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Alles wird besser

Jakob M. Erwas Gespür für Film

Jakob M. Erwa © Nowotny&Nowotny
Jakob M. Erwa
© Nowotny&Nowotny

Das Kino ist kein Ort, um etwas über die Wirklichkeit zu erfahren. Sucht man jedoch eine integre und ungeschönte Vermittlung gesellschaftlicher Realitäten, ist das österreichische Kino a la Ulrich Seidl, Michael Haneke und Barbara Albert keine schlechte Adresse. Und noch ein Name lässt hier anführen, jener des in Graz geborenen Regisseurs Jakob M. Erwa. Des Öfteren schon wurde dieser mit Seidl und Haneke verglichen, was an Erwas Bemühen um Authentizität ebenso liegen kann wie an seiner eigenständigen, berührenden Bildsprache.

Nun sind jedoch Vergleiche, vor allem, wenn sie von Journalisten kommen, noch keine Auszeichnung. Der Große Preis der Diagonale hingegen ist eine Auszeichnung, die größte in Österreich erhältliche noch dazu. Mit ihr wird der beste österreichische Film eines Jahres prämiert; im März 2007 war dies der Diagonale-Jury zufolge „Heile Welt", Jakob M. Erwas Bestandsaufnahme des Alltags dreier Jugendlicher.

Insider sahen in diesem Sieg zunächst keine Überraschung, vielen aber stellte er sich als kleine Sensation dar: Der erste Langfilm des jungen Steirers ließ etwa Michael Glawoggers oder Leander Haussmanns Arbeiten hinter sich und stand als Preisträger in einer Reihe mit Florian Flickers „Der Überfall", Fritz Lehners „Jedermanns Fest" oder Andrea Dusls „Blue Moon". Nach Festival-Ende war sofort ein Verleih gefunden, Erwas Film lief in Deutschland und fand auch dort positive Resonanz. Nach Festival-Ende war sofort ein Verleih gefunden und über die österreichischen Kinos hinaus lief Erwas Film erfolgreich auf internationalen Festivals und konnte sowohl durch den "German Independence Award" für den besten deutschen Spielfilm als auch durch zahlreiche Nominierungen - u.a. für die besten Darsteller (M. Sauseng, S. Möstl, A. Schneider), als bester Abschlussfilm und bestes Drehbuch - auf sich aufmerksam machen.

Als sozialkritische Momentaufnahme im Leben dreier Jugendlicher wurde „Heile Welt" gelobt, der Regisseur an amerikanischen Großstadtchronisten wie Larry Clarke gemessen, der Episodenhaftigkeit seines Films wegen mit Alejandro González Iñárritu in Verbindung gebracht - alles sehr schmeichelhaft, alles sehr international. Und wohl auch darum passend. Denn obwohl der 26-jährige „Heile Welt" und auch den Kurzfilm „Wie Schnee hinter Glas" in Graz drehte, ging er doch schon länger internationale Wege.

„Ich wollte bewusst nach Deutschland", betont Erwa gerne. In München nahm man ihn auf Anhieb an der Filmschule auf, Erwa drehte kontinuierlich Film nach Film und war seit 2001 regelmäßig beim Festival des österreichischen Films, Diagonale, vertreten. Diese Serie blieb in Graz nicht unbemerkt. Jakob M. Erwa wurde von der „Kleinen Zeitung" mit der sich selbst erfüllenden Prophezeiung „Morgen-Stern" und viel medialer Aufmerksamkeit bedacht, also als Versprechen gehandelt, das spätestens mit „Heile Welt" als eingelöst betrachtet werden kann. Natürlich will Erwa mehr. Vor allem er sich den Luxus leisten, „Filme aus Stoffen zu machen, die mich emotional berühren". Zurzeit arbeitet er an neuen Stoffen, für genauere Auskünfte ist es aber noch zu früh.

Außerdem ist Erwa dabei, für den ORF die Mini-Jugendserie „tschuschen:power" über jugendliche Migranten in Wien zu drehen. Die ersten beiden Folgen wurden bei der Diagonale 2008 gezeigt und wurden von der Kritik als „herrlich unverkrampft", als positive Annäherung ans Thema und als „veritabler Erfolg" gewertet. Die drei ausständigen Folgen der fünfteiligen Serie - übrigens Erwas erste Fernseharbeit - werden im Sommer gedreht. Die Serie wird im Herbst 2008 im ORF ausgestrahlt.


Christof Huemer, April 2008