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Das Theaterkombinat

Das fünfköpfige Theaterkollektiv „Die Rabtaldirndln“ interpretiert den Theaterbegriff auf ganz neue Weise. Und das mit durchschlagendem Erfolg.

Die Rabtaldirndln © Franz Sattler
Die Rabtaldirndln
© Franz Sattler

Was bedeutet eigentlich „Schleppen ziehen"? Rosi Degen von den Rabtaldirndln kennt die Antwort: „Wenn man einen Jagdhund abrichtet, friert man zuhause in der Kühltruhe tote Katzen oder Hasen ein. Dann werden sie aufgetaut und liegen zwei Tage in der Garage. Mit einer Schnur werden sie dann über die Wiese gezogen und der Hund muss die Spur finden." Degen, im Zivilberuf Mittelschulprofessorin für Deutsch und Englisch, hat Erfahrung mit dem Abrichten von Jagdhunden. Katzen „dapicken" dagegen bedeutet, sie in einen Sack zu geben und totzuschlagen.

Eine Art Wörterbuch des oststeirischen Grauens haben die fünf Steirerinnen von den Rabtaldirndln für ihre Revue „Aufplatzen" entwickelt, die aus über hundert Eisendungen für das transnationale Theaterfestival „Freischwimmer. Plattform für junges Theater" ausgewählt wurde, in fünf renommierten Spielstätten im deutschen Sprachraum aufgeführt zu werden. Und nun tourt das Theaterkombinat, wie sich die Dirndln selber nennen, zwischen Berlin, Zürich und Wien und fungiert auch mal als „Steirerinnen der Woche" in der „Kleinen Zeitung".

„Wir bringen die Schenke ins Ausland". Gerda Strobl, auch künstlerische Assistentin beim „steirischen herbst", kennt ihre Mitstreiterinnen seit der Schulzeit. Schon im Gymnasium in Gleisdorf besuchen sie gemeinsam die Bühnenspielgruppe und fahren auf Jugendtheaterfestivals, wo sie die Bekanntschaft des damaligen Landesspielberaters für außerberufliches Theater, Ed Hauswirth machen. Das Gründungsmitglied des „Theaters im Bahnhof" wird noch öfter für Produktionen der Rabtaldirndln die Regie übernehmen.

2002 gründen Strobl, Degen, Barbara Carli, Gudrun Maier mit anderen die Gruppe „drahtseilakt", um Improtheater zu machen, steigen aber aufgrund von inhaltlichen Differenzen bald kollektiv aus. Inzwischen macht Maier mit ihrer Kollegin Carli Regiearbeit im Jugend- und Studententheater und ruft gemeinsam mit Carli, Degen und der 2004 zu den „Rabtaldirndln" gestoßenen Bea Dermond die „Theaterfabrik Weiz" ins Leben. Beim Wettbewerb „short cuts" im Theater am Ortweinplatz TAO findet 2003 dann die eigentliche Initialzündung des Theaterkollektivs statt. Zu einem vorgefertigten Bühnenbild muss eine Präsentation entwickelt werden. Die Figuren der „Rabtaldirndln" beginnen Form anzunehmen: Fünf Frauen, die gemeinsam die Hotelfachschule in Bad Gleichenberg besucht haben, führen nach ihrem Abschluss ein Gasthaus in Gleisdorf. Chefin Sonja, Marianna, die Schwester der Chefin, ständig auf der Suche nach Alkohol, Männern, Geschäftsideen, Renate mit einem Chance-B-Arbeitsplatz, Toni, zwar gerettet vor ihrem Mann, aber unzufrieden, und Eva die gerne Chefin wäre. Was sie verbindet: Sie sind alle ein wenig beschränkt. Während einer Geburtstagsfeier erschießt Gitti, eine gemeinsame Freundin, ihren Mann. Das erste Stück der Rabtaldirndln, „halbdurch ganzdurch tot", aus dem Jahr 2004 handelt davon, warum diese Gitti ihren Mann erschießen musste.

Und auch heute noch haben die Dirndln die Kunstfiguren beibehalten und verwenden sie immer wieder in ihren theatralischen Installationen und Theateraufführungen. Ihren Namen verdanken sie ihrer Heimat. Alle bis auf Maier, die aus dem Ilztal stammt, kommen aus dem Raabtal. Um Rechtsstreitigkeiten mit dem volkstümlichen Damenquartett ähnlichen Namens auszuschließen, wird das zweite „a" im Namen ausgespart, mit der Verwechselbarkeit wird aber durchaus kokettiert.

So erwarteten in einem Wirtshaus in Altenberg bei Linz 300 Zuschauer eigentlich die Namensvetterrinnen und sahen dann die Revue „15 Jahre Rabtaldirndln", in der zwar anfangs gejodelt und geboscht wird, in der aber zwischen Sekt, Chips und Blumen persönliche Erniedrigungen den Abend zum Zusammenbruch bringen.

Wer also volkstümliche Schlager hören will, ist bei den Theaterinstallationen der „Rabtaldirndln" an der falschen Adresse. Wer aber endlich wissen will, was „Schweiß spritzen" wirklich bedeutet und sich von fünf jungen Damen das alltägliche Versagen von den Schultern nehmen lassen will, liegt goldrichtig.

Gregor Schenker, November 2009

 

Die Rabtaldirndln im Internet: Externe Verknüpfung www.dierabtaldirndln.wordpress.com