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Unter Haltungen – stehend (*)

Der Schriftsteller Roland Steiner plädiert für mehr widerständige Literatur

Roland Steiner © Daniel Eberharter
Roland Steiner
© Daniel Eberharter

Als studierter Medienwissenschafter, der sich u. a. mit der Situationistischen Internationale und europäischer Kommunikationsgeschichte beschäftigt, weiß Roland Steiner natürlich sehr genau, wie er sich im Literaturbetrieb zu positionieren hätte. Und doch leistet er sich sowohl den Luxus, auf Selbstvermarktungstechniken weitgehend zu verzichten, als auch die heutzutage wohl ebenso luxuriös anmutende Bürde des Selbstzweifels.

So betrieb er während der letzten 20 Jahre neben Schule, Studium, längeren Aufenthalten in Rom und Siena und diversen Brotberufen reine Textproduktion - veröffentlicht wird erst seit Mitte 2006. Das jedoch sehr erfolgreich: Neben zahlreichen Performances mit der Gruppe „Wortwerft" erschienen rund zwanzig Erzählungen, Kurzprosatexte und Romanauszüge in Onlinejournalen und Zeitschriften (nachzulesen auch in den zur Zeit aktuellen Ausgaben der drei heimischen Magazine „manuskripte", „schreibkraft" und „Lichtungen"), zwischen 2005 und 2007 wurde er drei mal mit Literatur-Arbeitsstipendien des Bundes bedacht.

Ganz bewusst hält der gebürtige Leobener (Jahrgang 1971) auch daran fest, „dass Literatur Widerstand leisten kann bzw. eigentlich muss. Die Rezeption von Literatur muss Anstrengung abverlangen." In der Nähe der Popliteraten mit ihren affirmativen Haltungen sei er daher nicht so ganz daheim, formuliert er euphemistisch, und auch der Entwicklung, die von Ausbildungsstätten ausgeht, wie etwa dem Leipziger Literaturinstitut, steht er eher kritisch gegenüber.

„Endlich ist die Literatur angelangt, wo sie herzlich hingehört, in den Heimgeschichtenwäldern. H. wird auf interaktiven Wunsch serbische Saunen erklären, Kracht tibetische Pflaumentinte rühren, Hou. endlich der einzige artige Reise-Führer und „Österreich" kann zwischen den Vorhangherstellern Franzen, Franz von Heller oder Assisi wählen, jeder Tag ein Bedürfnis reinigendes Po-Slambad."
aus: „Die Relevanz, keine Fragen zu stellen", schreibkraft, Heft 15, 2007

Die Texte des 36-jährigen bedienen weder Schnellrezeption noch Unterhaltungsfetischismus, sie wenden sich vor allem an Reflexionswillige. „Ich schreibe für Menschen, für die Denken und Fühlen keine medialen Erfahrungen sind, Menschen, die auch ohne vorgegebenen Anleitungskatalog Entscheidungen treffen können."

Als Lesender schätzt der in Wien lebende Steiner insbesondere Autoren wie Ilse Aichinger, Klaus Merz, Nanni Balestrini, Kathrin Röggla - und vor allem Josef Winkler. Thematische Nahebeziehungen zu letzterem zeigen sich in seinen aktuellsten Texten, die auf Individuen in Spannungsverhältnissen zwischen familiären und geschlechtlichen Beziehungssystemen, latenten Missbrauchsstadien, virulenten Ängsten, Rückzugsgefechten und Selbstbestimmungsprozessen fokussieren.

„Jesus war ein Rebell, steht auf einem der Folder, REBELLIERE WIE EIN SPECHT, steigt als Bild aus der T-Shirt-Kollektion meines Bruders hoch, wie ein Knecht der Revolution musst du sein, predigt Maria, mir wird übel und trotzdem nehme ich die Broschüre mit an die Luft."
aus: „Guten Morgen. Autonomie", Erzählung

Mit Sprachgewalt und Furor arbeitet sich Steiner an medial vermittelten Realitäten ab, nimmt kulturalisierte Lifestyle-Ökonomien ins Visier und thematisiert die „Partizipationsschwierigkeiten von Querstehenden". Klingt nach harter Kost - und doch wird jeder Leser, der die Einstiegshürde überspringt, mit aberwitzigem Humor und beißendem Sarkasmus belohnt. Der Sprung lohnt sich, denn genau betrachtet ist die Steiner'sche Hürde - „Selber denken!" - ohnehin nicht allzu hoch gelegt.

Weitere Informationen:
Externe Verknüpfung www.poetenladen.de/roland-steiner.htm

Andreas R. Peternell , Dezember 2007

Nach etlichen Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften erschien 2008 eine Sammlung von Roland Steiners Prosa unter dem Titel „Unter Haltungen - stehend" im Arovell-Verlag. Steiners „[...] Sprache, die verstörende Bilder mit lapidarer Nonchalance zu beschreiben in der Lage ist und dabei mit Wortneubildungen und Mut zu Satzverschachtelungen nicht spart, macht dieses Buch so reizvoll", urteilte die Autorin Andrea Stift in ihrer Rezension im Magazin „schreibkraft" über dieses Buch.
Daneben veröffentlichte Steiner weiterhin Texte in Zeitschriften wie manuskripte, perspektive, Zeitzoo, Ostragehege, schreibkraft, DUM, Lichtungen u.v.a.m. sowie in Internet-Literaturzeitschriften wie dem Poetenladen. Seine literarische Arbeit wurde unter anderem mit Arbeits- und Literaturstipendien des Bundes und des Landes Steiermark gewürdigt.

Werner Schandor, Februar 2011