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Stimme ohne Worte (*)

Die Komponistin Erin Gee widmet sich der Erforschung und den Möglichkeiten vokaler Sounds.

Erin Gee © priv.
Erin Gee
© priv.

Erin Gees Musik entzieht sich einer einfachen Beschreibung. Oft prägt ein Eindruck flüchtiger, fragiler Poesie, von Zerbrechlichkeit ein Oeuvre, das beständig danach trachtet, die Möglichkeiten der menschlichen Stimme neu auszuloten, sie aber auch als Inspirationsquelle für neue instrumentale Sounds zu betrachten. Am Anfang dieser Entwicklung stand im Jahr 1999 das „Mouthpiece I". Der Vorbote zu einer Werkreihe, die bezüglich Konsequenz und Eigenwilligkeit in der Welt der Neuen Musik ihresgleichen sucht. Insgesamt neun dieser „Mouthpieces" hat Gee bisher geschrieben. Ihnen gemeinsam ist eine wunderlich schillernde Klangwelt aus geflöteten, gepfiffenen, geschnalzten, gezischten Lauten und vielen anderen unerhörten Sounds, die Gee sämtlich mit ihren Stimmwerkzeugen produziert. An der Stimme fasziniert die Komponistin die „enorme Zahl an Möglichkeiten, mit der Klänge produziert werden können". Außerdem lasse die Stimme innerhalb dieser Möglichkeiten noch weitere, sehr feine Differenzierungen zu. Die klangliche Erscheinung und der Variantenreichtum in der Klangproduktion sind aber nicht die allein ausschlaggebenden Gründe, warum Erin Gee sich so intensiv mit Vokalmusik
auseinandersetzt. Die Verwendung der Stimme außerhalb eines vorgefassten
kommunikativen Systems regt ihr künstlerisches Interesse ebenso an.

Anfangs als Solo konzipiert, wurden die Besetzungvorgaben für diese „Mundstücke" immer umfangreicher. Erin Gee: „Wenn ich Instrumente hinzuziehe, wird das Ensemble zum großen Mund. Die Solostimme wird von dieser größeren Klangeinheit verschlungen. Gleichzeitig verwende ich den Solopart als Ausgangspunkt, die instrumentalen Teile zu entwickeln und zu kombinieren." Am vorläufigen End- und Höhepunkt dieser Arbeiten stand die Verwendung eines Symphonieorchesters. Im „Mouthpiece IX" transferierte Erin Gee ihre Klangwelt in die Hundertschaft des Orchesterapparats. 2006 wurde das mittlerweile preisgekrönte Stück in Graz im Rahmen des musikprotokoll mit dem Radiosymphonieorchester Wien und der Komponistin als solistischer Stimmakrobatin in der Listhalle uraufgeführt.

In Kalifornien geboren, wuchs Erin Gee im US-Bundesstaat Iowa auf. 2001 verschlug es sie nach Graz, wo sie in den Folgejahren an der Kunstuniversität hauptsächlich bei Beat Furrer Komposition studierte. In ihrer Doktorarbeit beschäftigt sie sich übrigens mit dem Problemen der Notation ihrer so speziellen Vokalmusik. Bis Sommer 2008 muss die Steiermark auf Gees Gegenwart jedoch verzichten, 2007 wurde sie zur Stipendiatin des renommierten Rom-Preises erkoren. Ihren knapp einjährigen Studienaufenthalt in Italien nutzt sie zur Arbeit an einer Oper, deren Uraufführung für Zürich geplant ist. Auch dieses Musiktheater wird natürlich ihre persönliche kompositorische Handschrift tragen. Dass sie dabei fast ohne Worte auskommen wird, ist für eine Oper doch ungewöhnlich. Für das Bühnenwerk setzt sich die Komponistin derzeit intensiv mit den Traditionen der Commedia dell' Arte und deren Grammelot auseinander. Unter Grammelot versteht man eine im 15. Jahrhundert von den herumreisenden Theatern entwickelte Kommunikationsform. Diese Bühnensprache kommt mit rudimentären Wortfetzen aus und wird nur durch den Tonfall und unterstützender Gestik verständlich. Die Sänger benutzen ebenfalls keine Worte, nur eine als „Schauspieler" bezeichnete Figur bedient sich eines Textes. Konzipiert hat Gee die Rolle für ihren Bruder Colin, der früher als Clown beim Cirque de Soleil tätig war. Der Filmemacher und Performer Colin fungiert gleichzeitig als Librettist für Erins Bühnenwerk. Die Projektdetails verheißen einen spannenden, originellen Zugang zum Musiktheater. Man sieht: Von den manchmal gar zu einer "Grazer Schule" stilisierten Kompositionslehrern der Grazer Kunstuniversität (Haas, Furrer, Kühr) gingen und gehen Impulse aus. Das Schaffen und der sich einstellende Erfolg von Erin Gee ist ein Zeugnis dafür, dass auch die nachfolgende Generation dafür sorgen kann, dass Graz seine Leuchtkraft als Stadt der Neuen Musik nicht einbüßt.

Internet:
Externe Verknüpfung www.focaldesigns.com/eringee/


Martin Gasser , Jänner 2008

Ihren Mundstücken ist Erin Gee auch 2008 bis 2010 treu geblieben. In ihrer Werkliste scheinen Mouthpiece X (für Stimme und Ensemble, 2008), Mouthpiece XI (für Stimme und großes Ensemble, 2009), Mouthpiece XII (für Stimme und elektronisches Ensemble, 2009), Mouthpiece XIII (für Stimme und Orchester, 2009) und 2010 schließlich Mouthpiece XIV auf. Letzteres überrascht ob seiner Besetzung: Es ist schlicht für Klavier geschrieben. 2011 folgt die Uraufführung eines 45 Min. langen Stücks für Großes Orchester am Opernhaus Zürich. Die Jahre 2008, 2009 und 2010 waren für die Komponistin Erin Gee überhaupt reich an internationalen Aufführungen - in New York und Boston waren ihre Werke ebenso zu hören wie in Zürich oder Berlin, in Brasilien oder Kolumbien. Am Radcliffe Institute for Advanced Study in Cambridge und am Montalvo Arts Center, in Saratoga, California hatte Erin Gee 2009 Stipendien, Mouthpiece XIII wurde an der Carnegie Hall uraufgeführt.


Werner Schandor, Februar 2011