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Sturm im Wasserglas

Der Grazer Jakob David Rattinger wurde als Schüler vom Klang der Gambe verführt. Heute ist er selbst ein eleganter Verführer.

Jakob David Rattinger © Heimo Binder
Jakob David Rattinger
© Heimo Binder

Andere greifen in dem Alter - je nach Sozialisierung - zur Rockgitarre oder zur Knopferlharmonika. Jakob David Rattinger war gerade zwölf, als er weder von scharfen Riffs noch von schneidigen Polkas angelockt wurde, sondern von einer Sirene. Der Gesang kam allerdings nicht von einer Göttin, sondern von einer Viola da gamba, „deren Klang der menschlichen Stimme am ähnlichsten ist", wie Jordi Savall, der Weltmeister der sieben Saiten, sagt.

„Das will ich spielen!", war der unbedingte Entschluss des Grazers, der zunächst Klavier gelernt hatte, aber immer schon von Streichinstrumenten fasziniert war und sich über seinen Vater von Alter Musik infizieren ließ. Bei Lorenz Duftschmid und dessen Assistentin an der Kunstuniversität Graz stand der Laufstall für die ersten Gehversuche. Als Schüler pendelte Rattinger schon regelmäßig nach Wien, um in der Gambenklasse von Pierre Pitzl zu studieren - bei jenem Musiker, der seinerzeit die Sirene in einem Konzert auf ihn losgelassen hatte.

 

Neben Besuchen von Meisterkursen war es für Rattinger „der logische Schritt, nach Basel zu gehen". Eher zufällig reingerutscht, weil sein Jahrgang eigentlich schon voll war, fand er im Mekka der Originalklang-Bewegung bei renommierten Lehrern wie Christophe Coin oder Paolo Pandolfo und 300 Studenten das ideale Umfeld, um seine Studien am Instrument und in historischer Aufführungspraxis zu vervollkommnen.

Noch heute nutzt der 28-Jährige die guten Kontakte, wenn er mittlerweile mit seinem eigenen Ensemble „Le Cœur Passionné" oder als Continuo-Spieler etwa mit dem vielfach ausgezeichneten Orchesters „La Chapelle Rhénane" tourt und großen Wert auf den theoretischen Unterbau legt: „Die Materie der frühen Musik ist zu komplex, um sie allein zu durchforsten. Man braucht zu den eigenen Recherchen Profis als Partner".

Zwischen zahlreichen Engagements und Workshop-Leitungen plant Rattinger schon seinen dritten kleinen, aber feinen Barockzyklus in Graz: „Ich verstehe unsere Konzerte jedoch nicht als Konkurrenz zur ,styriarte' oder zu den Krieglacher ,Wochen der Alten Musik', sondern als ergänzende Einstiegshilfe für ein nicht so versiertes Publikum und als spannendes Experimentierfeld". In seinen Programmen schwärmt der Gambist immer wieder vom „emotionalen Gehalt der Musik", die er spielt. Im Gegensatz zur Romantik, die in ihrer Wucht „ein riesiger Berg" sei, „ist die Alte Musik wie ein Sturm im Wasserglas: Sie geht auf die Nuancen des Lebens ein, kann diese Feinheiten zum Sprechen bringen. Und man kommuniziert beim Musizieren ganz mit sich selbst".

Marin Marais klingt „wie ein Engel des Himmels", Antoine Forqueray „wie ein Teufel in der Hölle", heißt es über die Gambenkönige des Barock. Rattinger liebt es sowohl himmlisch als auch höllisch, wobei er stets schnellere, luftigere Interpretationen bevorzugt. Forqueray empfindet er „nicht so diabolisch rau wie ein Gemälde von Hieronymus Bosch, eher so süßlich und verführerisch wie Faust - er bietet mir etwas Schönes an, und ich weiß nicht, worauf ich mich da einlasse".

Neben solchen künstlerischen Verführungen (inklusive das Faible für Instrumentenbau) widmet sich Rattinger in Nürnberg, wo er wegen und mit seiner künftigen Frau wohnt, unter anderem dem Schachspielen und auch der Astronomie: „Da ist die Musik nicht sehr weit weg, es trifft sich". Sternstunden sind für den jungen Gambisten also da wie dort garantiert.


Michael Tschida, März 2008