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Reise vom Bauch in den Kopf

Das Grazer Rockduo Reflector kombiniert Wucht mit Intelligenz

Reflector © priv.
Reflector
© priv.

Wer sie einmal live gehört hat, vergisst Reflector nicht so schnell: Überwältigend gräbt sich diese aus diversen Metal- und Hardcoreschulen generierte schiere Wucht ins hörende Bewusstsein. Das Grazer Duo kombiniert tonnenschwere Gitarrensounds mit einem ebenso wuchtigem wie knackig-glitzerndem Schlagzeug, entwirft dabei Klanglandschaften von epischer Breite, die sich von Rockmusik deutlich in Richtung Noise-Avantgarde bewegen.

Während man der Musik von Reflecor gewisse karthatische Effekte sicher nicht absprechen mag, war für den Gitarristen Andreas Heller und den Schlagzeuger David Reumüller die Band anfangs selbst eine Art Therapie. 1997 gründeten die beiden, die sich an der Grazer Ortweinschule kennengelernt hatten, das heute so klangmächtige Duo. Reumüller, der erst im Rahmen der Bandgründung auf das Schlagzeug umgestiegen war: "Wir sind damals eine psychisch schwierige Phase durchlaufen. Am Anfang haben wir extrem viel geprobt. Die Texte waren Mikro-Psycho-Aufnahmen." Musikalisch habe man ziemlich "derb geprügelt". Das Duo blieb bei solcher juveniler Psychohygiene via Hardcore-Musik zum Glück nicht stehen. Als "Reise vom Bauch in den Kopf" beschreiben sie die Entwicklung, die Reflector in den zwölf Jahren des Bestehens genommen habe. Reumüller: "Die Stücke sind langsamer und länger geworden. Das Songwriting ist uns extrem wichtig." Denn das mache den ästhetischen Unterschied - dass man noch neue Beats finde, sei ja eher unwahrscheinlich.

Gitarrist Andreas Heller betreibt trotz aller Wucht, die er seinem Instrument entlockt, keine martialische, unbewusste Riffhuberei. "Ich bin bei der Auswahl der Riffs extrem selektiv", erklärt Heller. Das Spiel mit der Form "Rock", die immer größere reflexive Haltung zur eigenen Musik handelten Reflector in den Noise-Hardcore-Metal-Kontexten den Ruf von "Kunstdeppen" ein. Was, kennt man die konzeptuelle Einfallslosigkeit, mit der in solchen Genres Musik oft wieder und wieder reproduziert wird, durchaus auch als Adelsschlag interpretiert werden kann. Der Gesang trat immer stärker in den Hintergrund, der Sound, den sich das Duo im Lauf der Jahre erarbeitete, ist mittlerweile zu etwas sehr speziellem, eigenständigen gereift. In den Anfangszeiten von Reflector war eine Rockformation ohne Bass noch ziemlich ungewöhnlich, eine Erweiterung der Besetzung wird es wohl niemals geben. Daneben habe keiner mehr Platz. Das Duo profitiert von der Kontinuität und der Intimität: "Zwölf Jahre ergeben ein blindes Verstehen."

Sehr dankbar sind die Musiker darüber, dass sie Labels haben, die ihre Aufnahmen auch veröffentlichen. Bei Rock is Hell aus Graz, Interstellar Records aus Linz und Noise Appeal aus Wien finden Reflector starken, immens wichtigen Rückhalt. Die Suche nach dem richtigen Produzenten hat ohnehin Jahre gedauert, erst ab dem ab 2005 entstandenen Album "Phantoms" empfanden sie die Dokumente aus dem Studio als voll gültig. Seit damals sitzt Produzent Bernd Heinrauch mit ihnen im Studio. Reumüller: "Er hat es geschafft, uns auf Platte abzubilden."

Erfolg ist in einer solch undergroundigen Spielart des Rock selbstverständlich eine relative Angelegenheit, eine Frage der Perspektive. Ein paar hundert Platten werden von den jeweiligen Alben verkauft, dabei findet man auch in den USA dankbare Abnehmer. "Wir hätten auch schon eine Tournee durch Kalifornien machen können", erzählt Reumüller. Was letztlich an zeitlich knappen Ressourcen gescheitert sei. Reumüller: "Wir wollten nie eine ,große Band` werden. Wir sind froh, dass wir machen können, was wir wollen." Solche Musik richte sich eben an ein eher überschaubares Publikum, für dieses zu spielen, erfüllt das Duo mit hoher Zufriedenheit.


Martin Gasser, Dezember 2009