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Raffinierter Sampling-Spezialist

Der bildende Künstler Michael Gumhold fertigt aus rohem, und billigem Alltagsmaterial neue Objekte und Installationen.

Michael Gumhold © Martin Behr
Michael Gumhold
© Martin Behr

Mein Gott, wie sieht der denn aus? Mit schwarzer Baseballmütze, ebensolchem Gewand und dunkler Schminke unter den Augen steht er da, in den Händen hält der Künstler - zum Schlag bereit - einen mit spitzen Nägeln verunstalteten Baseballschläger, der an einen Klobesen für Masochisten erinnert. „o.T., (Kadavergehorsam)" nennt Gumhold das geheimnisvolle fotografische Selbstporträt. Der Künstler posiert, er übernimmt gängige Bilder, Eindrücke, Atmosphären und Objekte aus dem Alltag und überführt diese in ein neues Stadium. Wie ein DJ bedient er sich eines vorgefertigten Materials und schafft neues. In vielen seiner Arbeiten präsentiert sich der 29-jährige Grazer Künstler Michael Gumhold als raffiniert-ironischer Sampling-Spezialist.

Eigentlich hat der an der Wiener Akademie der bildenden Künste (Klasse Heimo Zobernig) ausgebildete Künstler bereits das Handtuch geworfen. In einem schlichten Video war der Künstler zu sehen, wie er ein Handtuch von einer Seite des Raumes auf die andere wirft, es immer wieder aufhebt und neuerlich wirft. Mit diesem visualisierten Sprichwort gelang Michael Gumhold eine witzig-poetische Metapher über das Künstlersein. In einem konzeptualistischen Ansatz reflektierte Gumhold in der Folge mehrfach über die eigene Rolle im Betriebssystem Kunst. Textarbeiten wie „Ich arbeite täglich hart an mir selbst" oder „Ich bin privat derselbe wie hier im Museum" erbringen den Beweis, dass das Nachdenken über das Handeln als Künstler selbst Kunst werden kann. Die Reduziertheit dieser Arbeiten wiederum ist als Statement gegen ausufernde Materialschlachtkunst zu verstehen.

Kunst lässt sich aus allen Materialien herstellen. Aus rohen Sperrholzplatten etwa, die Michael Gumhold im eigenen Atelier zu Tribünen oder - durchaus bequemen - Sitzmöbel-Designklassikern zusammenbaut. Diese Marcel Breuer-Sitzgarnituren, aus billigsten Materialien gefertigt, schlagen die Brücke zwischen repräsentativer Hoch- und einer Fragen stellenden Subkultur. Indem Gumhold auratisierte Objekte aus der Vergangenheit nachbaut und mit seinen Objekten zusätzlich den Skulpturbegriff in funktionale Ebenen erweitert, setzt er ein Zeichen gegen scheuklappenartige Ikonenverehrung. Niemand ist vor einer „Coverversion", um einen Begriff aus der Musik zu verwenden, sicher. Auch Marcel Duchamp nicht. In einem Video zeigt Gumhold eine Variation des Duchamp-Ready Mades „Roue de bicyclette". Allerdings: das auch als Schattenskulptur sichtbare Rad „eiert". Und wie.

Wortwitz und Samplingmethode vereint Michael Gumhold, wenn er aus alten, ausrangierten Musikkassetten, die er in Caritas-Läden oder Flohmärkten erwirbt, großflächige „Kassettendecken" fertigt. Die funktionslos gewordenen Tonträger werden mit Kabelbinder zusammengebunden und meist formal streng als eine Art Zwischendecke in den Raum gehängt. Die von - möglicherweise bereits verstorbenen Menschen weiland aufgenommene oder gekaufte Musik - ist verstummt, die unterschiedliche Buntheit der bereits nostalgisch anmutenden Musikkassetten ist ein Symbol für die Vielzahl an Individuen. Das scheinbar schwebende Objekt wird zu einer eindrucksvollen Skulptur zum Thema Vergänglichkeit. Musik spielt im Werk des Künstlers, der 2006 ein Auslandsstipendium in Chicago absolviert hat, eine große Rolle.

Gumhold baut Musikinstrumente und gleich ein ganzes Bandequipment nach, fertigt aus dem Billigschalldämpfer Eierkarton Wandskulpturen und setzt (fiktive) Klangräume mit Kunsträumen in Beziehung. „Ich mache mir soeben einen Namen", hat Michael Gumhold 2001 in einer Textarbeit behauptet. Das Selbstvertrauen war nicht trügerisch. Mittlerweile hat er ihn schon, „einen Namen" im Betriebssystem Kunst. Einen „guten Namen" noch dazu.


Martin Behr, Dezember 2007