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Woanders muss das Glück sein(*)

Die Autorin Angelika Reitzer gießt „Frauen in Vasen“, lädt Alltagsgeschichten mit poetischer Dynamik auf und hat dafür den Reinhard-Priessnitz-Preis 2008 verliehen bekommen.

Reitzer Angelika © Peter Köllerer
Reitzer Angelika
© Peter Köllerer

Manchen Besprechungen im deutschen Feuilleton merkt man die Mühe an, die Rezensenten nach fast 20 Jahren des „neuen Erzählens" haben, wenn sie an eine Literatur geraten, deren Wurzeln im Sprachliche eher liegen denn im Ausschmücken eines Plots. Sie versuchen dann zum Beispiel, peu à peu die Geschichten von Angelika Reitzers Prosasammlung „Frauen in Vasen" nachzuerzählen - ein Unterfangen, das niedlich und nutzlos zugleich ist. Denn das Interessante an Reitzers Texten ist nicht, wie die Ich-Erzählerin zum Beispiel mit Großmutter, Mutter und Tante Obstbäume inspiziert und die Beziehungsverhältnisse in ihrer Familie in Gedanken filtert („Streuobst"); undramatisch ist es auch, um ein zweites Beispiel herauszugreifen („Continental"), was die Erzählerin mit ihrer Schwester in der marokkanischen Fluchtburg der Beatniks, in Tanger, erfährt: nämlich dass die großen Zeiten vorbei sind ... Nur durch die Nacherzählung von Reitzers Texten kommt man nicht weit, denn nicht was sie erzählt, sondern wie sie es tut, steht im Vordergrund, und das macht ihre Qualität aus. Man wird unvermittelt in die Geschichten hineinkatapultiert, anstatt sie nur erzählt zu bekommen. „nun: ich trinke viel; ich schreibe viel: ich versuche die Recherche für diesen Film hinzukriegen und morgen treffe ich mich mit irgendwem, der mich für irgendein Projekt als Assistentin haben will/vielleicht auch nicht," heißt es zu Beginn des Buches.

Diese verhalten hoffnungsfrohe Stimme der Generation Praktikum zieht sich konstant durch die 16 meist im Präsens verfassten Prosatexte der „Frauen in Vasen". Alle Texte beginnen mit einem Wort in Kleinschreibung, so als würde man an etwas anknüpfen, was noch im Raum steht. Ihre eigentümliche Dynamik erhalten Reitzers Texte durch Aussparungen, Andeutungen und Schnitte im Erzählstrom, aus dem sich nach und nach etwas wie eine Geschichte herausschält: Es geht um McJobs, um Beziehungen zu Eltern und Freundinnen, wo vieles unausgesprochen bleibt; es geht um Orte, die man aufsucht, um festzustellen, dass sie den Erwartungen, die man an sie knüpft, nicht entsprechen. Kurz gesagt: Es geht um Lebensentwürfe, in denen man sich noch nicht häuslich eingerichtet hat - Momentaufnahmen der Adoleszenz: „Aber sie wissen ja bestimmt : woanders muss das Glück sein, woanders scheint die richtige Sonne, hat die Luft des sanftesten Ton. Fortgehen, fortgehen. Aber gibt es Erstaunlicheres als die Erkenntnis, da ist nichts, wonach man sich noch sehnen kann?"

Fortgegangen ist auch die 1971 geborene Autorin, nämlich aus der Steiermark, wo sie in der Nähe von Graz aufgewachsen ist. Nach dem Germanistikstudium in Salzburg und Berlin absolvierte sie ein paar Semester an der Filmakademie in Wien, Klasse Drehbuch, und zahlreiche Jobs in der Kulturszene, unter anderem als Geschäftsführerin des Forum Stadtpark Graz. Zurzeit lebt Angelika Reitzer in Wien. Schön wie ihre Prosa ist auch der Titel des Buches: „Frauen in Vasen". Gerne wüsste ich, was er bedeutet. Er lädt - wie Reitzers Texte generell - dazu ein, das kontrolliert Assoziative ihrer Sprache selbst weiterzuführen, weckt Ahnungen und belässt die Dinge in der Schwebe wie ein gutes Gedicht. „Frauen in Vasen" ist Angelika Reitzers zweites Buch. Für ihr Debüt, den Roman „Taghelle Gegend", wurde die Autorin 2007 hoch gelobt. „Ihre Prosa ist eine melodisch-poetische Reise", schwärmte etwa Autorenkollege Michael Stavaric.

Weniger erfolgreich war Reitzer heuer beim Wettlesen am Wörthersee: Beim Bachmannpreis 2008 ging die Autorin leer aus. Quasi als Entschädigung für Klagenfurt ergielt Angelika Reitzer Ende Oktober 2008 in Wien den Reinhard-Priessnitz-Preis 2008 verliehen. Wenn es nach dem Namenspatron geht, dann passt diese Auszeichnung ohnehin besser zu Reitzers Literatur, steht sie doch dem Sprachkritischen von Priessnitz näher als dem Bachmann'schen Pathos.

Werner Schandor, November 2008

Buchtipp:
Angelika Reitzer: Frauen in Vasen. Prosa. Haymon 2008. 140 Seiten

Blog von Angelika Reitzer:
Externe Verknüpfung http://angelikaexpress.twoday.net/

Dieser Text wurde am 25. Oktober 2008 in der „Wiener Zeitung" erstveröffentlicht.

 

„‘unter uns‘ gehört zu den besten Neuerscheinungen der letzten Jahre", schrieb die Kritikerin Daniela Strigl über Angelika Reitzers 2010 erschienenes Buch. „unter uns" beschreibt in Romanform den Zerfall der familiären Bande und das Zerbrechen an beruflich-gesellschaftlichen Erwartungen. Das Buch erntete durchwegs Lob bei der Kritik.

Neben dem Roman „unter uns" und Texten in Literaturzeitschriften wie „manuskripte", „kolik" und „Literatur und Kritik" konnte Angelika Reitzer auch drei dramatische Texte auf der Bühne verwirklicht sehen: 2008 wurde ihr Minidrama „nichts davon" im Ragnarhof Wien uraufgeführt (Regie: Kristine Tornquist), 2009 folgte das Minidrama „Tirol-Connection" beim Sommertheater Hall in Tirol (Regie: Alexander Kratzer), und 2010 steuerte Reitzer zum Projekt „Ganymed Boarding", in dessen Rahmen 16 zeitgenössische AutorInnen literarische Texte zu Meisterwerken des Kunsthistorischen Museums Wien verfassten, den Monolog „Kind seiner Zeit" (Regie: Jacqueline Kornmüller) bei - zum Bild „Kind mit Laufstuhl und Windrad" von Hieronymus Bosch.

Für Ihre Arbeiten erhielt Angelika Reitzer das Robert-Musil-Stipendium des BM für Unterricht, Kunst und Kultur 2008/11 zugesprochen, den Marianne-von-Willelmer-Preis der Stadt Linz 2009 und den Förderungspreis für Literatur der Stadt Wien 2009.

Werner Schandor, März 2011