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„Ma wird, wos ma is!“

Vom Kleinen ins Große und wieder retour: Gregor Stadlober, der Minimalist maximaler Gefühle.

Gregor Stadlober © polyfilm
Gregor Stadlober
© polyfilm

Der Name: Gregor Stadlober. Der Heimatort: Fohnsdorf. Der Job: Aussteiger. Nein, so stimmt das eigentlich nicht ganz ... aber irgendwie ja doch. Denn irgendwie ist er ja auch ausgestiegen, vielleicht auch ausgebrochen, um ins Business bewegter Bilderflut reinzufallen ... gezielt und unbeholfen sicher reinzustolpern. Er, der das Fohnsdorfer Quartett aus seinem Drehbuchhit „Kotsch" zum Quintett erhöht - oder besser noch: im kreativen Solo „Ex-Student-wird-Filmemacher-um-uns-auf-die-nüchternen-Details-im-komplexen-Ganzen-aufmerksam-zu-machen" vereint. Dafür gab's anno 2001 den Carl Mayer-Drehbuchpreis und fünf Lenze später das Movie in pointiert-greller Inszenierung durch Helmut Köpping vom Grazer Theater im Bahnhof, der damit als Filmregisseur debütierte. „American Graffiti, Styrian Style" könnte man die Geschichte rund um die Twentysomethings Alf, Boris, Chris und Dalli auch nennen, die im einstmals größten Dorf Österreichs mit dem tiefsten Braunkohleschacht Europas zwischen weißem Spritzer oder Spritzer weiß dahinvegetieren. Damals, wo der Stadlober noch der Gregor war, sind die Burschen halt noch klein gewesen, und Fohnsdorf war groß - minimundusgroß. 2006 sind sie angewachsen, Fohnsdorf ist geschrumpft, und der Gregor, der Stadlober Gregor jetzt, war schon nicht mehr vor Ort. Egal! Denn da war sein Blick auf diesen Mikrokosmos endloser Tristesse in heimeliger Öde, auf dieses „Kotsch"-Sein, bereits fokussiert. Es ist das ein akribisch genauer Blick. Eine Beobachtungsfallstudie am Rand von allem und nichts. Ein das Ohr ganz nahe an die ständig seiernden Lippen der Normalität Halten, das letztlich eine exakt ausbalancierte Mischung aus Zuneigung und Ekel fürs Provinzielle erzeugt, der man sich fasziniert in seiner ganzen Grauslichkeit hinzugeben sucht.

Ja, Stadlober schauen heißt, sich der Realität in verwischter Super-8-Ästhetik stellen und so einem (aus-)gebremsten Österreich aus raffiniertem Found Footage-Movie („Einmal muss Schluss sein!") und seltsam irrealer Doku („Wir Lawog-Frauen haben's schwer!") ausgeliefert sein. Zunächst schmunzelt man unsicher, lacht verlegen, und dann tut's mit einem mal weh - fürchterlich weh. Selbst dort, wo die stadlobersche Weltsicht aus kalkulierter Phlegmatik und omnipräsentem Irrsinn auf lauschige Comedy-Dialoggröße reduziert wird und sich dabei ein kapitaler ORF-Flop wie „Mitten im 8en", für den er bei einigen Folgen als Texter verantwortlich war, daran hochziehen will. Das musste natürlich misslingen. Fernsehen darf nicht mehr schmerzen. Und die Realität nach Stadlober ist zu schockierend normal, um sie mit überbordender Fiktion austreiben zu wollen. Was blieb, waren Fragmente in „Kotsch", schlecht interpretiert und schlechter noch inszeniert. So fucking what!? Ihm hat der Zwischenstopp im Quotentief jedenfalls nicht geschadet und seiner Schreibe schon gar nicht. Vertraut man den Gerüchten und „Fakten" digitaler Recherche, so bewegt sich ein neuer Moloch emotionaler Befindlichkeit en miniature unaufhaltsam aufs Kino zu. „Big Love" soll die aktuelle Stadlober-Mär (wie so oft in schreibender Ko-Autorenschaft mit Gisela Hesser) heißen und laut Pressetext vom Lieben am Rand der Gesellschaft und der Unromantik des Existenzminimums erzählen. Und natürlich auch von zweien, die gleich nach dem ersten Date wissen, dass sie zwar nie gemeinsam lachen werden, aber es ein für alle mal satt haben, nach den Regeln der anderen zu spielen resp. „kotschig" zu werden.

A. Heimo Sver, Dezember 2007