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Geschichten erzählen, was kann das sein?

Seit 1998 bereichert die Theatergruppe „drahtseilakt“ die heimische Bühnenlandschaft. Einen solchen vollführt sie auch zwischen den Genres, in denen sie sich bewegt.

drahtseilakt - kasimir liebt karolin © drahtseilakt
drahtseilakt - kasimir liebt karolin
© drahtseilakt

Angefangen haben „drahtseilakt" mit Improtheater. „Zuerst war das nur lustig. Dann hatten wir keine Lust mehr auf lustig und wurden ganz unlustig. Jetzt sind wir wieder lustig. Das ist wohl ein Prozess des Erwachsenwerdens." Simon Windisch ist von Anbeginn im Kernteam von „drahtseilakt" dabei, gemeinsam mit Caro Oswald, Clemens Nestroy und Daniel Biro, und Windisch arbeitet inzwischen auch als Theaterpädagoge am TAO - Theater am Ortweinplatz. „Uns ist der theoretische Zugang sehr wichtig. Wir lesen viel und diskutieren lange." Zur Stückentwicklung wird auch ein eigener Schreibzirkel entwickelt. Die Genese der dafür gewählten Bezeichnung „Brachma Bravda" bleibt aber ungeklärt. „Geschichten erzählen, was kann das sein?" Das ist das zentrale Thema für den Schreibzirkel und für „drahtseilakt". Auch im Rahmen des Improtheaters wird das Geschichtenerzählen perfektioniert.

Seit 2001 wird jedes Jahr eine neue Veranstaltungsreihe entwickelt, um die Forschung in dieser Richtung weiter zu treiben. „Ohne Netz" fokussiert auf den Aspekt des Risikos. „Channel hopping" 2002 spielte mit verschiedensten Genres. Ab 2004 konzentrierte man sich dann darauf, große, abgerundete Geschichten über Improvisation zu erzählen, was wohl das schwierigste Format in diesem Genre darstellt. „Wir wollen Terminologien für Dinge finden, die wir für wichtig halten", stellt Windisch klar. Und Figuren und Welten zeigen, die angreifen. Die erste Arbeit im offenen Raum 2005 hieß programmatisch „Freigang" und wurde am Grazer Schlossberg aufgeführt. Im Rahmen von „elevate 2005. Festival für zeitgenössische Musik, Kunst und politischen Diskurs" interagierten von den Schauspielern von „drahtseilakt" verkörperte Figuren, die nach Macht streben, mit den Festivalbesuchern. Aber auch der Lust am Theaterspielen an sich frönte die Truppe und gab im selben Jahr Harold Pinters „Der stumme Diener" in einem Keller, um sich mit Leistungsdruck und dem Scheitern in Organisationen auseinanderzusetzen. 2006 ging man einen Schritt weiter und dachte den „Werther" ganz neu in einer Grazer Wohngemeinschaft. Mit „Mein Meinungsmarkt" entwickelte man auch die Interaktion im öffentlichen Raum weiter. Am Tummelplatz konnte man sich an einer eigens eingerichteten Börse Meinungen kaufen und damit spekulieren, bis der Markt von Meinungen überschwemmt ist.

Inzwischen machen „drahtseilakt" zwei große Geschichten pro Jahr. Zuletzt, 2009, waren das "Fortschreibungen" zweier Klassiker der österreichischen Literaturgeschichte: „drahtseilakt"-Autor Thorsten Zerha widmete sich für seine Texte einerseits der Zeit, bevor Ödön von Horvaths „Kasimir und Karoline" den Jahrmarkt betraten („Kasimir liebt Karolin"), andererseits einer Nebenfigur aus Franz Kafkas „Prozess", nämlich dem „Direktorstellvertreter", einem Parteigänger als einsamen Menschen. Eigene Räumlichkeiten wurden dafür, wie immer, nicht benötigt. Für die Projekte wird an einen passenden Ort das Notwendige reingebaut und dann wieder rausgerissen. Nebenbei organisierte man 2008 mit „Parabel" eine Art Gegendiagonale, ein Filmfestival, bei dem es darum ging, neue Kinosituationen, andere Raumkonzeptionen zum Betrachten von Filmen zu finden.

Vieles ist also möglich bei „drahtseilakt". Gefragt, welches Format auf keinen Fall denkbar sei, muss Windisch abwinken. „Wir wollen Theater machen. Dogma kann ich keines nennen."

Gregor Schenker, Jänner 2010