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Zwischen Hochsinn und Sinnlosigkeit

Mario Höber sieht den Künstler als Sinnpatient

Mario Höber © Werner Schandor
Mario Höber
© Werner Schandor

Wie geht es einem Künstler? - In der 34 Kalenderwoche 2006 spürt er am Montagnachmittag bis zum frühen Abend anhaltend Hochsinn, ist angeregt und erfüllt von Kunst. Am Donnerstagvormittag und fast am ganzen Freitag in der gleichen Woche spürt er Sinnlosigkeit, zweifelt am Wert seines Tuns. Zwischen diesen Polen liegen in dieser KW fünf Eintragungen von Getriebenheit, vier von Entspanntheit und sechs von Existenzangst. Gleichzeitig verzeichnet die Statistik des Künstlers Mario Höber, der seit Kalenderwoche 34/2006 ein „Sinntagebuch" führt - analog zum Schmerztagebuch von chronischen Schmerzpatienten - in besagter Woche 28 % Künstlerische Arbeit, 7,7% zeitlichen Aufwand für den Brotjob, 13,7 % für Organisation, 6 % Alkoholisiertheit, 26,8 % Schlaf und 17,8 % Restzeit, die noch ausbaufähig wäre.

Die Kunst radikal zu hinterfragen und ihre Auswirkungen auf das Leben zu überprüfen, ist eine Konstante im Werk des 1974 geborenen, im Bezirk Feldbach aufgewachsenen Künstlers, der in Wien lebt. Im steirischen herbst 2005 zog er gemeinsam mit seinem Onkel Michael Höber, einem pensionierten Maurer, eine Mauer durch das Grazer Palais Thienfeld. Eigentlich hätte er auch ganz gerne eine Gasse oder Straße für drei Tage zugemauert, doch die behördlichen Genehmigungen dafür waren nicht zu kriegen. „Warum baue ich mit Hilfe meines Onkels eine Mauer auf, die Ihre Freiheit beschneidet? ", so der Name des Werkes, sollte die Selbstverständlichkeit in Frage stellen, mit der wir gewöhnlich Einschränkungen unserer Freiheit in Kauf nehmen. „Wenn ein wirtschaftlicher oder touristischer Anlass besteht, ist bald einmal eine Straße abgesperrt", merkt der Künstler zum Umstand an, dass das mit der mauer über die Straße behördlich nicht durchging.

Als studierter Bühnenbildner denkt Mario Höber stark in räumlichen Dimensionen. Und er denkt die Räume vor allem in Bezug auf die Menschen, die sich in ihnen oder durch sie bewegen. Höbers Interesse für die Wirkung von Kunst und sein Gespür für Räume fließen im Projekt „Hosted" ineinander über, das er gemeinsam mit seiner Projektpartnerin Barbara Hölbling unter dem Label hoelb/hoeb im Sommer 2008 in seiner oststeirischen Heimatgemeinde Leitersdorf für das neue Kulturfestival regionale08 umsetzen wird. Unter der Prämisse, dass die meisten Menschen mit moderner Kunst wenig anfangen können, soll „Hosted" untersuchen, wie es Menschen, die ansonsten keinen Umgang mit moderner Kunst haben, ergeht, wenn sie ein paar Wochen lang Meisterwerke der Moderne bei sich beherbergen und dort ausstellen. Was passiert also, wenn Frau Meier oder Familie Müller beispielsweise einen Siebdruck von Andy Warhol bei sich hängen haben oder einen Filzanzug von Joseph Beuys? Und was passiert, wenn sie ihre Häuser für Besucher öffnen, denen sie die Kunstwerke - bezugnehmend auf ihre Lebensrealität - auch erklären sollen? „Das ist für mich ein zusätzlicher Aspekt des Projekts, dass die Leute in die Lage dessen geraten, der Kunst erklären und rechtfertigen muss", sagt Mario Höber. Im Zentrum von „Hosted" steht die Frage, wie sehr sich Kunst im Leben eines 600-Seelen-Dorf auswirken kann. Befragungen der Dorfbewohner, Lectures und eine öffentlich ausgestellte Materialsammlung in der Mehrzweckhalle von Leitersdorf werden im Juli 2008 Antworten auf diese Frage geben.

Den Gegenpol zu den sozial-künstlerischen Interventionen, die Höber gemeinsam mit Barbara Hölbling kreiert, bildet der sehr hermetische Umgang mit Material, den Höber in seinen bildnerisch-textilen Solo-Arbeiten pflegt: Ein T-Shirt beispielsweise, in das Wirtschaftsberichte aus Zeitungen und ein Selbstporträt des Künstlers in hockender Position eingenäht sind. Das T-Shirt wurde fotografiert, das Bild davon ausgeplottet und damit zum oberflächlich glatten Bild von einer rauen Patchworkarbeit, von groben Fäden, mit denen das von Medienstatements umgebene Bildnis des Künstlers in abwartender Hocke gezeichnet ist. „Geht's der Wirtschaft gut, geht's uns allen gut", lautet ein markiger Slogan der Wirtschaftskammer Österreich. Wie gut oder schlecht aber geht's dem Künstler in der Gesellschaft? - Arbeiten wie sein „T-Shirt" sind ein komplexes Statement dazu, die sich zu keinen vorschnellen Antworten hinreißen lassen. Hier, in seinen bildnerisch-textilen Werken, schließt sich der Kreis zur permanenten Selbstbefragung und letztlich Selbsthinterfragung, die Mario Höber in all seinen künstlerischen Arbeiten betreibt.

Werner Schandor
Stand: Februar 2008


Update September 2013:
Die Werkliste von hoelb/hoeb hat sich in den fünfeinhalb Jahren seit dem Porträt um zahlreiche wichtige Ausstellungen verlängert, darunter die Projekte „Oral History" (Schloss Hainfeld, 2009), „Transmitter" (Space04/Kunsthaus Graz, 2010), „Let's Believe in Hive" (Kammerspiele München, 2011), „up/downgrade prime" (brut Wien 2012), „unter gang art/updating the downfall" (Tanzquartier Wien 2012), „up/downgrade 2nd" (brut Wien 2013) und nicht zuletzt ihre viel gelobte Ausstellung „Close Link", eine wissenschaftlich-künstlerische Installation über den Umgang mit Menschen/Patienten mit eingeschränkten Sinneswahrnehmungen. Zu sehen war „Close Link" im steirischen herbst 2013.