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Zu wenig Zeit, um nichts zu tun

Über die Jazzsängerin, Autorin und Kulturaktivistin Irina Karamarkovic

Irina Karamarkovic © Robert Uranitsch
Irina Karamarkovic
© Robert Uranitsch

Die 1978 im Kosovo geborene Irina Karamarkovic kam schon früh mit der Musik in Berührung. In eine sehr musikalische Familie hineingeboren, hat sie schon als Kind bei diversen Festivals gesungen und dann als Jugendliche in unterschiedlichsten Rock- und Alternative-Bands Erfahrungen gesammelt. Der Zugang zum Jazz war aber kein einfacher: „Es war nicht leicht für uns, Original Jazz-CDs zu bekommen, oft kauften wir bulgarische, unbeschriftete Musikkassetten von Straßenhändlern. Es war aber spannend, herauszufinden, wer auf den Bändern spielte", sagt Karamarkovic heute lächelnd. Freunde gaben ihr aber später auch richtige Jazzplatten und so war sie früh schon von Karin Krog, Joni Mitchell, Dexter Gordon und Chick Corea's Elektric Band beeinflusst.

Durch den kurz bevorstehenden Krieg im Kosovo begann sie mit NGOs und Kulturinitiativen zu arbeiten, da sie bemerkte, dass vieles in ihrer Umgebung nicht mehr stimmte, und sie versuchte diese Umstände mit Gleichgesinnten zu ändern. So gründete sie etwa die „Post Pessimists", die einen Dialog zwischen serbischen und albanischen Studenten pflegten. Oft fuhr sie ins weit entfernte Belgrad, um Jazzkonzerte zu hören und wusste, dass sie eigentlich nach Graz wollte. „Aus drei Gründen", wie sie erzählt: „Erstens hatte die Universität in Graz einen guten Ruf, zweitens blieb ich dadurch meiner Familie nahe und drittens bin ich eine überzeugte Europäerin und wollte nicht in die USA gehen".
Nach anfänglichen Problemen mit der Bürokratie lebte sie sich in Graz schnell ein und wurde in der Szene recht gut aufgenommen. „Ich musste mich in der mir damals fremden Stadt erst beweisen; das fiel mir aber nicht sehr schwer, da ich immer wusste, was ich wollte", so Karamarkovic. Sie absolvierte das Studium des Jazzgesangs an der Kunstuniversität Graz, lernte bei Größen wie Mark Murphy und Sheila Jordan. Bei einem Engagement im Musical „The Black Rider" traf sie mit Sandy Lopicic zusammen, dessen Orkestar sie längere Zeit verbunden blieb.

Zur gleichen Zeit begannen die Bombardements im Kosovo. „Ich war alleine in Graz und sah auf CNN die Bomben in meiner Heimat fallen. Ich hatte kein Geld und war am Boden zerstört. Ich begann schließlich zu singen und zu schreiben, um eine Chance zu haben, das irgendwie zu verarbeiten", so Karamarkovic. Aus dieser Not heraus entstand die CD „Songs from Kosovo", die sie mit ihrem Quartett einspielte. Mit den literarischen Texten, die sie damals schon schrieb, gewann sie unter anderem den Literaturpreis „Fluchtwege" des Grazer Straßenmagazins „Megaphon" sowie mit „Schreiben zwischen den Kulturen" den Amerlinghaus-Literaturpreis 2004. Zurzeit arbeitet Karamarkovic an einem Roman über den Kosovo.

Karamarkovic arbeitet aktuell mit der LA Big Band (Namensgeber ist Lois Aichberger und nicht die amerikanische Metropole), mit der eine beeindruckende CD, „Sounds of Kosovo", eingespielt wurde. Darauf wird zeitgenössischer Jazz mit Texten und Liedern vermengt, was, von Karamarkovic brillant dargebracht, einen überaus spannenden und einfühlsamen Mix ergibt.

Aber Karamarkovic ist auch in anderen Genres tätig und auch dort erfolgreich. „Ich werde so oft wie Pizza bestellt", lächelt sie. Bei „Balkanizer", einem Projekt mit BJ Nevenko, werden elektronische Elemente mit balkanischer Leichtigkeit gemixt, weiters betreibt sie ein Klezmerprojekt und moderiert Megaphon-Lesungen. „Ich habe zuwenig Zeit, um nichts zu tun und mich auszuruhen", sagt sie augenzwinkernd.

Website: Externe Verknüpfung www.irinakaramarkovic.com

 

Christian Salentinig, Dezember 2007