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Eichhörnchen und Schnabelwesen

Karl Karner & Linda Samaraweerová zelebrieren den „öffentlichen Körper“

“Karl Karner gestorben am“ © priv.
“Karl Karner gestorben am“
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„Geländer. Höher gestellter“, 2007 © priv.
„Geländer. Höher gestellter“, 2007
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„O.T.“, Kunststoff, 2004, 207 x 137 x 26 cm © priv.
„O.T.“, Kunststoff, 2004, 207 x 137 x 26 cm
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Ein drei Meter hohes Eichhörnchen aus Epoxyharz stand 2008 während der Fastenzeit auf einer mit Plastikblumen dekorierten Plinthe im Mittelgang der Grazer Kirche St. Andrä. Die Oberfläche dieser Plastik lässt die Betrachter sofort an Schokolade denken. Auf dem mächtigen Schweif des Eichhörnchens ist eine deutliche Inschrift, ein Epitaph, zu lesen: „Karl Karner gestorben am". Ausgerichtet ist dieses Objekt auf eine korrespondierende Intervention im Bereich des Altars. Hier hat Karl Karner den verspiegelten Ambo von Gustav Troger mit schwarzer, genoppter Baufolie verkleidet.

Das zentrale Objekt in einer Ausstellung im Studio der Grazer Neuen Galerie im Frühjahr 2008 trug den Titel Geländer. Höher gestellter. An den Hohlraum der Teile eines Balkongeländers hat Karl Karner einen umgepolten Haarfön angeschlossen, der im Inneren des Profilrohres einen Sog erzeugt. Aus einer bereitgestellten Ablage kann man nun mittels asiatischer Essstäbchen Insektenkadaver in eine Öffnung am einen Ende des Geländers werfen, die daraufhin vom Fön durch die Konstruktion gesaugt werden und zwar so lange, bis die Menge der angesaugten Kadaver den Fön verstopft. Dieser wird nun ausgebaut, die Insekten wieder in besagtem Behältnis deponiert und die Anlage ist wieder funktionsbereit ... Zudem waren in dieser Ausstellung zwei Plastiken zu sehen, die auf ihrem, dem menschlichen nachgebildeten Körper den Kopf eines Schnabelwesens tragen.

Man steht den Skulpturen und Plastiken Karl Karners zunächst wohl ziemlich ratlos gegenüber, ist noch am ehesten an surrealistische Gestaltungsweisen erinnert und an Bildkompositionen, wie sie Max Ernst in seinen Collagen entwickelte. Mit Installationen seiner absurd anmutenden, hybriden Objekte zwischen Mensch und Tier stellt der Künstler Karl Karner jedenfalls auch Bezugssysteme innerhalb einer privaten Morphologie her, die Rezipienten wiederum zu individuellen Interpretationen führen mögen.

„Schnabelloch“, Bronze, Aluminium, 2004, Höhe 46 cm © priv.
„Schnabelloch“, Bronze, Aluminium, 2004, Höhe 46 cm
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„Hasenloch II“, Bronze, 2003, Höhe 130 cm © priv.
„Hasenloch II“, Bronze, 2003, Höhe 130 cm
© priv.
Karl Karner & Linda Samaraweerová © priv.
Karl Karner & Linda Samaraweerová
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Karl Karner wurde 1973 in Feldbach geboren. Er ist ausgebildeter Kunstgießer, arbeitete seit 1989 in der Feldbacher Gießerei Loderer und war dort mit Produktionen für Bruno Gironcoli, Thomas Stimm oder Josef Pillhofer beschäftigt. Seit 2007 studiert er an der Akademie der bildenden Künste in Wien bei Heimo Zobernig. Was heutzutage für Bildhauer eher die Ausnahme ist, ist für Karl Karners Arbeitsweise unabdingbar: Alle Arbeitsgänge, vom Entwurf bis zum fertigen Objekt, werden von ihm selbst ausgeführt. Im Allgemeinen bleiben Arbeitsspuren oder aus dem Herstellungsprozess resultierende Details wie Eingusskanäle erhalten und sind Teil der von Karner gewollten Form. In mehrteiligen Bronzearbeiten wie Hasenloch II (2003) oder Schnabelloch (2004) werden die Eingusskanäle weitergeführt in Stecksysteme. Je nach Konzept fällt die Materialwahl aus: Waren es in frühen Arbeiten noch vorwiegend die für den Guss gebräuchlichen Metalle, so werden diese inzwischen mit diversen Kunststoffen kombiniert, dazu kommen aber auch „profane", wie Karl Karner sie in Baumärkten findet.
In Ausstellungen werden die Plastiken mit Fundobjekten - ein Siegespokal taucht immer wieder auf - zu Installationen arrangiert, die solcherart ein narratives Beziehungsgeflecht suggerieren. Die Weiterentwicklung der wie immer zu interpretierenden Erzählungen führte zur Zusammenarbeit mit der Tänzerin und Choreografin Linda Samaraweerová.

Seit drei Jahren bauen der Bildhauer und die Tänzerin ihr Projekt Der öffentliche Körper in Performances immer weiter aus. In von Karner aus seinen Plastiken, Fundobjekten und Videos arrangierten Bühnenbildern agieren die beiden als Darsteller nach jeweils strikt festgelegter Handlung und nach der Choreografie von Linda Samaraweerová. Ein Protagonist als Maske und Vertreter des öffentlichen Körpers ist besagtes Schnabelwesen, ein „zu einer Comicfigur verkommenes Wesen zwischen Mensch und Tier", Mittel für die Künstler, die Rezeption vom Individuum abzulenken und in einen Bereich der Allgemeingültigkeit überzuführen. „Die Tänzerin/Performerin mit der Schnabelwesenmaske agiert als der entpersonalisierte, entwurzelte, beliebige öffentliche Körper, der im Grunde nicht an eine/n bestimmten TrägerIn gebunden ist und daher auch in weiterer Folge an andere KünstlerInnen zu gleichen Zwecken weitergereicht werden kann. Die bisherigen Projekte von Karl Karner und Linda Samaraweerová im Rahmen von Der öffentliche Körper erfolgten auch dem entsprechend: an verschiedenen Orten, in verschiedenen Kontexten und mit verschiedenen personellen Zusammensetzungen." Die Aufführungen beschreibt Linda Samaraweerová: „Zu Beginn ist das Szenario meistens sehr geordnet. Im Verlauf der Performance aber wird eigentlich erst durch unsere Aktionen mit den Gegenständen eine Installation hergestellt. Für die Zuseher mag das vielleicht nach Improvisation aussehen. Wir halten uns aber streng an eine ausgearbeitete Choreographie."


Unter dem bewusst irreführenden und nicht programmatischen Titel ... karl karner gestorben am ... fanden bisher Performances in der Szene Salzburg, der Kirche St. Andrä in Graz und beim Festival Imagetanz im Wiener Künstlerhaus statt. Eine neue Performance, Travel Delights, wird im Sommer 2008 beim steirischen Kulturfestival regionale08 an drei Abenden im Feldbacher Zentrum zu sehen sein.

 

Wenzel Mraček, März 2008