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Von wegen nur kane Tanz’

Ton und Töne, Seifenkisten und ABS, Colors und Couleurs: Gideon Koval ist nichts fremd.

Gideon Koval © priv.
Gideon Koval
© priv.

Ich hab' als Kind mal gehört, man soll nicht auf drei Hochzeiten gleichzeitig tanzen. Jetzt sagen Sie sicher: „Das heißt doch auf zwei Hochzeiten." Dabei wären zwei ja noch in Ordnung gewesen. Aber was für mich gilt, muss nicht zwingend „zwingend" sein. Einer, der sich ganz bestimmt nicht zu irgendetwas zwingen lässt, ist das Grazer Allround-Talent Gideon Koval. Und der liebt es, auf fünf Hochzeiten gleichzeitig das Tanzbein zu schwingen - mindestens! - und nebstbei noch zwei Gspusis zu beglücken. Gspusi ist übrigens nicht das finnische Wort für „die andere Hochzeit", obwohl Koval finnische Wörter zu lieben scheint. Beweis: HAKKAAPÄÄLL, der Name seiner Trashfusion-Band, der er Stimme und Handarbeit am Schlagzeug leiht. Und das hat der 1975 in Graz geborene Koval richtig g'lernt.

Am hiesigen Konservatorium. Genauso wie das Hantieren mit Keramik, mit Farbe und Pinsel und sonstigem Künstlerkramasuri. Zwingen, das Gelernte schön brav nach Lehrplan anzuwenden, hat er sich aber auch nicht lassen, der Freigeist, der. Stattdessen hat er lieber die Malerei auf Häuser und die Keramik in den Kurzfilm gebracht. Animiert - also die Keramik, nicht die Malerei; die ist nämlich Fleisch geworden. Zumindest leiht sie selbiges seinen Figuren, die ganz lapidar und titelgerecht einfach „A Star", „A Moviemaker" oder „An Actor" heißen und - wie weiland Batmans klobiger Widersacher „Clayface" - den Menschen aufs Material zurückwerfen und vice versa. Da trägt es einen schon mal aus der Kurve, wie bei nostalgisch-charmanten Seifenkistenrennen, für die der Koval ja ein Faible hat, hört man. Vielleicht hebt er dabei ja ein wenig ab, wie die spirituellen Figuren bei Chagall, die in seiner Malerei auch ein wenig mittanzen dürfen. Und wenn auch nur, um etwa die Mauer am „Haus der Senioren" in Salzburg/Land vom Materiellen ins mehr Vergeistigte zu verbringen. Auch wenn die Vergeistigung beim Koval nichts mit Mangel an Erdung tief im Leben zu tun hat. Für die sorgt nämlich immer auch der Umgang mit anderen „Mehrfachtänzern", wie etwa seit 1999 Helga Chibidziura und Aron Rynda, seinen Mitgründern und -streitern beim Künstlerkollektiv ABS. Wobei nicht ganz geklärt scheint, wofür ABS wirklich steht. Möglich wäre „Ausschuss für Betriebssicherheit", „Alkylbenzolsulfonat" oder „Antiblockiersystem". Oder ist gar die „Alternative Bank Schweiz" gemeint? In jedem Fall aber ist die Gruppe äußerst rührig in Sachen „Kunst aus irgendwie allem machen" unterwegs. Das reicht vom „Extremseifenkistendownhillrennen" über das eigene Label „Der Lurch" bis zur Gestaltung der website Externe Verknüpfung www.verkrampft.com. Dabei ist die alles andere als verkrampft. Beschwingt geradezu. Von jener Körperlichkeit, der sich Koval wohl immer gerne hingibt. Sei es die, ob seiner schweißtreibenden Tätigkeit, schon rein praktisch erforderliche, Nacktheit des trommelnden Oberkörpers bei HAKKAAPÄÄLL, die expressiv aufgeladenen und doch irgendwie auch dezent-zärtlichen Akte in seiner Malerei oder die polymorphen Figuren seiner lethargisch daherkommenden Claymation-Shorts. Die Physis, das Physische zu strapazieren, zu dehnen, auszureizen, ist ja auch nur logisch bei einem kreativen Vieltänzer wie Koval. Übrigens, auf finnischen Hochzeiten tanzt man seit einigen Jahren auch Tango. Aber das ist eine andere Geschichte ...

A. Heimo Sver, Dezember 2007