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Tango verbindet

Die Deutsch-Russin Anastasia Ferrer bereichert die Grazer Tanzlandschaft mit lateinamerikanischem Temperament

Anastasia Ferrer © Karim Zataar
Anastasia Ferrer
© Karim Zataar
Politik, Kultur, Revolte, Leidenschaft, Erotik - es gibt keine Geschichte, die die Tänzerin Anastasia Ferrer nicht durch den Tango erzählt. Dabei begann der Weg der Deutschen mit russischer Abstammung mit einer ganz klassischen Tanzausbildung. Aber bereits mit sechs Jahren reüssierte sie parallel zur Ballettausbildung bei internationalen Blockflötenwettbewerben und am Klavier. Später stieg die junge Künstlerin zwar auf Cello um, die Begeisterung fürs Tanzen blieb aber ungebrochen. Einem dreijährigen Studium bei Nikita Gsovsky an seinem russisch-akademischen Ballettinternat folgte eine fünfjährige Ausbildung an der königlichen Tanzakademie Brabant in Tilburg (NL) mit dem Hauptfach Ausdruckstanz.

Hier lernte Anastasia Ferrer die Musik von Astor Piazzolla kennen, deren Rhythmik und dramatisches Mittel sie 1990 zur Solochoreografie ihrer Abschlussprüfung inspirierten. „Ich empfand sofort eine Affinität zu dieser ausdrucksstarken Musik, dieser Verbindung von Jazz und Klassik mit Tango. Das berührte mich. Ich sah Tango nicht ausschließlich als Paartanz - ganz im Gegenteil. Es ist etwas, das mich tief in der Seele selbst in Bewegung setzt", schildert Anastasia Ferrer. Beim Paartanz dagegen spielt auch die Erotik eine wichtige Rolle. „Unsere eigene Erotik gehört auch dazu. Der Tango lehrt uns, uns anzunehmen, wie wir sind. Erotik ist unser Motor, unsere Lebensenergie."

Wichtig war für sie auch Luigi Zola, der maßgeblich an der Verbreitung des tango argentino in Europa beteiligt war. 1991 startete sie zusammen mit ihm in Belgien und in den Niederlanden ihre internationale professionelle Karriere als Tänzerin und Choreografin des tango argentino und des Ausdruckstanzes. Sie profilierte sich seitdem in Eigenproduktionen des Tangotanztheaters mit ihrer eigenen Tanzcompanie company anastasia ferrer an diversen Bühnen Europas und im Fernsehen.

2008 erfolgten die Trennung von Luigi Zola und die Auflösung der eigenen Compagnie. Anastasia Ferrer gründete anschließend in Graz das „teatro-tanztheater", ihr neuer Partner ist Mihael Pecnik. „Graz ist eine Herausforderung. Gerade weil da die Tanzszene nicht ausgeprägt ist, möchten Mihael und dem Publikum den Tanz an sich und die Freude am Tanz näher bringen", meint Ferrer. Ein Beispiel dafür ist ihr letztes Projekt, das Tanztheaterstück „Tango", das erst kürzlich in Graz gezeigt wurde. Dabei geht es um das Thema „Tango" aus heutiger Sicht, Elemente des zeitgenössischen Tanzes spielen ebenso eine Rolle wie die Live-Musik.

Ideen für ihre vielfältigen Programme zu finden, bereitet der Tänzerin und Choreografin keine Probleme: „Da der Tango Geschichten aus dem Leben erzählt, ist die Wahl sehr groß. Die Verarbeitung von politisch-kulturellen Themen hat in meinen Programmen stets einen hohen Stellenwert. Da Tango - wie der Blues - aus einer Art Revolte, Protest gegen ein Regime bzw. eine Diktatur in Buenos Aires entstand, wird gerade dieser Aspekt auch stets mehr oder weniger abstrahiert in meinen Geschichten auf der Bühne zu finden sein."

Die Finanzierung der Projekte ist derzeit noch nicht wirklich geregelt, die Theaterproduktionen werden alle zunächst frei finanziert, anschließend gab es bisher Zuschüsse von Land und Stadt. „Unser Ziel ist es, Veranstalter bzw. Großsponsoren für unsere Produktionen zu gewinnen, so dass wir uns noch intensiver unseren künstlerischen Aufgaben widmen können", hofft Ferrer.

Das „teatro-tanztheater" bietet auch immer wieder Workshops an, die der Künstlerin ein echtes Anliegen sind: „Unterrichten ist für mich, den Kursteilnehmern ein Gefühl von Erleben und Leben zu vermitteln. Mein Ziel ist es, dass die Teilnehmer den Tanz von innen heraus erfahren, ihn erfühlen, ihn verstehen. Mit dem Herzen und mit dem Kopf. Es ist viel mehr als nur Tanztechnik weiterzugeben: Unterrichten bedeutet für mich Tanz und Kommunikation."


                                                                                                 Karin Zehetleitner, Mai 2009