Link zur Startseite

Misstraue der Idylle!

Das richtige Genre im richtigen Moment. Johanna Moder erzählt Geschichten für Bühne und Kino.

Johanna Moder © Stefan Beer
Johanna Moder
© Stefan Beer

Es gibt ein russisches Sprichwort, das besagt, dass es dort am schönsten ist, wo man gerade nicht ist. Was nicht bedeutet, dass das Hier ganz ungeliebt sein muss, sondern Sehnsucht auch treibender Motor sein kann. Ein wenig verhält es sich so im Fall von Johanna Moder. Die 28-jährige, gebürtige Grazerin ist Regisseurin, schreibt Drehbücher für Film und Bühne. Und „immer, wenn ich eine Bühnenproduktion fertig habe, schwöre ich mir, dass es die letzte war." Als zu intensiv, zu emotional aufreibend empfindet sie den Arbeitsprozess am Theater. Wenn dann aber am Filmset viel weniger stringent alles zu einem Film zusammengetragen wird, da kann die Sehnsucht nach der Unmittelbarkeit in der Theaterarbeit schon wieder aufkommen. „Dafür ist das Endprodukt Film wiederum viel mehr in der Lage zu berühren."

Diese Switchen zwischen den Genres ist prägend für Moders künstlerisches Schaffen. Ein Workshop mit dem Grazer Theater im Bahnhof war ausschlaggebend für die Gründung des Theaterkollektivs Dagmar, das VertreterInnen verschiedenster Kunstsparten in sich vereint und sich einer prozessualen Arbeitsweise verschrieben hat. Kein fertiges Bühnestück ist die Ausgangsbasis, sondern ein „hybrides Gebilde", das irgendwann bühnentauglich ist. Die letzte gemeinsame Produktion nannte sich „Tatort Chor", ein Krimi fürs Theater. Ohne das aktuelle gesellschaftspolitische Geschehen auszuklammern. Im Jänner 2008 folgte mit „Ihre Partei Österreichs" ein theatralischer Kommentar zu den Grazer Gemeinderatswahlen.

Die Krimistruktur ist für Moder ohnehin eine „Königsdisziplin", bei einem „echten" Tatort Regie zu führen wäre eine echte Herausforderung. „Spannend ist dabei, mit fix vorgegebenen Figuren arbeiten zu können." Den Druck, gleich einen Spielfilm machen zu müssen, empfindet sie hierzulande als viel zu groß. Nach der Arbeit als Regieassistentin bei RegisseurInnen wie Barbara Albert, Michael Glawogger und Jörg Kalt ist es für Johanna Moder aber dennoch an der Zeit, diesen Weg einzuschlagen.
Neben etlichen Kurzfilmen, einem Musikvideo zu „Not My Dog" der Grazer Band „The Base" und dem Dokumentarfilm „Franz - Das 2. Vatikanum geht in Pension" ist „Her mit dem schönen Leben" (2007) ihre bislang längste Produktion. Gemeinsam mit Pia Hierzegger hat sie dafür das Drehbuch geschrieben, das mit dem Thomas-Pluch-Drehbuchförderpreis ausgezeichnet wurde. Selbst hier geht durch die Arbeit mit LaiendarstellerInnen der spannende Prozess der Gegenseitigkeit nicht verloren. „Jeder und jede bringt ihre eigene Geschichte mit, bereichert den Film durch den eigenen Blick", betont Johanna Moder.

„Her mit dem schönen Leben" ist die Geschichte eines pubertierenden Mädchens, dessen Selbstverständnis vom Leben zwischen erster Liebe, Ausgehen und Schule durch die plötzliche Arbeitslosigkeit des Vaters aus den Fugen gerät. Eine Geschichte, die nicht zuletzt Moders Blick auf die Welt dokumentiert. Ein Blick, der gerne auf die Brüche zwischen uns sieht, der der Idylle misstraut und von einem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit geprägt ist.

Judith Schwentner, Dezember 2007