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New-Wave-Stories

Über die narrativen Bildserien von Walter Seidl

© Walter Seidl, © Jane Stravs © © Jane Stravs
© Walter Seidl, © Jane Stravs
© © Jane Stravs
In seinem späten Essay „Die helle Kammer" macht Roland Barthes an seinen Gedanken zur Fotografie unter anderem ein nachdrückliches Plädoyer für das unteilbare Recht des Individuums auf Subjektivität und Einzigartigkeit fest. Das war 1980. Nur eineinhalb Jahrzehnte später hatten sich die Paradigmen in der Fotografie vollständig gewandelt, und nicht mehr das einzigartige Individuum, sondern die gesellschaftlichen Bedingungen unseres Lebens standen und stehen im Mittelpunkt des Interesses: Wie und aufgrund welcher gesellschaftlicher Vorgaben konstruieren wir unsere Identitäten? Wie repräsentiert der Körper die geschlechtliche Differenz? - Es sind Fragen wie diese, denen Walter Seidl Mitte der 1990er bei einem Studienaufenthalt in Seattle, USA, begegnet ist, und die von Beginn an in die Fotoarbeiten des Grazers eingeflossen sind.

In seinen Bildserien verfolgt Seidl über Jahre hinweg die Geschichte des amerikanischen Paares D & S. Er fasste sie, 1995 beginnend, in Diaserien mit Namen wie „D&S", „DISclose", „DISsect" zusammen. D & S, das sind eine Mann und eine Frau, die Seidl in Amerika kennenlernte, und die beispielhaft für die oben angedeuteten Fragen der Genderdebatte stehen, denn an D & S verblüfft, dass Mann und Frau sich absolut ähnlich sehen: Sie kleiden sich gleich, tragen gleiche Brillen, haben ähnlich Frisuren - wenn sie nebeneinanderstehen, könnte man sie fast verwechseln. Wie es sich aber für moderne Lebensabschnittspartnerschaften gehört, blieben D & S nicht ewig zusammen. Die Frau verliebte sich in eine Frau (die wiederum dem männlichen Ex-Partner verblüffend ähnlich sieht), der Mann begab sich auf Solo-Pfade. Diese Abschnitte dokumentierte Walter Seidl 2007 bis 2008 in den Serien „ST." und „A.o.D.".

Jeweils 81 Dias - die Anzahl, die in ein Diakarussell passt - umfassen Walter Seidls analog aufgenommene SW- und Farb-Serien von D & S. Unterlegt sind sie bei Ausstellungen - und auf Seidls Homepage www.walterseidl.net - von Soundtracks, für die der Fotograf zum Teil international renommierte Soundtüftler wie John Parish gewinnen konnte. Seidls Bilder weisen stark narrative Elemente auf und können auch als Storyboards von Filmen über das Alltagsleben eines Paares gesehen werden. Die Bilder zeichnen sich - so die Kunstkritikerin Marina Gržinić im Vorwort zum Buch „DISplay", das 2008 in der Edition Fotohof erschienen ist und die Arbeiten über D & S zusammenfasst - durch Anleihen der New-Wave-Ästhetik aus. Damit ist unter anderem gemeint: Bunte Farben und harte Schwarzweißkontraste, urbane Settings, Künstlichkeit als Lebensstil, Betonung androgyner Formen. Die Kunstkritikerin Ursula Maria Probst, die das zweite Vorwort zu „DISplay" beisteuert, konstatiert: „In seinen Bildkompositionen gelingt es Seidl, Ethik und Ästhetik zu verbinden; es ist ein teilnehmender Blick, der einen Lebensstil porträtiert und zugleich die Instabilität von lebendigen Menschen festhält, die im echten Leben permanenten Veränderungen unterliegen."

Walter Seidl debütierte als Fotograf 1997 beim steirischen herbst im „Raum für Kunst", der jetzigen Galerie >rotor<. Es folgten Ausstellungen in Antwerpen, München, Wien, Marburg, Sofia und Tokio. Den gebürtigen Grazer, der an der Uni Graz seinen Doktor in Zeitgeschichte machte, ereilte das übliche steirische Künstlerschicksal: Er exilierte nach Wien, wo er in der klassischen KKK-Rolle als Künstler, Kurator und Kritiker unter anderem die „Kunstsammlung" der Erste Bank leitet. Mit seiner Heimatstadt Graz ist Walter Seidl nach wie vor eng verbunden, nicht zuletzt durch seine kuratorische Tätigkeit bei „Camera Austria". In seinem nächsten Projekt, der Video-/Diainstallation mit Sound, "Beyond Darkness", wird sich der Vielreisende mit der Sicherheits- und Globalisierungsfrage in Städten beschäftigen.

 

Werner Schandor, April 2009

Kontakt

Homepage von Walter Seidl: Externe Verknüpfung www.walterseidl.net