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Esther hinter Spiegeln

Wie Esther Engele mit Schmuckkunst und bildnerischen Arbeiten das Verhältnis von Rinks und Lechts zum Thema macht.

Esther Engele  © Markus Pletz
Esther Engele
© Markus Pletz

Wer eine Vorstellung davon bekommen möchte, was es für linkshändige Kinder heißt, auf den Gebrauch der rechten Hand umgeschult zu werden, der kann einen Blick auf die Serie von Aluminiumlöffeln werfen, die die junge Grazer Künstlerin und Schmuckmacherin Esther Engele zu diesem Thema entworfen hat. „Norm" heißt die Arbeit, und sie enthält neben einem aus Alu gegossenen normalen, symmetrischen Esslöffel, wie er sich für Rechts- und Linkshänder gleichermaßen eignet, auch einen Umschulungslöffel mit einem rechtwinkligen Knick, der nur mit rechts gehalten werden kann, wenn das Essen zum Mund gebracht werden soll. Welche Gefühle die Kinder haben, die mit diesem Löffel essen müssen, erzählen die anderen drei Exponate der Serie. Da wären: Ein Löffel mit einem großen Loch in der Mitte; ein mit Dornen gespickter Löffel; und schließlich ein Löffel mit zwei konkaven Seiten, der sich ebenso wenig zur Nahrungsaufnahme eignet wie die anderen beiden.

Esther Engele war selbst so ein Kind, das als Linkshänderin auf die rechte Hand umgeschult wurde. Mit 20 Jahren hat sie sich allerdings wieder zurückgeschult, „um meiner Natur zu folgen", wie sie sagt. Geblieben ist die Auseinandersetzung mit dem Thema Richtung, das ihre Arbeiten beherrscht und durchzieht - und ein gewisser Hang zur Bipolarität. „Ich bin total zweigeteilt", sagt sie, und meint damit vor allem, dass sie sich als Künstlerin sowohl zur bildenden Kunst hingezogen fühlt als auch zur Schmuckkunst, die hierzulande als Kunstform eher stiefmütterlich behandelt wird. Um aber überhaupt zur Kunst zu finden, musste Engele erst den Umweg über die Betriebswirtschaft gehen. Genauer gesagt: über ein Studium, das sie zur Industriemanagerin ausbildete. Kaum hatte sie das Studium abgeschlossen, wusste die Diplomingenieurin (FH) auch schon, dass die Welt der globalisierten Produktion nichts für sie ist. Und sie absolvierte - nach einem Intermezzo als Ich-AG in Sachen Gestaltungen aller Art - die Meisterklasse für Metallgestaltung an der Grazer Ortweinschule. „Metall hat mich als Material immer schon fasziniert", erzählt Engele. „Und an der Ortweinschule konnte ich endlich meine verschüttete Liebe zur Kunst freilegen." Insbesondere die dort unterrichtenden Künstler Wolfgang Rahs und Richard Frankenberger gaben ihr Impulse für ihre Arbeiten.

Als Künstlerin sieht sich Esther Engele erst am Beginn ihrer Karriere. „Ich taste mich langsam zur Kunst hin. Ich bin gerade in der Experimentierphase, was Themen, Materialien und Herangehensweisen betrifft. Ein chaotischer Zustand, aber fruchtbar wie die Ursuppe", sagt sie. Dementsprechend hat in dieser Ursuppe bisher ganz Unterschiedliches Gestalt angenommen entlang von Esther Engeles Gratwanderung zwischen Schmuckkunst und bildender Kunst. Da wäre etwa der abstrahierte Bergmannskittel mit - wie es sich gehört - 29 Knöpfen auf schwerem Stoff, nur dass der Kittel als Latz in Loden ausgeführt ist, mit 28 Kupferknöpfen auf der Vorder- und einem großen Schmuckknopf auf der Rückseite. Der Schmuckknopf zeigt den Sandling, den Hausberg von Bad Aussee, den Engele auch in einem Ring aus Hirschhorn und Silber verewigt hat. Als Bewohnerin des Grazer Beckens fühlt sich die Künstlerin von der bodenständigen Berglandschaft des Salzkammergutes magisch angezogen.

Abstrakter werden Engeles Arbeiten, wenn sie den Schmuckbegriff verhandelt: Wenn man sich mit einer Silberschablone das Wort „mut" auf die Haut malt - ist das Schmuck? Der herkömmliche Schmuckbegriff orientiert sich am Wert der Materialien, an der Einzigartigkeit der Ausführung, an der Wahrnehmbarkeit des Stückes und der Behübschung des Körpers durch den Schmuck. Engele stellt diese Vorstellungen bewusst in Frage, wenn sie eine transparente, auf die Haut zu klebende Folie, aus der das Wort „Freiheit" ausgeschnitten wurde, als Schmuckstück definiert. In Arbeiten wie diesen schlägt Engele die Brücke von der Schmuckkunst zur bildenden Kunst.

In ihren bildnerischen Werken sind es oft Wörter bzw. Buchstaben, die die Grazerin beschäftigen, das Definitorische an sich, etwa wenn sie das Wort „DRECK" dutzende Male auf eine Aluplatte stanzt und nur ein Mal, in der Mitte der Platte, das Wort „KUNST" versteckt. Oder wenn sie die (Groß-)Buchstaben des Alphabets - ebenfalls in einer Arbeit mit Schlagbuchstaben auf Aluminium - auf ihre Symmetrie hin untersucht. Womit wir wieder bei ihrem ur-eigentlichen Thema wären: Der Bipolarität, der Spiegelung der Welt von rinks nach lechts (um Ernst Jandl zu bemühen). - Wurde eigentlich schon erwähnt, dass Engele ihre Gedanken in Spiegelschrift zu Papier bringt? „Nicht um mich wichtig zu machen, sondern weil es für mich als Linkshänderin richtiger ist, von rechts nach links zu schreiben", wie sie beteuert.
Heimathafen für Esther Engele ist die kunst.wirt.schaft in der Grazer Elisabethstraße 14. Dort teilt sich (Schmuck-)Künstlerin einen Werkstattplatz mit den Betreiberinnen der Gastro-Galerie. Dort kann man Engele auch für gewöhnlich zu den Öffnungszeiten des Lokals antreffen und einige ihrer Arbeiten sehen.

Werner Schandor, März 2009
 

Weitere Informationen:

Löffel © Schandor
Löffel
© Schandor
Richtung © Schandor
Richtung
© Schandor