Koordinaten des Betriebs). „das wort „kunst" sollte nicht auf der bühne ausgesprochen werden", lautet das dritte Dogma der „Liga". Zugegeben: Das klingt etwas rotzig. Denn bei aller Kopf- und Konzeptlastigkeit sind die Theaterabende der „zweiten liga für kunst und kultur" ausgesprochen unterhaltsam. Das haben sie übrigens mit den „fertigen" Texten Schrettles gemein. Ebenso wie einen Hang zur desillusionierten Auseinandersetzung mit linkspolitischem Engagement. Überhaupt lassen sich die Schrettles Texte - ob Erfolgsautor oder nicht - kaum verstehen, wenn man die Arbeit der „Liga" nicht kennt. Und umgekehrt. „Wenn ich meine Texte selber lese, fällt mir vor allem ein bestimmter Zustand auf, ein Zustand, in dem ich mich selbst befinde, wenn ich schreibe. Der ist geprägt von Reflexion über mein Leben und dem gleichzeitigen Drang etwas zu tun, dem Gefühl: Es muss etwas geschehen! Man sitzt den Vormittag lang herum, redet, trinkt Unmengen von Kaffee und hat plötzlich das Gefühl unbedingt etwas tun, etwas unternehmen zu müssen - und wenn man dann nur ins Kino geht." (Johannes Schrettle, 2005)

 


Hermann Götz, Februar 2010